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Schweden: Wie eine Stadt junge Flüchtlinge "anwirbt"

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Schweden: Wie eine Stadt junge Flüchtlinge "anwirbt" | Bild: ARD

Angeln – haben sie Mawliid erzählt – ist ein Volkssport in Schweden. Etwas, dass jeder macht. Deshalb will er jetzt möglichst schnell lernen, wie man Fische fängt. Aus Äthiopien ist der 13-Jährige geflohen, ganz allein, ohne Familie, Ohne Freunde. Er ist mitten in der schwedischen Provinz gelandet – In Skelleftea.

Allein auf dem Weg nach Europa

Sozialpädagoge Andreas Eriksson
In kleinen Gruppen werden die Flüchtlinge von Sozialpädagogen wie Andreas Eriksson betreut. | Bild: NDR

Auch Ali aus Afghanistan hat hier eine erste Bleibe gefunden. Auch er hat sich allein auf den Weg gemacht. Erst in den Iran, aber das war nur eine Zwischenstation: "Im Iran wurde mir schnell klar, dass ich nach Europa muss – und ich hatte so viel Gutes über Schweden gehört. Dass Schweden ein gutes Land ist zum Leben, deshalb habe ich beschlossen, hierher zu kommen." Wer die Flucht bezahlt hat und warum Ali seine Heimat verlassen hat – darüber will der 14-Jährige nicht sprechen. Ohne die Unterstützung seiner Familie wäre es aber wohl nicht möglich gewesen.

Mawliid ist im Mai angekommen. Er ist vor dem Elend in seiner Heimat geflohen, vor der alltäglichen Gewalt, unter der vor allem Frauen und Kinder leiden. Seine Flucht war eine Monate lange Odyssee. Die will er jetzt endlich hinter sich lassen: "Beim letzten Mal habe ich sechs Fische in einer Stunde gefangen", erzählt er stolz.

Das klappt nicht immer, obwohl sich sein Betreuer alle Mühe gibt: "Wir kümmern uns um die Kinder in möglichst kleinen Gruppen. Momentan betreuen bei uns sieben Pädagogen sieben Jugendliche. Das ist auch nötig", sagt Sozialpädagoge Andreas Eriksson. Denn viele der jungen Flüchtlinge haben Schreckliches erlebt. Aber die Eins-zu-Eins-Betreuung ist eben auch ziemlich aufwändig.

Skelleftea braucht Nachwuchs und setzt auf junge Flüchtlinge

Pär Ahden vom Sozialamt Skelleftea
Skelleftea will wieder wachsen - mithilfe junger Flüchtlinge. | Bild: NDR

Skelleftea, ein typische schwedische Provinzstadt mit typischen Problemen: Die Jungen ziehen weg, nach Stockholm oder Göteborg, zurück bleiben die Alten. Dennoch will Skelleftea wieder wachsen. Im Rathaus setzen sie dabei auf Flüchtlinge. Vor allem auf die ganz Jungen, die allein kommen, die sich am einfachsten in die schwedische Gesellschaft integrieren lassen – wenn sie hier erst mal Wurzeln geschlagen haben. "Die Aufnahme von Flüchtlingen, besonders von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, ist Teil unserer Strategie, mit der wir unsere Einwohnerzahl erhöhen wollen", erklärt Pär Ahden vom Sozialamt Skelleftea.

Schon seit den 1980er-Jahren bemühte sich Skelleftea um die jungen Flüchtlinge. In der Telefonzentrale des Rathauses arbeitet Meron Tesfay. Als 14-Jähriger kam er allein aus Eritrea. Zehn Jahre ist das her. Seine Eltern wollten ihm den jahrelangen militärischen Zwangsdienst in seiner Heimat ersparen, damit er sich ein besseres Leben aufbauen kann und irgendwann hoffentlich die Familie nachholt. Bisher hat Meron das noch nicht geschafft. Ein neues Zuhause hat er aber in Skelleftea gefunden: "Ich bin froh, dass ich damals fliehen konnte und meiner Familie dankbar, dass sie mich hierher geschickt haben, als ich so jung war. Inzwischen bin ich in dieser Gesellschaft angekommen."

Neue Wohngruppen geplant

Meron hat von der intensiven Betreuung profitiert. Er spricht perfekt Schwedisch, hat gelernt, was seine Kollegen von ihm erwarten und was nicht. "Ich will dein Freund sein" hat ihm einer vor kurzem geschrieben. Dennoch kann Meron all seine traumatischen Erlebnisse nicht einfach vergessen.

Mit 12.000 minderjährigen Flüchtlingen rechnen die schwedischen Behörden in diesem Jahr, 148 leben momentan in Skelleftea. Doch es kommen täglich mehr. Deshalb planen sie im Sozialamt neue Unterkünfte – neun Wohngruppen sollen allein in diesem Monat eröffnet werden. Andreas Eriksson, der Sozialpädagoge, verbringt mehr Zeit in Planungskonferenzen als je zuvor.

Betreuung rund um die Uhr

Ali, 14 Jahre aus Afghanistan, hält eine Fernsehkamera.
Faszination Kamera: Ali aus Afghanistan schaut durch die Kamera des ARD-Teams. | Bild: Mathias Schulze

Am Abend erklärt er Mawliid und Ali die Programme, die im schwedischen Fernsehen laufen. Auch das gehört zur Betreuung rund um die Uhr – für die Jungen, die in ihrem Leben bisher vor allem Leid und Elend gesehen haben.

Mawliid zeigt uns sein kleines Reich, sein Zimmer, in das er sich zurückziehen kann. Und seine ersten Erfolge in der neuen Schule: "Hier sollten wir die Flagge unserer alten Heimat malen - und die Flagge unserer neuen Heimat - Schweden." Wichtig sind ihm aber auch Zeilen, die er im Englisch-Unterricht aufgeschrieben hat. "Das hier ist mein Name, Mawliid, und das habe ich für meine Mutter geschrieben: "Ich liebe Dich Mama." Und darunter stehen die Namen meiner Geschwister.“

Mawliid ist gläubiger Moslem. Dass er seine Religion leben darf, ist ihm wichtig. Er will sich hier ein neues Leben aufbauen, will studieren, ein richtiger Schwede werden.Seine Herkunft, seine Geschichte, seine Familie, all das wird er stets mit sich tragen – sein Leben lang.

Autoren: Clas Oliver Richter und Randi Häussler, ARD-Studio Stockholm

Stand: 09.07.2019 07:44 Uhr

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