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Syrien: Zerstörtes Land

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Syrien: Zerstörtes Land | Bild: Das Erste

Jaramana, Vorort von Damaskus. Nur 300 Meter von hier verläuft die Front, zerbombte Häuser zeugen von brutalen Kämpfen. Wo wir stehen, ist die syrische Armee, bei den Häusern haben sich die Dschihadisten und die Rebellen verschanzt. Das Militär zu filmen ist verboten, nichts soll den Eindruck verwässern, dass die anderen die Bösen sind, auch wenn es sich nicht um den IS handelt.

Überall Granaten, diese steckt im Boden und ist noch scharf. 7.000 der Sprengkörper, von Assad-Gegnern mit einfachsten Mitteln zusammengebaut, sind seit Beginn der Kämpfe allein in diesem Viertel detoniert; täglich kommen im Durchschnitt fünf Attacken hinzu. Der Bürgerkrieg ist Teil des Lebens in der Hauptstadt. Auch die Sayyed-Mahmoud-Schule wurde getroffen. Überleben im Ausnahmezustand.

Noch scharfe Granaten in Jaramana, einem Vorort von Damaskus.
Noch scharfe Granaten auf den Straßen von Jaramana, einem Vorort von Damaskus. | Bild: SWR

Nagwa Ahmed Gamal, eine Anwohnerin, sagt: "Unser ganzes Leben liegt in Trümmern, wir müssen wegen des Terrors immer Angst um unsere Kinder haben. Es ist ein Horror!" Omar Murad, ein Anwohner, schildert: "Ich habe jegliches Gefühl von Sicherheit und Glück verloren. Wann immer wir das Haus verlassen, verabschieden wir uns von unseren Lieben. Vielleicht kommst du zurück, vielleicht aber auch nicht…" Viele Menschen gehen trotz allem ihren Geschäften nach, die Läden sind geöffnet, die Straßen voller PKW. Nach dreieinhalb Jahren Bürgerkrieg sehnen sich die Meisten nach Normalität. Doch fast jede Familie hat den Tod eines Verwandten zu beklagen. Dazu ist das Leben unerschwinglich teuer geworden, die Preise sind um bis zu 1.000 Prozent gestiegen.

Termin im alten Damaszener Präsidentenpalast. Buthaina Shaaban gehörte schon zum engsten Kreis um Vater Hafez al-Assad, jetzt ist sie politische und mediale Beraterin des amtierenden Präsidenten. Wir fragen, ob Assad die gemäßigte innersyrische Opposition vielleicht positiver bewerte als die mehrheitlich ausländischen Gotteskrieger des Islamischen Staates. Ihre Antwort: Regierungsstandard. Jeder, der das Regime bekämpfe, sei ein Terrorist.

Die syrische Flagge weht über zerstörten Häusern in Damaskus.
Die syrische Flagge weht über zerstörten Häusern in Damaskus. | Bild: SWR

Buthaina Shaaban, Präsidentenberaterin Syrien, sagt: "Wir haben unter Massakern gelitten, in Idlib, in Aleppo, in Homs – vor und nach dem sogenannten Islamischen Staat. Die Oppositionellen und die Dschihadisten haben alle die gleiche Mentalität: Sie denken alle, dass ein menschliches Leben wertlos ist, dass sie jede Frau und jedes Kind töten können, dass sie grauenhafte Massaker verüben können. In Homs haben sie 50 Kinder getötet! In der Schule! Jeder, der sich in einer Gruppe von Kindern selbst in die Luft sprengt, ist nichts anderes als ein Verbrecher – egal, was für einen Namen er verwendet." Kriegsverbrechen der syrischen Armee finden für die Regierung offenbar nicht statt.

Reise nach Maaloula an der libanesischen Grenze. Dschihadisten hatten vor wenigen Monaten große Teile des Wallfahrtsortes besetzt, bis sie von der Armee vertrieben wurden. Spuren der Verwüstung überall. Jedes christliche Symbol – ein Dorn im Auge der Gotteskrieger. Dass wir hier drehen dürfen, liegt im Interesse der Regierung: die Zerstörung von Maaloula – ein Symbol für die Zerstörung Syriens durch seine Feinde, egal, ob von al-Nousra, dem IS oder der gemäßigten Opposition.

Zerstörtes Kloster der Heiligen Thekla bei Maaloula, Syrien.
Von den Dschihadisten zerstörtes Kloster der Heiligen Thekla bei Maaloula, Syrien. | Bild: SWR

Erstes Opfer der Islamisten von der al-Kaida-nahen Al-Nousra-Front: das Kloster der heiligen Thekla, jahrhundertelang Ziel christlicher Pilgert. Purer, extremistischer Hass hat hier gewütet. Fresken: mit Messern zerstochen. Uralte Bibeln: zu Dutzenden verbrannt. Nach der Gewaltorgie ist der größte Teil der bis zu 1.800 Jahre alten Kunstschätze für alle Zeit verloren. Michael Ouba, Mitarbeiter des Klosters, schildert: "Als die Kämpfer der al-Nousra-Front hier eingedrungen sind, haben sie die 14 Nonnen gekidnappt und das ganze Kloster von unten bis oben zerstört. Sie sehen es überall: Sie haben die uralten Ikonen aus frühchristlicher Zeit zerhackt, das sind unwiederbringliche Unikate, sie haben die Glocken abgerissen und mitgenommen, sie haben alle Kreuze auf den Kirchtürmen abgebrochen, und sie haben die bronzene Jesusstatue enthauptet."

Verbrannte Bibel im Kloster der Heiligen Thekla bei Maaloula, Syrien.
Verbrannte Bibel im Kloster der Heiligen Thekla bei Maaloula, Syrien. | Bild: SWR

Und dann führt uns der Gemeindemitarbeiter schleppend - als wehrte sich sein Körper dagegen, den Raum zu betreten - in das Allerheiligste: die Grabkammer jener Christin, nach der das Kloster benannt ist. Michael Ouba, Mitarbeiter des Thekla-Klosters, erzählt: "Als wir in die Grabkammer kamen, waren die Ikonen in drei Teile zerbrochen, das Grab der Heiligen Thekla geschändet, der goldene Schmuck geraubt. Wir haben alle geweint, wir sind bis heute fassungslos."

Maaloula an der syrisch-libanesischen Grenze – früher ein Schmuckstück, heute ein Ort der Trauer.

Thomas Aders, ARD Kairo.

Stand: 05.01.2015 09:22 Uhr

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