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Russland: Die sterbende Industrie der Monostädte

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Russland: Die sterbende Industrie der Monostädte | Bild: SWR

Tschusowoj im Ural war einmal eine blühende Stadt. Sie wurde gegründet für den Bau einer Eisenbahnlinie und ist dem Rohstoff treu geblieben: Eisenmetallurgie hieß das Zauberwort, Russland war lange Weltführer, wenn es um das Schmelzen von Eisen ging. Holz für die Öfen wuchs hier schließlich mehr als genug. Doch inzwischen heizt kein Eisenwerk mehr mit Holz, Hightech ist längst wichtiger als die Ressourcen und die russische Eisenindustrie kränkelt. Auch in Tschusowoj. Und was passiert mit einer Wirtschaft, die nur ein Eisen im Feuer hat? Sie reißt die ganze Stadt mit in die Krise. Zwar gab es Rettungsversprechen aus Moskau, doch passiert ist bislang nichts. Eine Reportage von Udo Lielischkies, ARD Moskau.

Resignation und Hoffnungslosigkeit

Schon die Einfallstraßen nach Tschusowoi lassen uns ahnen: Diese Stadt hat kein Geld mehr, auch nicht für Straßenbau. Aus der Ferne sieht ihr ehemaliges Herz, das Metall-Kombinat, so aus wie früher, doch jeder Meter Annäherung zeigt: Wir fahren in eine sterbende Stadt. Das Werk im Ural ist nicht viel mehr als ein pittoreskes Denkmal des sowjetischen Machbarkeits-Wahns.

Ältere Frau an kleinem Verkaufstand
Der Niedergang der Wirtschaft reißt die ganze Stadt mit in die Krise | Bild: SWR

Irgendwie ein paar Rubel verdienen – während die Alten hier zu überleben versuchen fliehen die meisten Jüngeren aus der Mono-Stadt Tschusowoi. Was sollen sie auch hier: Das städtische Kino ist längst zu, der Haupteingang überwuchert. Wie Mehltau liegt eine resignierte Hoffnungslosigkeit über der Stadt, merken wir schnell. Im kleinen Laden kaufen fast nur noch die Rentner, sagen uns die Verkäuferinnen. Die jüngeren haben doch alle ihre Arbeit in der Fabrik verloren. "Alaskaseelachs. Die teuren Fische wie Lachs oder Forelle kauft hier keiner", sagt die Verkäuferin. "Der hier kostet umgerechnet 40 Cent. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Leute hier wegziehen. Einige für immer, andere gehen lange woanders arbeiten. Hier kann man einfach nicht genug verdienen, um zu überleben."

Sinkende Ölpreise, hohe Kosten, Verfall des Rubels

Mitte der Neunziger, im Goldrausch der Privatisierung, kaufte ein reicher Oligarch das Werk und machte gute Gewinne mit den alten Anlagen der Sowjets. Fast zehntausend Menschen arbeiteten in den Bergwerken, an Hochöfen und Walzstraßen. Übrig geblieben ist wenig: Der Werksdirektor zeigt uns die Halle, in der Stahl veredelt wird. Eine neue Anlage, meint er: Aus dem Jahr 1954. "Das hier ist 41 Jahre alt." Das Blattfederwerk. Hier ist moderne Robotertechnik im Einsatz, produziert wird auch für europäische Autohersteller.

Verrostete Überreste einer Produktionsanlage
Investiert wurde hier schon lange nicht mehr.

"136 Jahre." Das alte Walzwerk soll schon in wenigen Wochen wieder in Betrieb gehen, sagt der Direktor. Doch dann wollen wir den Rest des einst so riesigen Werks sehen, und Direktor Philipjew wird deutlich schweigsamer: Brachflächen, wo einst ein Dutzend verschiedener Fertigungshallen standen. Abgerissen, die geplante Pipeline-Fertigung wurde erst gar nicht begonnen. "Die Ölpreise sind gefallen, und die Ölfirmen erschließen einfach keine neuen Felder mehr, erklärt Philipjew die Entscheidung. Dazu kommen die Preise für neue Anlagen. Die Kosten eines Projekts haben sich inzwischen verdoppelt." Es ist der Verfall des Rubels, der neue Anlagen aus dem Westen inzwischen fast unbezahlbar macht.

