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Serbien/Ungarn: Das Leid der Flüchtlinge

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Serbien/Ungarn: Das Leid der Flüchtlinge | Bild: SWR

Kein Tag, keine Stunde, keine Minute ohne Schreckensnachrichten. Flüchtlinge, die sterben, Flüchtlinge, die nach tagelangen Fußmärschen vor Erschöpfung zusammenbrechen, Menschen in verzweifelter Lage. Tausendfach. Und das mitten in Europa. Ungarn zieht einen Zaun an der Grenze zu Serbien hoch.

Aber die Menschen, die schon Wochen und Monate unterwegs sind, um vorwiegend aus dem Kriegsland Syrien nach Zentraleuropa zu gelangen, wollen sich davon nicht abhalten lassen. Eine Reportage von Susanne Glass, ARD Wien.

Gegen Mitternacht im Bus kommt diese Stimmung auf: Alberne Ausgelassenheit. Auch eine Folge von absoluter Übermüdung und Erschöpfung. Mustafas Frau ist schwanger. Sein Bruder Mohamed und dessen Frau sind mit dem 8 Monate alten Sohn unterwegs. Mohamed hat in Syrien Management studiert. Seine Schwester Sarab, 24, Chemiestudentin. Neben ihr schläft ihre Mutter Leila. Sie haben ihre Häuser in Damaskus aufgegeben, erzählt sie. Ihre Ausbildung, Familienangehörige zurückgelassen. Weil sie vor dem Krieg in Syrien geflohen sind. Sie wären gerne in der Türkei geblieben. Aber dort fühlten sie sich auch nicht sicher, weil sie Kurden sind. Jetzt hoffen sie auf ein besseres Leben in Europa. Auf ein Leben in Sicherheit. Darauf freue sie sich. "Aber im Moment fühle ich gar nichts mehr. Die Reise war so, so...wir sind vollkommen erschöpft."

Zu neunt unterwegs

Flüchtlinge warten auf Bahngleisen
Gevgeljia in Mazedonien war Zwischenstation von Griechenland Richtung Serbien. | Bild: SWR

Kein Wunder, bei dem was sie bisher hinter sich haben. Gestern waren sie noch hier: Am Grenzübergang von Griechenland nach Mazedonien. Dann die chaotischen Zustände am Bahnhof der mazedonischen Stadt Gevgeljia. Von dort sind sie mit dem Zug weiter nach Serbien. Zum Busbahnhof von Presevo. Das also ist jetzt ihr Leben. Auf der Straße. Irgendwo zwischen Zügen und Bussen. Insgesamt neun Mitglieder der Familie Alabassi sind auf der Flucht. Familienoberhaupt ist der 26Jährige Mohamed. Sein Vater und der ältere Bruder sind im Krieg ums Leben gekommen. Daraufhin hat sich Mohamed mit der Familie zur Flucht entschlossen.

Jetzt also sitzen sie im Nachtbus von Presovo in Richtung Belgrad. Die serbische Hauptstadt ist voller Flüchtlinge, die hier gestrandet sind. Die serbische Regierung hat vor dem Ansturm kapituliert. Sie lässt die Menschen, wie auch Griechenland und Mazedonien ins Land. Stellt sogar die Busse zur Verfügung, damit die Flüchtlinge schnellstmöglich weiterreisen können. Zur ungarischen Grenze. Als die Alabassis mitten in der Nacht in Belgrad ankommen, ist das einzige, was sie im Moment wissen: Sie wollen auf keinen Fall mit den kleinen Kindern und Mustafas schwangerer Frau in diesem Park schlafen. Sie sehnen sich nach einem Bett und Badezimmer. Obwohl sie sich kaum mehr auf den Beinen halten können, ziehen sie in der fremden Stadt los.

Direkt nach Österreich für mehrere hundert Euro?

Flüchtling aus Syrien
Sarab, 24, Chemiestudentin | Bild: SWR

Und haben Glück. Der Junge an der Rezeption akzeptiert zur Anmeldung die Registrierungsdokumente der serbischen Behörden, die die Alabassis als Flüchtlinge ausweisen. 10 Euro pro Person kostet die Nacht. Eigentlich günstig. Aber für die neunköpfige Familie ein Betrag am Limit ihres Budgets. Am nächsten Morgen stehen sie vor der Bank. Die Verwandten, die bereits in Europa sind, schicken regelmäßig Geld. Aber die Bankangestellte erklärt, sie wisse nicht, ob sie heute noch alle auszahlen könne. Die Nerven liegen blank. "Es ist so mühsam, ständig auf Geld zu warten", klagt Sarab. "Aber so wie wir reisen, macht keinen Sinn, größere Summen dabei zu haben. Das bringt uns nur in Gefahr."

Einige Stunden später hat Mohammed Bustickets gekauft. Für den Überlandbus zur serbisch-ungarischen Grenze, nach Kanjiža. Und alle im Bus wissen, dass nun wieder einer der unsichersten und gefährlichsten Abschnitte ihrer langen Reise bevorsteht. Denn hinter Kanjiža liegt die gefürchtete und ersehnte EU-Außengrenze zu Ungarn. Sie wollen so schnell wie möglich weiter. Aber sie trauen sich nicht. Mit zwei Kleinkindern und einer Schwangeren. Sie befürchten am Zaun verletzt zu werden. Wissen außerdem nicht, wie die ungarische Polizei reagiert. In Kanjiža bieten Schlepper eine Fahrt direkt nach Österreich für viele Hundert Euro an. Das können und wollen sie nicht zahlen. Dann winkt ein Kleinbusfahrer die Familie zu sich. Mit dem Versprechen, sie an einen Ort zu bringen, wo sie sicher über die Grenze kommen. 10 Euro pro Person haben sie ihm bezahlt. Für 10 Kilometer Fahrt.

Das Aufnahmelager ist nur Zwischenstation

Flüchtling aus Syrien
Mohamed hat in Syrien alles aufgegeben, um in Europa ein besseres Leben zu beginnen.  | Bild: SWR

Als sie aussteigen, wissen sie nicht wo sie sind. Hier sollen sie weitergehen heißt es, auf den Bahngleisen. Nicht sonderlich vertrauenserweckend und ein mühsamer Weg. Viermal pro Tag fährt hier auch ein Zug. Aber daran denken sie nicht. Dann sehen sie den berüchtigten Grenzzaun. Aber auf den Gleisen ist der Durchgang frei. "Sind wir noch in Serbien oder schon in Ungarn?" In Ungarn! "Oh Danke, wunderbar!" Am Ende der Bahngleise werden die Alabassis von der ungarischen Polizei in Empfang genommen. Sie werden nicht zurückgeschickt. Sondern in ein Aufnahmelager gebracht. Am Ziel ihrer Reise sind sie damit aber noch lange nicht.

Stand: 09.07.2019 06:22 Uhr

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