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Russland: Reaktionen zum Krieg

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Reaktionen in Russland | Bild: ARD

Künstler üben Kritik an Putin

Mit seinem Angriff auf die Ukraine weckt Putin Erinnerungen an große Kriege. Relikte aus der Sowjetunion, die auch in dieser Sammlung schlummern, gesammelt vom Künstler Alexander Petlura. Petlura kommt aus der ostukrainischen Separatistenregion Luhansk. Ein Anruf von seiner Nichte. Beide sorgen sich um die Familie vor Ort. "Bei uns sind die russischen Truppen auf dem Hügel", erzählt die Nichte, "das ist nahe bei unserem Haus und wenn es zum Kampf kommt, dann wäre das natürlich so schlimm." Und Alexander Petlura sagt: "Wenn ich morgen erfahren würde, dass meine Schwester in der Ukraine gestorben wäre, dann würde ich so viel Schmerz empfinden, dass ich selber eine schusssichere Weste anziehen und mit einem alten Gewehr dahin fahren würde."

Schauspieler auf Bühne
Kritik am Krieg kommt u.a. von Künstlern | Bild: SWR

 Doch sein Alltag in Moskau geht weiter. Mit seiner Sammlung stattet er andere Künstler und Theater aus. Auch an diesem Nachmittag. Das unabhängige Theater "Theater.doc" ist bekannt für seine kritischen Stücke und sein liberales Publikum. Thema dieser Aufführung: Der Personenkult um Stalin – und, wie eine Person zum Tyrannen werden kann und dabei vor nichts zurückschreckt. "Unter Stalin haben wir den Krieg gewonnen, unter Chruschtschow sind wir ins Weltall geflogen, unter Gorbatschow Perestroika, Jelzin war der erste demokratische Präsident. Putin fehlt offensichtlich ein Hauptereignis, er will als Alphamännchen auf einen Sockel, dass man sich für immer an ihn erinnert."

 In den Staatsmedien kommen keine Opfer vor  

Und um das zu erreichen, lässt er seine Bevölkerung offenbar im Unklaren über das, was in der Ukraine passiert. Das Staatsfernsehen leugnet tagelang Kämpfe in Kiew, kein Wort von Opfern oder Angriffen auf zivile Ziele, es sei gar kein Krieg. Die Menschen hier bringen Spenden – ausschließlich für die nach Russland evakuierten Flüchtlingen aus den Separatistengebieten. Viele sind überzeugt, die Panzer rollten nur zu deren Unterstützung. "Das ist kein Krieg, das ist eine Sondermilitäroperation gegen Nazis, die die Macht in der Ukraine ergriffen haben", meint ein jüngerer Mann. Reporter: "Aber der Präsident ist Jude – wie kann er gleichzeitig Nazi sein?" "Wir leben in erstaunlichen Zeiten." Eine ältere Frau meint: "Ich unterstütze natürlich unseren Putin. Das ist kein Krieg, nur eine Spezial-Militäroperation."

Journalisten in Fernsehstudio
Über die Schrecken des Krieges erfahren die Russen im Staatsfernsehen wenig

 Doch vor allem junge Russen erreichen auch andere Nachrichten – über soziale Netzwerke. Ukraines Präsident Selenskyj hat dort schon kurz vor dem Einmarsch die Russen direkt um Unterstützung gebeten. "Ich weiß, dass meine Ansprache im russischen Fernsehen nicht gezeigt werden wird. Aber die russischen Bürger sollten die Wahrheit erfahren. Und die Wahrheit ist, dass wir das alles hier stoppen müssen." Dazu meint die junge Russin Anja: "Ehrlich gesagt: Es kränkt mich, dass die Führung eines fremden Staates sich freundlich an unsere Bürger richtet. Und unsere Führung hat keine guten Worte für uns übrig." Russlands Führung zeigt eine harte Hand. Wer dieser Tage gegen den Krieg demonstriert, riskiert 30 Tage Haft. "Die Tatsache, dass sie mich, ein kleines Wesen von 45 Kilo ins Gefängnis schaffen würden, das hilft keinem. Und mir schadet es", so Anja.

Die Presse darf den Krieg nicht Krieg nennen

Auch ihn setzen die Behörden unter Druck. Dmitri Muratow hat gerade den Friedensnobelpreis bekommen. Seine Zeitung, die Nowaja Gaseta, erschien diese Woche auf Russisch und Ukrainisch. "Russland bombardiert die Ukraine", heißt die Überschrift. Doch mittlerweile verbietet die russische Medienaufsicht, das Wort Krieg zu verwenden. "Die russischen Machthaber wollen Krieg, weil Diktatoren immer Krieg wollen. Aber das russische Volk will keinen Krieg. Deshalb haben die Machthaber mit dem Beginn des Krieges ihre Legitimität verloren."

Zeitungsschlagzeile "Russland bombardiert die Ukraine"
Zeitungsschlagzeile "Russland bombardiert die Ukraine" | Bild: SWR

Artur Solomonov hat das Theaterstück über Stalin geschrieben. Es wurde in sieben Sprachen übersetzt, aufgeführt in Israel, den USA und schon einmal in Russland. Doch unter dem Eindruck des Krieges jetzt ist die neue Aufführung auch ein Risiko. "Wie viele andere habe ich Angst und ich will nicht, dass mir etwas Schlimmes passiert. Ich will mich nicht dafür aufopfern, aber gleichzeitig will ich mir auch nichts vorschreiben lassen." Er glaubt, dass der ganz große Massenprotest gegen den Krieg gegen die Ukraine ausbleibt. Und deshalb üben sie hier auf der Bühne ihre Kritik – solange das noch möglich ist.

Autoren: Vera Rudolph, SWR Stuttgart / Demian von Osten, ARD-Studio Moskau

Stand: 02.03.2022 09:28 Uhr

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