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Saudi-Arabien: Frauenpower

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Saudi-Arabien: Frauenpower | Bild: SWR

In Saudi-Arabien können Frauen ohne Zustimmung ihres Mannes oder eines männlichen Vormundes das Land nicht verlassen. Sie dürfen sich auch nicht ans Steuer setzen. Ihnen ist untersagt, selbständig Geschäfte zu tätigen. Aber im Land, in dem eine strenge Form des Islam gepflegt wird, regt sich Widerstand. Trotz Strafandrohung trauen sich einige mutige Frauen etwas zu tun, was im Rest der Welt selbstverständlich ist: Öffentlich Auto zu fahren und sogar ins Big Business einzutreten. Eine Reportage von Thomas Aders, ARD Kairo

Saudi-Arabischer Mann
Viele saudische Männer halten nichts von Frauen, die Auto fahren  | Bild: SWR

Riad, Hauptstadt von Saudi-Arabien. Wirtschaftliche Freiheiten, gesellschaftliche Fesseln, vor allem für Frauen. Noch immer wird ihnen das Autofahren verweigert, ganz im Sinne der konservativen Männer. "Unsere Religion verbietet es, dass Frauen ihre Gesichter in der Öffentlichkeit zeigen“, meint ein saudischer Mann. "Es ist gefährlich, wenn sie Auto fahren mit verhülltem Gesicht. Es sprechen also auch Sicherheitsgründe dagegen.“ Ein anderer Mann sagt: "Das Autofahren ist ja für die saudischen Frauen etwas völlig Ungewohntes, denn sie sind daran gewöhnt, in ihren Häusern zu bleiben. Und dort werden sie ja auch ganz anders gewürdigt, während es auf der Straße Probleme gibt. Zum Beispiel: Belästigungen, Entführungen oder Vergewaltigungen!“

"So lächerlich!“, empört sich die Frauenrechtlerin Madiha al Ajroush.  "Es gibt einfach kein Argument, denn wir sprechen hier von einem Menschenrecht! Darauf antworte ich nicht, ich lache, denn das ist ein Witz! Man kann mit niemandem diskutieren, der dir dein Grundrecht vorenthält, was soll man mit so einem schon reden!“  Madiha al Ajroush ist die bekannteste Frauenrechtlerin des Landes, heute wird die Fotografin von zwei Filmstudentinnen besucht, die eine Dokumentation über ihr Idol drehen. Die Frauen in Saudi-Arabien kämpfen gegen uralte Traditionen, aufrecht erhalten von den ultrakonservativen Religionsgelehrten. Selbst das Könighaus, das eigentlich nichts gegen fahrende Frauen einzuwenden hätte, kann wenig dagegen ausrichten. "Das Frauenfahrverbot ist kulturell bedingt. Es hat rein gar nichts zu tun mit Religion, der Scharia, oder dem Islam. Es geht einzig und allein darum, die Mobilität von Frauen zu kontrollieren und zu stoppen. Es reicht! Frauen in Saudi Arabien sagen: es ist genug!“

18. Oktober. Madihas Fahrvideo geht um die ganze Welt. "Zum ersten Mal“, sagt sie gerade, „bin ich Auto gefahren vor 23 Jahren. Und heute ist noch immer nichts passiert! Wie lange sollen wir uns das noch bieten lassen?“  Auch eine Freundin von Madiha will sich nicht mehr ans saudische Gesetz halten. Und die Gesellschaft öffnet sich offenbar sehr langsam: andere Autofahrer signalisieren ihre Zustimmung.  Die Veränderungen in Saudi-Arabien  verlaufen im Schneckentempo – aber es gibt sie. In einer der wenigen Berufsschulen für Frauen werden den Schülerinnen Kenntnisse beigebracht, die sie später im Beruf brauchen werden: Englisch, und der Umgang mit männlichen Kollegen. An den herkömmlichen Schulen werden solche Themen nicht besprochen, eine Integration der Frauen in die Berufswelt ist nicht erwünscht. Und selbst am Vorzeigeinstitut der Gleichberechtigung finden junge Frauen es uninteressant, selbst zu fahren.  "Wir sind wie Prinzessinnen in unseren Wagen. Unsere Fahrer bringen uns an jeden Ort, an den wir wollen!“, meint eine der Berufsschülerinnen. Eine andere sagt:  "Es ist für uns nicht wichtig, Auto zu fahren. Mit einem Fahrer ist es doch viel angenehmer, und wir können die ganze Zeit auf dem Handy chatten, das ginge ja sonst gar nicht!“

