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Weltspiegel - damals und heute

Russische Wissenschaft in der Krise

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Russische Wissenschaft in der Krise | Bild: SWR

In Nowosibirsk hatte die Sowjetunion in den 50er Jahren eine riesige Wissenschafts-Stadt bauen lassen. Die Forschung war exzellent. Doch in den neunziger Jahren verließen Zehntausende Wissenschaftler Russland. Udo Lielischkies besucht eine Wissenschaftlerfamilie in Wissenschafts-Stadt in Nowosibirsk, über die der Weltspiegel schon 1968 berichtet hatte. Sie wohnt noch immer in derselben Wohnung wie damals. Die Abwanderung geht weiter: Auch hier haben US-Firmen Büros mit Jobangeboten für Wissenschaftler.

Die Strohpuppe wird zum Festplatz getragen, dazu die traditionellen Lieder – Masleniza, das uralte russische Fest, soll den Winter vertreiben helfen. Wir sind in Akadem Gorodok, dem Wissenschaftsstädtchen bei Nowosibirsk. Wir machen eine Zeitreise, zurück hinter den eisernen Vorhang. Denn vor 45 Jahren war der Weltspiegel schon einmal hier.

Nowosibirsk
Nowosibirsk im Jahr 1968 | Bild: SWR

„Russische Schaffenskraft wird Sibirien erschließen“, so berichtete Lothar Löwe damals. „Unter der Regierung von Nikita Chrustschow entschloss man sich, das Gehirnzentrum Sibiriens in der Nähe von Nowosibirks anzulegen. In dieser Wohnsiedlung leben führende Professoren mit ihren Familien. Es sind die Mitglieder der sibirischen Abteilung der sowjetischen Akademie der Wissenschaften. Der Sowjetstaat hat diese Häuser gebaut und sie den Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt. Tatsächlich müssen sich die privilegierten Bewohner wie im Paradies vorkommen wenn sie an die Lebensbedingungen von Millionen sowjetischer Mitbürger denken. So sieht es am Abendbrottisch des Professors Juri Gawrilowitsch Tscherbakow aus. Er wohnt mit seiner fünfköpfigen Familie in einer kleinen Dreizimmer-Wohnung.“

Seit fünf Jahren ist Sinaida Witwe, zum ersten Mal sieht die Familie Tscherbakow die Weltspiegel-Reportage. Es ist dasselbe Wohnzimmer, und sie erinnern sich gut an den Besuch des deutschen Fernsehteams damals. „Das war eine große Delegation“, erinnert sich Sinaida Tscherbakowa. „Da kam sogar die Tochter von Chrustschow aus Moskau mit.“ „Alles lief problemlos, Hauptsache, nichts Politisches. Mein Vater war ja auch kein Politiker“ ergänzt Dmitrij Tscherbakowa. Sohn Dmitrij ist ebenfalls Professor geworden, er lebt in Irkutsk. Wie steht es um die russische Wissenschaft? „Überhaupt nicht gut. Ich selbst wäre doch auch fast im Ausland geblieben, kam aber zurück.“ Unterfinanziert, international abgehängt, Nachwuchsmangel – in dramatischen Appellen fordern besorgte Wissenschaftler vom Kreml, gegen zu steuern. Das geologische Institut, hier forschte Dmitrijs Vater. Er war sein großes Vorbild…

Film wird auf Monitor gezeigt
Die Wissenschaftler schauen den alten Weltspiegel aus dem Jahr 1968  | Bild: SWR

„Der Professor sucht für sein Vaterland in Sibirien nach Gold“, so Lothar Löwe im Jahr 1968. „Der sibirische Goldrausch kann für die kapitalistische Welt akute Gefahr bedeuten. Je öfter der Professor Gold findet, desto eher kann die Sowjetmacht westliche Goldwährungen ins Wanken bringen“. Und er fand viel Gold, Juri Tscherbakow, erinnern sich seine Mitarbeiter heute. Den ganzen Sommer über gingen sie gemeinsam auf Expeditionen, in Sibirien, in der Mongolei. Goldene Zeiten. Längst vorbei. „Ach das Problem ist doch auf der ganzen Welt das gleiche“, meint der Wissenschaftler Nikolai Serg. „Ein Teil der Jungen Forscher ist einfach weggegangen“, so Nina Wass. Hält der Exodus der Neunziger Jahre immer noch an? „Vor zehn Jahren war es schlimmer. In letzter Zeit kommen wieder junge Leute zu uns“, sagt einer früherer Kollege. „Von seinem Gehalt allein kann ein Forscher kaum leben, er muss schon aktiv nach Fördergeldern suchen, auch im Ausland“, meint der Wissenschafts-Sekretär. Im kleinen Museum zeigen sie uns stolz Fundstücke ihres so erfolgreichen Professors Tscherbakow: Westliche Goldwährungen brachte allerdings auch der nicht ins wanken.

Jugendliche Nachwuchswissenschaftler
Jugendliche Nachwuchswissenschaftler | Bild: SWR

Akadem Gorodok ist noch immer ein besonderer Ort. Das neue Technologie-Zentrum, Optimismus, Aufbruchsstimmung: Während anderswo im Land die Wissenschaft und Forschung eher dahinsiechen herrscht hier Aufbruchsstimmung. Ein Roboter-Wettbewerb für junge Nachwuchs-Wissenschaftler. Steuergelder aus Moskau und private Sponsoren gemeinsam haben hier im fernen Sibirien den Abwärtstrend erfolgreich gestoppt. Anwendungsorientiert forschen, glaubt Dima, im engen Kontakt mit zahlungskräftigen Firmen in aller Welt – das ist das Überlebenskonzept für russische Wissenschaftler. „Vor zehn Jahren gingen wirklich viele hier weg, aber jetzt bleiben immer mehr hier. Denn es gibt jetzt so gute Bedingungen, sich hier selbst zu verwirklichen.“ Sowjetcharme mit Schlagbaum, aber Dimas Softwarefirma im neugebauten Bürogebäude ist erfolgreich und expandiert immer weiter: Eastbanc arbeitet für Microsoft und Java, für CNN und Washington Post. Anfang Zwanzig sind viele hier, nach Washington, dem Firmensitz, will keiner. „Uns gefällt es hier doch“, sagt eine Wissenschaftlerin. „Na ja“, meint ein anderer, „mal schnuppern im Ausland vielleicht, aber nicht für immer.“ Und eine junge Frau ergänzt: „Die Wissenschaftler, die gehen hier oft weg, weil ihnen im Ausland bessere Arbeitsbedingungen geboten werden. Aber wir IT-Leute, wir brauchen doch nur einen Computer, und nicht wie die ein Labor und so ´was.“

Akadem Gorodok, die Masleniza-Feier geht ihrem Höhepunkt entgegen. Warum entsteht gerade hier, in Sibirien, haben wir die Wissenschaftler-Familie gefragt, wieder ein erfolgreiches Zentrum für Forschung und Entwicklung? Wir Sibirier, glaubt Dmitrij, sind eben zäh, darauf trainiert, Widerstände zu überwinden. „Und außerdem ist es doch so gemütlich hier. Besucher sagen immer: Ihr lebt im Paradies, so viel Wald“, so Sinaida Tscherbakowa. Die Puppe brennt, der harte Winter ist bald vorbei, Frühlingsgefühle und Aufbruchsstimmung in Akadem Gorodok – wie vor 45 Jahren...

Autor: Udo Lielischkies, ARD Moskau

Stand: 22.04.2014 13:53 Uhr

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