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Ruanda: Schwierige Rückkehr nach dem Völkermord

PlayFotografien von Opfern des Völkermordes in Ruanda
Ruanda: Schwierige Rückkehr nach dem Völkermord | Bild: dpa / picture-alliance

Habimana Moise wurde im Jahr des Völkermords in Ruanda geboren – 1994. Seine Eltern flohen mit dem Baby in den Kongo, aus Angst vor der Rache der Opfer. Die damalige radikale Hutu-Regierung war verantwortlich für den Genozid an bis zu einer Million Menschen, die meisten von ihnen Tutsi. Viele Hutu fürchteten daher Vergeltung.

Jetzt kehrt er zurück nach Ruanda, eine Rückkehr ins Ungewisse. Aber alles ist besser als das Leben, das Habimana bis jetzt führte. Er war Soldat in einer Rebellengruppe, fürs Essen überfielen sie Dörfer. Habimana Moise hat seine Waffen abgebeben, mit Hilfe der UN und der jetzigen ruandischen Regierung kehrt er zurück ins Land seiner Eltern – 25 Jahre nach dem Völkermord. Sabine Bohland, ARD-Studio Nairobi

Der Audio-Podcast des Weltspiegels "Trauma Völkermord" beschäftigt sich auch mit diesem Thema, u.a. in einem Gespräch mit Carla del Ponte.

Zum Sonnenaufgang scheint alles friedlich. Dabei bekämpfen sich im Ostkongo seit mehr als 20 Jahren marodierende Rebellengruppen. Der Friedensmission der Vereinten Nationen ist es bis jetzt nicht gelungen, die Gewalt zu beenden. Ein Erfolg ist es schon, wenn es gelingt, einzelne Kämpfer zum Aufgeben zu bewegen.

Tor mit Aufschrift "UN"
Die UNO versucht, einzelne Kämpfer zum Aufgeben zu bewegen  | Bild: SWR

Nsabimana Charmant war noch bis zum Vortag Mitglied einer bewaffneten Rebellengruppe aus Ruanda, die im Ostkongo operiert. Ohne Ausweg – bis er erfuhr, dass die UN ihm helfen könne, in die Heimat seiner Eltern zu gehen. Eine gründliche Untersuchung gehört dazu. Von Ruanda weiß der junge Mann wenig. Er ist im Kongo geboren, seine Eltern flohen dorthin nach dem Genozid, wie Hundertausende andere, aus Angst vor Vergeltung. Viele leben bis heute hier. "Ich bin von ganz weit weg hierhergekommen. Jetzt bin ich bei der UN in Sicherheit und ich denke, dass sie mir auch weiterhin helfen werden. Meine Zukunft wird nun anders werden."

Vorbereitung auf ein ziviles Leben

Noch am selben Tag sollen Charmant und ein anderer Ex-Rebell über die Grenze gebracht werden. Ruanda hat sich verpflichtet, sie zu reintegrieren. "Ich bin sehr glücklich. Wenn ich Flügel hätte, würde ich bis in den Himmel fliegen." Und Habimana Moise sagt: "Ich gehe wirklich in mein Land zurück. Ich bin aus dem Busch raus, ich bin so froh darüber." Habimana Moise wurde im Jahr des Völkermords in Ruanda geboren. Seine Eltern flohen mit ihm als Baby in den Kongo. Seitdem lebte er hier. Die beiden jungen Männer haben mit dem Völkermord nichts zu tun. Ihre Väter vielleicht schon. Die Söhne sind Opfer der Umstände geworden. Die radikale Hutu-Regierung war verantwortlich für den Genozid an bis zu einer Million Menschen, die meisten von ihnen Tutsi. Viele Hutu fürchteten daher die Rache der Opfer, auch die Eltern der beiden.

Nsabimana Charmant
Nsabimana Charmant | Bild: SWR

Ruanda – Eine andere Welt. Vom Grauen des Völkermords sieht man an der Oberfläche längst nichts mehr. Die 'verlorenen Söhne' werden in einem Re-Integrierungscamp willkommen geheißen. Ehemalige Rebellen bereitet die ruandische Regierung hier auf ein ziviles Leben vor. "Ich bin noch nicht einmal eine Stunde hier und ich mag es jetzt schon. Es ist ein guter Ort", sagt Nsabimana Charmant.