Als Wladimir Putin vor drei Jahren die Region besuchte schien die Rettung greifbar nah: Tschusowoi war aufgenommen in ein Rettungsprogramm für ausgewählte Monostädte, 13 Putin versprach Moskauer Kredit-Garantien für ein ehrgeiziges Investitionsprogramm, das bald darauf von Gouverneur und Oligarch unterzeichnet wurde."Ich möchte Präsident Wladimir Putin danken. Er hat persönlich die Entscheidung getroffen, dieses Werk aufzubauen", so Anatoli Sedych, Aufsichtsratsvorsitzender der Metallurgiegesellschaft.

Putin hatte 20 Millionen neuer Jobs versprochen

Der Abriss der überalterten Werksteile verlief wie geplant, um Platz zu schaffen für moderne Produktionsanlagen. Die aber wurden nie gebaut, die neuen Arbeitsplätze blieben Fiktion. Ganze Familien verloren ihre Jobs in der Fabrik, Tausende wurden gefeuert. Trotzdem kommen jetzt nur wenige zur Protest-Versammlung, auf der Lokalpolitiker lauthals Hilfe aus Moskau fordern. "Als Putin an die Macht kam, versprach er, 20 Millionen Arbeitsplätze zu schaffen. Heute, bei allem Respekt, sehe ich die nicht. Im Gegenteil: Der Abbau bestehender Strukturen passiert", erklärt der Journalist Amir Hismatulin.

Mit dem Versprechen „Neues Werk-Blühende Stadt“ konnte Putins Einheits-Partei hier viele Wählerstimmen sammeln. Doch die Realität in Tschusowoi ist anders: "Wir hatten sehr viele Selbstmorde in der Stadt." Gibt es da Zahlen? "Nein, die Statistik gibt es nicht. Keiner nennt die Selbstmord-Zahlen. Man versucht, das zu vertuschen. Die Öffentlichkeit weiß davon nichts", sagt Amir Hismatulin.

Journalist Amir Hismatulin verteilt Zeitungen
Der Journalist Amir Hismatulin macht seine eigene Zeitung.  | Bild: SWR

Amir verteilt auf dem Markt eine Zeitung, die er selbst schreibt und drucken lässt. Wegen seiner Recherchen zu Korruptionsskandalen rund um das Stahl-Kombinat wurde der Journalist arbeitslos. Das Lokalfernsehen und die Zeitungen der Region wagen nicht, die Seilschaften von Politikern und Oligarchen aufzudecken. Anders Amir: "Er hat sogar eine Unterschriftenliste an Putin geschickt", sagt ein Kiosk-Verkäufer. Amir und seine kritische Zeitung sind bekannt hier. "Ich lasse sie selbst drucken. Ich bin Rentner, und was von der Rente übrig bleibt, davon mache ich die Zeitung." Alle zwei Wochen eine Ausgabe - wenn das Geld reicht. "Wir haben hier doch überhaupt keine freie Presse. Der einzige in Tschusovoi, der offen reden kann, das bin ich"

Beispiel für Korruption

Ein Beispiel für Korruption will er uns zeigen: Hier sollten zwei neue Werke entstehen, um die entlassenen Arbeiter des Kombinats zu beschäftigen. Eines sollte Fertighäuser aus Holz herstellen. Der Staat förderte das Projekt mit subventionierten Einschlagrechten: Den Kubikmeter Holz für ein Zehntel des üblichen Preises. Doch diese begehrten Einschlagrechte erhielten dann nicht die lokalen Holzfirmen hier in Tschusowoi, sondern ein völlig Unbekannter mit guten Verbindungen zur Politik. Und der verkaufte die Rechte für das Vierzehnfache weiter – ohne einen einzigen Baum zu fällen. "Das ist ein wirklicher Skandal. Ausgedacht irgendwo da oben."

Die beiden großen Werke wurden letztlich nie gebaut, weil keine Bank Kredite gab, die Holzfirmen hier erlebten keinen Boom, sondern zahlen heute mehr als früher für ihren Einschlag. Dennoch will niemand vor der Kamera reden. "Die haben alle Angst. Wovor, wissen sie selbst nicht." Ist das typisch? "Ja, typisch." Und dann regnet es wieder, und die Mono-Stadt Tschusowoi sieht noch ein bisschen trostloser aus als ohnehin schon. Der Traum vom neuen Werk, Steuereinnahmen und neuen Straßen ist längst ausgeträumt…

Stand: 11.07.2019 14:38 Uhr

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