Frauenrechte stecken in Saudi-Arabien noch in den Kinderschuhen. Und jene Lehrerinnen und Professorinnen, die das Leben außerhalb Saudi-Arabiens aus eigener Anschauung kennen, verzweifeln manchmal über das mangelnde feminine Selbstbewusstsein. "Diese Mädchen hier wollen Lehrerinnen werden, das ist ihr größter Wunsch, das Maximum, was sie sich vorstellen können“, so die Lehrerin Lubna al Hashim. "Wir versuchen ihnen beizubringen, dass das nicht genug ist! Sie sollen jeden Job machen, dort mit allen Kollegen zusammen arbeiten. Na und? Bedeck‘ deine Haare, und das war’s!“

Zwei Vollverschleierte Frauen
Immer mehr Frauen arbeiten und kommen mit Männern in Kontakt | Bild: SWR

Schon dieser Morgen belegt, dass sich etwas bewegt in der Golfmonarchie: vor wenigen Jahren noch wäre es praktisch ausgeschlossen gewesen, dass Frauen ohne Aufpasser mit fremden Männern in einem Raum sind. Und die Schülerinnen hier wollen nun endlich einen Job. "Alle Frauen sind fähig, ihre Träume zu verwirklichen, sie haben die nötigen Strategien dafür. Ihre Aufgabe ist es nicht, zuhause zu bleiben.“ Das Wahrzeichen der Stadt, der Kingdom-Tower. Von hier oben hat man einen phantastischen Blick auf die Hauptstadt. Es fällt auf, dass es zwar viele amerikanische Schnellrestaurants gibt, aber keine Kinos. Die sind in dem erzkonservativen Land verboten; Einkaufen in den großen Shoppingmalls ist da oft das einzige Vergnügen. Und genau in den Geschäften zeigt sich, dass immer mehr Frauen arbeiten, und in einigen sogar mit Männern in Kontakt kommen. Noch vor kurzem wäre das völlig undenkbar gewesen! "Wir können solche Jobs jetzt machen, und wir finden es klasse!“, sagt die Verkäuferin. Und ihre Kollegin meint: "Die neue Arbeit macht Spaß: wir lernen Kunden kennen, wir lernen mit ihnen umzugehen. Wir haben jetzt mehr Mut.“

Zurück bei Madiha, der Fotografin, die den Dokumentarfilmerinnen gerade ihre Arbeiten zeigt. Großformatig, oft inszeniert. Fast immer haben sie mit Frauen zu tun: Hier rennt eine aus ihrem Haus-Gefängnis nach draußen, hinein in die Freiheit. "Als Frauenbewegung haben wir noch kein sehr hohes Niveau erreicht. Wir sind noch nicht so erfahren, weil wir keine Geschichte haben, wie unsere marokkanischen, unsere ägyptischen und unsere tunesischen Schwestern. Sie haben eine kompakte Geschichte vorzuweisen, die wir in Saudi-Arabien eben nicht haben. Wir wachsen, wir reifen, und wir werden langsam immer raffinierter – klar. Aber wir haben noch einen langen Weg zu gehen.“

Als sie 1990 Auto fuhr, bestrafte die Männerwelt sie so schlimm, dass sie noch heute den Tränen nahe ist: Madiha wurde in allen Moscheen des Landes als Prostituierte beleidigt, und die Männer verbrannten ihre gesamten Fotos. Tausende. Dann fing sie von vorne an mit diesem Zyklus: Die Männer tanzen in vollkommener Freiheit, die Frauen sind reglos und in sich gekehrt.  Nur noch eine Generation, glaubt Madiha, dann ist dieser Unfug endgültig Vergangenheit!

Stand: 15.04.2014 10:36 Uhr

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