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Schweiz: Angehörige Treffen in der Besuchsbox

Zwei Menschen durch Glasscheibe getrennt
Die Idee stammt vom Kriminalfilm  | Bild: SWR

Nah und doch getrennt

"So Frau Kägi. Ich heiße sie herzlich Willkommen zum ersten Besuch. Darf ich Sie bitten". Heimleiter Georg Raguth erklärt Ruth Kägi, wie die Besucherbox funktioniert. Fast fünf Wochen hat sie ihre 92 Jahre alte Mutter im Heim nicht besuchen dürfen – wegen der Corona-Krise. Jetzt geht’s in die Box. Eine Plastikscheibe als Infektionsschutz. Gesprochen wird über Telefon. "Das sind Spezialgeräte, die auch für Personen mit Hörgeräten funktionieren. Dann können sie so miteinander kommunizieren. Viel Freude."

Ist das heute ein besonderer Tag für Sie? "Ja schon", meint Ruth Kägi. "Ich bin ein bisschen aufgeregt, weil ich habe meine Mutter schon lange nicht gesehen. Ich möchte sie auch gerne in den Arm nehmen, da ist die Scheibe dazwischen. Aber ich denke es wird trotzdem ein bisschen emotional." Nach so langer Zeit: ein Wiedersehen. Hinter einer Plastikscheibe. Nah und doch getrennt.

Die Idee stammt aus Kriminalfilmen

Draußen vor dem Heim im schweizerischen Wattwil warten bereits die nächsten Angehörigen. Esther Lenz möchte ihren 95 Jahre alten Vater wiedersehen. "Wir besuchen unseren Vater sonst regelmäßig zwei Mal die Woche – und das fehlt." Nach maximal 45 Minuten ist Schluss, dann sind die nächsten dran.

Hinweisschild bei Besucherbox
Maximal 45 Minuten Besuch in der Box | Bild: SWR

"Wir war es denn in der Box?" "Ich bin ein bisschen benebelt von der Desinfektion" erzählt Ruth Kägi. "Es war ganz schön, die Mutter so nah zu haben und mit der Hand konnten wir die Scheibe berühren." Viel besser als Telefon findet auch ihre Mutter. "Isch schon schön, wenn man einander sieht, die Nähe spürt, ja", sagt Ida Scheuber. Nach jedem Besuch muss alles aufwendig gereinigt werden. Die Idee zu dieser Box hatte der Heimleiter. "Da sind mir alte Kriminalfilme in den Sinn gekommen, in denen Besuche in den Gefängnissen eben genauso ablaufen."

"Hallo, hallo Papa, so schön dich zu sehen", sagt Esther Lenz. "Ich kann ihn nicht in den Arm nehmen, aber ich sehe ihn vor mir, ich weiß wie es ihm geht, wie er ausschaut, doch, es war herrlich." Die Begegnungen in der Box wirken nach. "Ich habe einige Tränen gesehen, und auch beim Herauskommen aus der Box das Strahlen in den Gesichtern der Heimbewohner, das entschädigt dann für jeden Aufwand", sagt der Heimleiter.  "Bis nächstes Mal." Nicht nur Esther Lenz hofft, dass die Corona-Krise bald vorbei ist und sie ihren Vater wieder in den Arm nehmen darf.

Autor: Wolfgang Wanner, SWR-Studio Genf

Stand: 21.04.2020 15:59 Uhr

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