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Peru: Die Forscher vom Humboldt-Strom

Boot mit Forschern bei Messstation auf dem Meer vor Peru
Deutsche Forscher untersuchen den Humboldt-Strom vor der Küste Perus  | Bild: SWR

Schwimmende Testlabore mitten im Pazifik, vor der Küste Perus – das ist die Arbeitsumgebung von Ulf Riebesell. Der Meeresbiologe erforscht den Humboldt-Strom, der im Pazifik vor Peru aufläuft. Er macht die Region zu einem der ertragreichsten Fischfanggebiete der Welt. Doch immer häufiger gerät der Strom ins Stocken.

Riebesell und sein Team wollen herausfinden, wie der Klimawandel das Ökosystem beeinflusst und was die Veränderungen für die Fischerei bedeuten – ganz in der Tradition des deutschen Forschers Alexander von Humboldt, der den Strom einst entdeckte.

Plötzlich verschwinden einzelne Fischarten

Raus in den Pazifik – vor der Küste von Lima. Seit mehr als 40 Jahren holen Jesús Santos und Julio Culia hier Fische aus dem Ozean. Benzinmotor anwerfen, Spülmittel auf die Haut – und reinquetschen in den Tauchanzug, der ebenso Jahrzehnte auf dem Buckel hat. Für Jesús geht es jetzt sechs Meter in die Tiefe. Oben hält Julio den Sauerstoff-Schlauch. Er zweifelt seit einigen Jahren, ob sich die Fischerei noch lohnt. "Früher haben wir deutlich mehr rausgeholt: Fische im Überfluss. Wir sind auch aufs Meer rausgefahren. Was haben wir damals hier in kurzer Zeit alles gefangen!"

Taucher kommt an Oberfläche
Die Fischer haben weniger Erträge  | Bild: SWR

Thunfisch, Haie und Meeräschen – alles Geschichte. Kleine Fischer wie sie klauben mittlerweile meist nur noch Krabben und Krebse in Ufernähe zusammen. Denn das Meer verändere sich. "Es verschwinden plötzlich einzelne Fischarten", klagt Jesús Santos. "Das liegt daran, dass sich die Strömung in den letzten Jahren verändert hat."

An der Küste Perus läuft der Humboldtstrom auf. Er bringt nährstoffreiches Wasser aus dem antarktischen Süden in diese Region. Dieses ist sieben Grad kälter als der Rest des Ozeans vor Peru. Vor der Küste strömt der nährstoffreiche Humboldtstrom aus 100 Meter Tiefe an die Oberfläche. Sein Wasser ist voller Plankton: winzige Organismen und Algen, die als Futter für Meerestiere dienen. Genau deshalb ist Perus Pazifik ein optimaler Lebensraum für Fische – und eines der ertragsreichsten Fanggebiete der Welt. Perus industrielle Fangflotten sind "Weltmeister" bei Sardellen. Daraus produzieren sie Fischmehl. Rund 50 Prozent des Weltbedarfs.

Schwächt der Klimawandel den Humboldt-Strom?

Ulf Riebesell erforscht den Strom, den der Deutsche Alexander von Humboldt einst entdeckte. "Humboldt war hier vor langer Zeit. Er hat als Erster den Strom beschrieben. Deshalb wurde er nach ihm benannt. Es ist also etwas Besonderes für einen Deutschen, hierher zu kommen und ganau auf diesem Strom zu arbeiten." Die Forscher aus Kiel haben dafür schwimmende Testlabors installiert. Mitten im Pazifik. Insgesamt neun Stück. Aus diesen zwölf Meter tiefen, komplett geschlossenen Plastiksäcken – gefüllt mit Pazifikwasser – holen sie täglich Proben heraus. Ulf Riebesell und sein Team wollen den Humboldtstrom simulieren, der hier an die Oberfläche treibt. "Wir haben 55 verschiedene Messparameter, die wir erfassen: biologische, chemische und physikalische. Die können wir dann miteinander vergleichen, können dann wirklich das eine auf das andere zurückführen. Das ist ein hochgradig kontrolliertes System, das wir haben und dadurch können wir eine ganze Menge mehr lernen, als wenn man nur im offenen Ozean arbeitet."

