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Serbien: Impftourismus

PlayMenschen warten vor Gebäude auf Impfung
Serbien: Impftourismus | Bild: imago / Xinhua

Vor dem Impfzentrum im Belgrad ist die Schlange lang. Viele Menschen, die sich hier impfen lassen, haben keinen serbischen Pass. Die Impfwilligen sind häufig aus den Nachbarstaaten angereist, aber auch aus Deutschland und anderen EU-Staaten. Die Serben selbst sind "impfmüde", 30 Prozent haben sich bereits impfen lassen, seitdem läuft es schleppend. Jetzt hat das Land Impfstoff übrig und verteilt ihn kostenlos. Wir machen den Selbstversuch, fahren zum Impfen nach Serbien und wollen herausfinden: handelt Serbien aus reiner Menschenfreundlichkeit oder will es sein politisches Image aufpolieren?

Impfen für jeden – egal woher

Schlange vor Impfzentrum
Die Nachfrage ist groß | Bild: SWR

Über eine Stunde haben sie angestanden vor der großen Impfhalle. Tausende, Anfang April, als Serbien zum Impfen einlud. Zum Beispiel diese Crew einer Fluggesellschaft aus Albanien. Serbien impft kostenlos, jeden, egal woher. Das Impfzentrum Belgrad, Zehn Tage später. Ich habe mich selbst zum Impfen angemeldet und will wissen: geht das wirklich so problemlos? Der Andrang ist geringer, alles läuft geordneter. Inzwischen gilt: nur wer sich online registriert hat und auch eine Online-Einladung mit Termin bekommen hat, der darf in die Impfhalle rein.

Kein Einlass ohne Einladung. Die kann weiterhin jeder beantragen. Auch Menschen aus Kroatien, Italien oder Deutschland stehen heute an. Doch nur wenige wollen vor der Kamera reden. "Ich bin 34 und weiß, dass ich aufgrund meines Alters und dadurch dass ich kein Risikopatient noch warten muss", meint Sascha aus Wien. "Darauf habe ich keine Lust, die Zahlen steigen in Österreich, das macht mir Angst."  Und Zedran, aus Kroatien sagt: "Ich bin heute früh in Zagreb losgefahren! Vor einem Monat habe ich mich angemeldet, gestern kam die Einladung per mail, und da bin ich."

Internetseite zur Anmeldung für Impfung
Man kann den Impfstoff online auswählen  | Bild: SWR

Ein paar Tage zuvor, unser Büro in Belgrad. Für die Anmeldung sind zwei Dinge wichtig: Erstens eine serbische Handynummer, gibt’s als Prepaidkarte für zwei Euro. Zweitens: Kyrillische Schrift lesen, das ist schon schwieriger. Überraschend: Alle Impfmittel sind verfügbar. "Und jetzt kann ich auswählen, welches ich möchte."

Genug Impfstoff für alle. Ein Erfolg für Serbien, auf den die Premierministerin Ana Brnabic besonders stolz ist. Bereits vor einem Jahr hat ihr Land bestellt, so viel Impfstoff wie möglich. Sowohl im Westen wie auch in Russland und China. Als Nicht-EU-Land wollte man sich damals nicht nur auf die Sammelbestellung mit der EU verlassen. Grund zur Schadenfreude hätten sie, aber davon keine Spur. Dass sich jetzt auch EU-Bürger in Serbien impfen lassen dürfen, sei einfach ein Zeichen der Solidarität. "Die Partnerschaft mit der EU hilft uns ja auch enorm und es ginge uns noch besser, wenn wir schon Teil von ihr wären, ich hoffe das ist bald soweit", sagt die Premierministerin Ana Brnabic. "Aber es ist doch einfach menschlich: wenn Du helfen kannst, dann tust Du es. Und: Ja, es fühlt sich gut an!"

Impfen von Ausländern – finden die meisten Serben gut

Zurück zum Impfzentrum. Gleich bin ich dran. Erst am Vortag habe ich die Terminzusage bekommen, und bei aller Freude darüber inzwischen auch Zweifel. Ich hab‘ lange überlegt, ob ich das machen soll. Aber ich brauch' die Impfung für meinen Job und natürlich ist mir klar, dass es in anderen Ländern viel zu wenig Impfstoff gibt." In Serbien sind bislang 32 Prozent der Menschen geimpft, die Impfbereitschaft hat zuletzt nachgelassen. Wer wie lange auf seinen Termin warten muss, hängt von der Wahl der Impfstoffe ab. Das Impfen von Ausländern ist für die meisten Serben kein Thema, kaum jemand ist dagegen. "Ich denke das ist gut!", meint Ranko. "Das sind doch unsere Nachbarn, "nur wenn wir uns gegenseitig helfen, können wir diese Katastrophe gemeinsam überstehen."  Mirjana sagt: "Ich kenne viele Leute, die sich angemeldet haben und noch auf ihren Termin warten. Ich denke, wir sollten es erst unseren Bürgern ermöglichen und dann den anderen."

Autor Christian Limpert wird geimpft
Die Impfung verläuft unkompliziert  | Bild: SWR

Der letzte ärztliche Check vor meinem Piks. Seitdem wir die Halle betreten haben begleitet uns die offizielle Impfkoordinatorin. Das macht es sicher leichter. "Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, weil ich nicht aus Serbien komme und mich impfen lasse?" – "Nein, müssen sie nicht! Wir sind froh, wenn wir helfen können." Ja, und dann war’s das auch schon. Problemlos und gut organisiert. Dass ich nicht der einzige bin mit dieser Meinung beweist das Gästebuch. "Danke, Hvala, Grazie." steht da drin. Und ein Tipp für alle die wiederkommen: "Kabine 4, Schwester Marianna, TOP". Der Termin für die zweite Impfung steht schon fest.

Autor: Christian Limpert, ARD-Studio Wien

Stand: 11.04.2021 22:47 Uhr

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