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Saudi Arabien: Die große Lust aufs Kino

PlayJoanna ist eine der ersten Animationsdesignerinnen in Saudi Arabien

Bis vor kurzem war das hier noch ein verbotenes Bild. Joanna, 20 Jahre, aus Jeddah – lernt das Spielfilmdrehen. Kameras aufbauen, Licht setzen, Setdesign. Das alles in einem Land, in dem die Sittenwächter jahrzehntelang behaupteten, Kino sei Teufelszeug.

Film studieren in Saudi-Arabien

Saudi Arabien: Früher erklärte man sie als Orte des Teufels, jetzt wurden drei Kinos im sittenstrengen Land eröffnet
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"Wenn Leute eine Frau gesehen haben, die filmt, oder irgendetwas mit der Kamera macht, dann fanden sie das sehr befremdlich. Aber jetzt wird die Gesellschaft offener und akzeptiert so was auch mehr und mehr, das ist gut", so Joanna Alfattani. "Digitale und visuelle Produktion" nannte die Effat-Universität den neuen Studiengang, den Joanna absolviert. Das Wort Film durfte um Himmels willen nicht verwendet werden, sonst hätte es keine staatliche Zulassung gegeben. Doch seit im April die ersten Kinos öffneten, ist alles anders, der Filmstudiengang darf jetzt auch so heißen.

Spielfilme wurden in Saudi-Arabien zwar produziert, aber bislang nicht öffentlich vorgeführt. Barakah meets Barakah, eine Liebesgeschichte. Fatima Al Banawi spielt die Hauptrolle. Sie kommt aus einer angesehenen Jeddaer Familie.

"Meine Familie hatte wohl erwartet, dass ich nach dem Soziologie-Studium in Harvard Karriere in diesem Fach machen würde. Dann war ich plötzlich Schauspielerin. Das war natürlich...ein Schock", erzählt Fatima Al Banawi.

Aber Fatima will nicht nur Schauspielerin sein. In einem Park installiert sie einen Stand für ihr Projekt "The other story". "Erzählt mir Eure Geschichte!" fordert sie die Passanten auf. Wer mag, bekommt Kugelschreiber und ein Blatt Papier. Wer selbst nicht schreiben kann, darf ihr auch diktieren.

"Diese Frau sagte: Schreibfreiheit ist das Wichtigste im Leben. Heiraten sollte man erst später müssen...oder so...", so Fatima Al Banawi.

4.000 gesammelte Geschichten

Saudi Arabien: Joanna hat bereits einen ersten Job für eine Trickfilm-Produktion ergattert
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Ein solches Projekt im öffentlichen Raum – absolutes Novum hier. "Verschlossen, abgeschottet, Frauen werden unterdrückt" – an manchem Klischee über Saudi-Arabien ist auch was dran. Nur die Mittel- und Oberschicht lebt deutlich moderner, lässt das Kopftuch schon mal weg. Auch in diesem Café steht ein Story-Briefkasten, in den Leute anonym ihre Geschichten einwerfen können. Für uns trifft Fatima einen der Absender. Nezar Al Adanis Story hat sie auf Instagram gepostet. Er ging als Aufpasser für seine studierende Schwester in die USA, eröffnete einen Motorradladen. Durch Brandstiftung verlor er alles, musste zurück nach Saudi-Arabien.

"Als ich zum ersten Mal wieder vor meinem Elternhaus stand, nach beinahe sieben Jahren in den USA, bin ich fast krank geworden. Ich konnte nicht mehr schlafen, war ziemlich labil. Ich habe alles verloren, was ich mir vorher aufgebaut hatte", erzählt Nezar Al Adani. "Geschichtenerzählen ist gut für die Seele. Wenn Du deine Geschichte mal niedergeschrieben hast, hilft sie dir", so Fatima Al Banawi.

Fatima sagt, viele Saudis hätten das Bedürfnis, sich zu öffnen, ihre Geschichten zu erzählen. Im Keller ihres Elternhauses betreibt sie ein Kulturzentrum. Aus den inzwischen 4.000 gesammelten Geschichten macht sie mit ihrem Team gerade ein Buch. Es handelt von Liebe, Konflikten mit der Familie, Selbstzweifeln.

"Die Leute denken, ich sei so glücklich und voller Energie. Aber sie wissen nicht, dass ich zusammenkrache", erzählt Fatima Al Banawi.

Hunger auf Kultur ist groß

Saudi Arabien: Aus Saudi Arabien kommen immer neue, gute Nachrichten, besonders für Frauen
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Abdulwahab liest vor, er komme aus streng religiösem Umfeld, doch das Studium habe ihm die Augen für die Welt geöffnet. Jetzt arbeitet er mit am Buchprojekt. Besonders berührt hat ihn die Geschichte einer jungen Frau, natürlich anonym. "Das Mädchen schreibt, wie sie gelitten hat, weil ihre Brüder sie vergewaltigt haben, auch ihr Vater. Sie erzählt, dass sie mit niemandem darüber sprechen kann, weil sie um ihren Ruf besorgt ist", erzählt Abdulwahab Nagro.

Alf Wad – Fatimas Kulturzentrum macht einmal pro Woche einen Filmabend. Filmvorführung. Und hier treffen wir auch Filmstudentin Joanna wieder, heute wird das Werk einer Kommilitonin gezeigt. Noch wurde in Jeddah kein richtiges Kino eröffnet – Joanna und die anderen hoffen, dass das bald kommt. Ihr Hunger auf Kultur jedenfalls ist riesengroß!

Bisher Unmögliches ist plötzlich machbar

Joanna ist eine der ersten Animationsdesignerinnen in Saudi Arabien
Joanna ist eine der ersten Animationsdesignerinnen in Saudi Arabien

Die saudische Gesellschaft ist im Wandel, angeordnet wird das von ganz oben. Bisher Unmögliches ist plötzlich machbar. Joanna Alfattani kann ihren Traum leben. Gemeinsam mit der Mutter überzeugte sie den Vater, der eigentlich nicht wollte, dass sie in die Filmindustrie geht. Bei geschätzten 30-40% liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Saudi Arabien, doch Joanna hat neben dem Studium bereits einen ersten Job für eine Trickfilm-Produktion ergattert.

"Gott sei Dank kann ich dieses Studium machen. Es verändert sich so viel gerade in Saudi Arabien, es wurden Entscheidungen getroffen, die uns Vieles ermöglichen. Wir können rausgehen und der Welt ein besseres Gesicht von uns zeigen", so Joanna Alfattani.

Joannas Schwester Jude, mit den kurzen Haaren, trägt übrigens auch in der Öffentlichkeit kein Kopftuch. "Meine Religion", findet sie, "erlaubt mir das."

Autorin: Ute Brucker /ARD Studio Kairo

Stand: 07.08.2018 10:57 Uhr

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