Manche der Männer erkennt Moise wieder. Sie alle haben im Kongo gekämpft. Zehntausende ehemalige Hutu-Rebellen sind in den vergangenen Jahren freiwillig nach Ruanda zurückgekommen. Ein voller Teller, für den man kein Dorf plündert, niemandem Gewalt antut. Eine neue Erfahrung. Am nächsten Morgen. Die Männer singen ein Loblied auf Ruanda. Diesem Mantra begegnet man überall im Land: Frieden, Einheit, Versöhnung.

Keiner will vom Völkermord reden

Die Einteilung in Hutu und Tutsi ist heute Tabu. Ein Psychologe spricht über Traumata. Ihr müsst darüber reden, sagt er. Das haben die Männer nie gelernt. Manche von ihnen waren 1994 keine Kinder mehr. Wem eine Beteiligung am Genozid nachgewiesen werden kann, den erwartet auch heute noch ein Gerichtsverfahren. Charmants Eltern sind im Kongo geblieben. Warum, kann man nur vermuten. Wo er später hin soll, weiß er noch nicht. Das Camp wird versuchen, Verwandte zu finden. Moise hingegen wird seine Familie bald treffen können.

Der Manager des Re-Integrierungscamps gehörte zu den Soldaten, die den Völkermord beendeten. Auch aus seiner Familie wurden viele getötet. Jetzt sorgt er dafür, dass Täter von damals in die Gesellschaft zurückfinden. "Über Hutu und Tutsi zu sprechen bringt uns nicht weiter", meint Ephrem Kanamugire. Hier im Center sprechen wir nur darüber, um diesen Leuten zu zeigen, welchen langen Weg hin zu Einheit und Versöhnung wir schon gegangen sind."

Die Rebellen im Kongo hingegen predigen nach wie vor Hass. Ruandas Regierung ist Erzfeind. "Im Busch haben sie uns erzählt, dass sie während des Genozids Menschen getötet haben und deshalb fliehen mussten", sagt Habimana Moise. "Mehr weiß ich nicht. Nur, dass sie nicht gerne darüber geredet haben." Und Ephrem Kanamugire ergänzt: "Die 20 oder mehr Jahre, die sie im Kongo verbracht haben, sind sie von dieser Hass-Ideologie verletzt worden. Und vom Krieg, vom Wetter, von allem. Darüber zu reden hilft ihnen, die Wunden zu heilen und nach vorne zu schauen."

Ein weiter Weg bis zu Frieden, Einheit und Versöhnung

Tags drauf bekommt Habimana Moise ein bisschen Geld und die Erlaubnis, seine Familie für drei Tage zu besuchen. Ein wichtiger Teil des Reintegrationsprozesses. Seine Mutter hat der junge Mann seit 10 Jahren nicht gesehen. Sie ging zurück nach Ruanda, als er ein Teenager war. Er blieb bei den Rebellen. "Ich bin so froh, mein Kind wieder bei mir zu haben", sagt seine Mutter. Nachbarn freuen sich mit. Sie gehören beiden Volksgruppen, Hutu wie Tutsi, an.

Habimana Moise umarmt seine Mutter
Wiedersehen nach zehn Jahren | Bild: SWR

Im Ruanda von heute soll das keine Rolle mehr spielen. Der Alltag ist ohnehin nicht leicht. "Im Kongo hatten wir immer die Hoffnung, Gold zu finden", sagt Habimana Moise. "Aber das wurde nichts. Ich frage mich natürlich schon, wovon ich hier leben werde und wie meine Zukunft aussieht."

Die paar Monate im Re-Integrierungscamp werden 25 verlorene Jahre im Busch kaum ausgleichen können. Nicht nur die, die den Genozid miterlebt haben, leiden unter den Folgen. Auch für die Kinder der Opfer wie der Täter ist es noch ein weiter Weg bis zu Frieden, Einheit und Versöhnung.

Stand: 31.03.2019 21:02 Uhr

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