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Singapur: Auf dem Weg zur Agrar-Nation

PlayModell für Vertikale Landwirtschaft beim World Cities Summit in Singapur
Singapur: Auf dem Weg zur Agrar-Nation | Video verfügbar bis 12.07.2021 | Bild: dpa / picture-alliance

Wer in Singapur in den Supermarkt geht, stellt fest: Fast alle Lebensmittel stammen aus dem nahen oder fernen Ausland. Das Steak aus Australien, der Käse aus Frankreich, Reis aus Thailand oder Indien. Über eine Million Tonnen Lebensmittel importiert der Stadtstaat jährlich. Auch Gemüse und Obst kommt tonnenweise aus dem Ausland. Das soll sich jetzt ändern. Singapur will Agrarstaat werden!

Bis 2030 soll die Eigenversorgungsquote bei Nahrungsmitteln auf 30% steigen. Diese Vision gab es bereits vor Corona – doch die Pandemie beschleunigt den Umbau zur Agrar-Nation. Denn sie hat gezeigt, wie schnell Abhängigkeiten zum Problem werden können und Lieferketten ins Stocken geraten.

Eine Nation von Kleingärtnern

Hier oben im 31. Stock ist Singapurs Zukunft zum Greifen nah. Maya Hari topft gerade Melonen und Blumenkohl-Setzlinge ein. Auch Chili, Auberginen und Bananen wachsen auf der Dachterrasse. Damit ist die Managerin aus der Tech-Branche vielen Landsleuten schon weit voraus. Denn wenn es nach der Regierung von Singapur geht, soll der Stadtstaat so schnell wie möglich eine Nation von Kleingärtnern werden. "Wir haben ja keine Jahreszeiten. Man muss also einfach nur die richtigen Obst- und Gemüsesorten auswählen, die in die Tropen passen, dann kann das klappen. Das einzige Problem ist der Platz, die meisten Singapurer leben ja in Wohnungen."

Maya Hari auf ihrer Dachterrasse
Maya Hari pflanzt Melonen, Blumenkohl und Auberginen | Bild: SWR

Gemüseanbau zu Hause. Die Regierung belässt es nicht nur bei diesem Werbevideo. Sondern verschickt gerade 150.000 solcher Starterkits mit Gemüse-Samen an Menschen wie Maya. Die Bürger sollen mithelfen bei einem ehrgeizigen Plan. Ob Lila Paprika oder Küchenkräuter. Bisher produziert Singapur nur 10 Prozent seiner Lebensmittel. Bis 2030 aber sollen es 30 Prozent werden. Die Pandemie hat uns gezeigt, dass mehr Eigenversorgung eine richtige Strategie ist, sagt Maya Hari. Dabei hilft, dass sich immer mehr Singapurer für lokale Produkte interessieren. "Das ehrgeizige Ziel kann nur erreicht werden, wenn sich Singapur viel Innovation und moderne Technologien zunutze macht. Das ganze Land muss mitziehen. Und wenn alle Bürger auf ihrem Balkon selbst etwas anbauen, reicht das zwar noch nicht, aber es ist immerhin ein Anfang."

Kartoffeln auf Dächern, Gemüse unter LED-Licht

Menschen bei Gartenarbeit auf Dachgarten
Bis 2030 sollen 30% der Lebensmittel in Singapur produziert werden | Bild: SWR

Singapur als Agrarnation? Noch scheint das schwer vorstellbar. Jahrzehntelang setzte sich das Land als Finanz- und Wirtschaftsmetropole in Szene. Immer mehr glitzernde Hochhäuser dicht an dicht. Üppig begrünt zwar. Doch Landwirtschaft hatte etwas Gestriges. Doch nun will das Land raus aus der Abhängigkeit vom Ausland. Platz ist Mangelware. Deshalb sollen Süßkartoffeln und Basilikum nun auch auf Dächern und Parkgaragen wachsen.

Und man sieht bereits erste zarte Pflänzchen der neuen Strategie. Das hier ist das Dach einer bekannten Shopping-Mall. Als Bjorn Low seine Karriere in der Werbebranche aufgab und 2015 hier auf den Anbau von Papaya, Rosmarin und Passionsfrüchten setzte, wurde er noch belächelt. Inzwischen ist er ein gefragter Experte. "Ich selbst musste nach Großbritannien gehen, um Landwirtschaft zu studieren und zu verstehen. Ich glaube, da hat Singapur Nachholbedarf. Wir brauchen Studiengänge, um eine ganz neue Generation von Farmern auszubilden, damit wir das 30 Prozent Ziel bis 2030 erreichen."

Pflanzen unter lila Licht in Labor
Mit neuen Technologien wachsen auch Produkte, die in Singapur nicht heimisch sind | Bild: SWR

200 solcher Gärten hat der Unternehmer inzwischen in der ganzen Stadt angelegt. Und er experimentiert mit neuen Technologien wie hier in diesen Containern. Dinosaurier-Kohl, der im tropischen Klima nicht wachsen würde, doch hier gedeiht er in einer Nährlösung und mit LED-Licht, dass die Sonnenstrahlung ersetzt. Vertikaler Anbau, also Anbau in mehreren Etagen gilt als vielversprechender Trend. Und als wettbewerbsfähig, auch wenn Länder wie das benachbarte Malaysia viel billiger produzieren können. Unser Gemüse wird mit mehr Nährstoffen angereichert, sagt der Unternehmer überzeugt. "Der Kunde bekommt damit auch ein gesünderes Produkt. Das rechtfertigt die 20-30 Cent mehr, die wir für wir unser Gemüse berechnen müssen. Das kann am Ende auch ein Wettbewerbsvorteil sein."

Fischzucht auf acht Etagen

Nur ein Prozent der Fläche von Singapur kommt überhaupt für Landwirtschaft in Frage. Und deshalb schießen jetzt überall mehrstöckige Farmen aus dem Boden. Staatlich gefördert. Hier soll demnächst auf acht Etagen Fisch gezüchtet werden. Die Firma Apollo Marine gleich gegenüber hat das Konzept entwickelt. Bisher produzieren sie hier 300 Tonnen Fisch im Jahr. Doch nun ist der Staat als Investor mit eingestiegen. Künftig sollen fast zehnmal so viele tropische Forellen durch die Becken schwimmen.

Becken für Fischzucht
Staatlich gefördert werden auf acht Etagen Fische gezüchtet | Bild: SWR

Und das alles ökologisch nachhaltig, schwärmen sie hier: 90 Prozent des Wassers kann wiederaufbereitet werden. Und während des Lockdowns – als frischer Fisch aus dem Ausland nicht immer zu bekommen war – konnten sie viele Landsleute als neue Kunden gewinnen. "Wenn man die Fische vor der Küste züchtet, sind sie Unwettern und Verschmutzung ausgesetzt, wie Öl oder Mikroplastik, das im Meer schwimmt", erklärt Crono Lee "Wenn man sie aber hier züchtet, mit einem System, wie wir es haben, gibt es keine Verunreinigung und Verschmutzung."

Zurück bei Maya Hari. Selbst Erdbeeren baut sie inzwischen an. Eigentlich kein tropisches Gewächs. Doch kaum eine Frucht scheint derzeit in Singapur zu hoch zu hängen. Die Hightech-Nation entdeckt gerade ihren grünen Daumen.

Autorin: Sandra Ratzow, ARD-Studio Singapur

Stand: 12.07.2020 21:27 Uhr

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