Forscher mit Forschungsboje
Ulf Riebesell erforscht den Humboldt-Strom | Bild: SWR

Die Deutschen wollen – ganz in der Tradition Humboldts – herausfinden, was die Grundlage für den Fischreichtum hier ist. "Es gibt kleine Mikroorganismen, es gibt Algen, es gibt Zooplankton und so was", erklärt Mar Fernández Méndez. "Eigentlich sieht man das gar nicht mit den Augen. Aber wenn man sich das mit dem Mikroskop anschaut, sieht man ganz viel Leben darin." Alle paar Jahre jedoch gerät der Humboldtstrom ins Stocken. Weil wichtige Passatwinde ausbleiben, stoppt auch der Ozean-Auftrieb. Es ist das Phänomen "El-Niño". Dann erwärmt sich der Pazifik. Organismen und Algen sterben ab. Perus Fischer machen kaum mehr Beute. Wie sehr die Fischbestände in El Niño Jahren zurückgehen, wollen die deutschen Forscher herausfinden. Welche konkreten Folgen es also hat, sollte sich der Humboldtstrom im Zuge des Klimawandels immer öfter abschwächen.

Auswirkungen auf die Ernährung der Welt

Dabei schauen die Deutschen auf die Nahrungskette – also Mikroorganismen, Algen und Sardellen, die dieses Ökosystem so stark machen. In diesen Becken züchten sie Sardellen-Larven. Die werden später in die schwimmenden Testlabors eingesetzt. Manche der Labors sind nährstoffärmer als andere. So simulieren sie das El Niño Phänomen. Die Frage ist, wie sich die Sardellen bei einer Klimaerwärmung entwickeln. "Der Klimawandel verändert auch die Ozeane massiv", sagt Ulf Riebesell. "Zum einen wird der Ozean wärmer durch die Klimaerwärmung. Er wird aber auch saurer, dadurch dass der Ozean sehr viel CO2 aufnimmt. Und kritisch in der Region hier: Er verliert Sauerstoff."

Felsige Küste Perus
Der Humboldt-Strom bringt nährstoffreiches Wasser an die Küste  | Bild: SWR

Durch diese Klimaveränderungen könnte die Nahrungskette nachhaltig ins Stocken geraten. Mit Auswirkungen auf die Fischerei und damit auch die Ernährung der Weltbevölkerung. Deshalb wollen die Deutschen herausfinden, mit welchen Folgen die Fischerei rechnen muss, wenn sich das Meer in Zukunft erwärmt … und der Auftrieb des Humboldtstroms öfter ausbleibt.

Den kleinen Fischern bricht die Arbeit weg

"Wir sehen, dass sich die Häufigkeiten der El Niño-Ereignisse ändern" sagt Ulf Riebesell. "El Niño ist ein Ereignis, wo dieser Auftrieb quasi völlig zusammenbricht. Während El Niño Jahren ist die Fischerei hier massiv eingebrochen." Mit Hilfe von Tauchern und Wasserpumpen simulieren die Forscher in ihren Plastiksäcken verschiedene Zukunftsszenarien. Wie stark könnten die Fischbestände zurückgehen? Und auf welche Organismen kommt es dabei an? Nicht nur die Forscher – auch Politiker und Lebensmittelkonzerne weltweit – wollen verstehen, was unter der Meeresoberfläche passieren wird, wenn sich die Klimaextreme häufen.

Dass sich derzeit etwas verändert, spüren selbst kleine Fischer – wie Jesús und Julio. Auch heute wieder haben sie nur mickrige Beute gemacht. Umgerechnet 30 Euro kriegen sie für einige Kilo Krabben und fünf Kraken. "Wir fangen schon seit einiger Zeit nicht genug, um unseren Kindern eine Ausbildung finanzieren zu können" sagt Jesús Santos. Das macht mir Sorgen. Nach all den Jahren, die wir auf dem Buckel haben, bricht uns die Arbeit weg." Sie könnte bald schon verschwinden: Die Kleinfischerei im Humboldtstrom vor der Küste Perus.

Autor: Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Stand: 14.06.2020 22:28 Uhr

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