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USA: Gesichtserkennung und das Ende der Privatsphäre?

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USA: Gesichtserkennung und das Ende der Privatsphäre? | Bild: SWR

Wer in die USA einreist, muss seine Fingerabdrücke abgeben und sich fotografieren lassen. Im terrortraumatisierten Amerika regt sich kaum jemand darüber auf, dass die Regierung gewaltige Datenmengen speichert. Doch nun sorgt eine noch recht junge Technologie für Diskussion: die Gesichtserkennung. Ursprünglich für Grenzkontrollen und Geheimdienste entwickelt, wird diese Form der Biometrie zunehmend auch kommerziell genutzt, ist vermutlich schon bald für Jedermann zu haben. Testnutzer zahlen 1.500$, um Google Glass ausprobieren zu dürfen, die neue Datenbrille des Internetgiganten, die demnächst auf den Markt kommen soll. Wie die Smartphones könnte sie unser Leben massiv verändern und dies nicht nur zum Guten. Denn mit der zierlichen Hightech-Brille lassen sich völlig unbemerkt Fotos und Videos machen. Noch hält sich Google mit der Einführung zurück. Doch die ersten StartUp-Firmen preschen vor und entwickeln bereits Programme, mit denen sich solche Bilder von Unbekannten mit Fotodatenbanken aus dem Internet abgleichen ließen. Ein Albtraum für Datenschützer, die bereits das Ende jeglicher Privatsphäre heraufbeschwören. Stefan Niemann vom ARD-Studio Washington hat die Gurus der Gesichtserkennung getroffen.

Mann mit Minicomputer-Brille Google Glass
Die Minicomputer-Brille ist ein Alptraum für Datenschützer | Bild: SWR

Max will den Fortschritt sehen – buchstäblich! Der Webdesigner aus Santa Monica testet Google Glass. Die Minicomputer-Brille ist noch nicht auf dem Markt. Sie soll unser Leben revolutionieren: Infos aus dem Internet ins Sichtfeld eingeblendet, alles direkt vor Augen. Doch Google Glass kann auch unauffällig Fotos und Videos aufnehmen und ins Netz übertragen. Für Datenschützer ein Alptraum. Auch Testnutzer Max Cipicchia spürt die Verunsicherung.  "Die Leute regen sich auf, weil sie nicht wissen, was ich da tue. Du weißt ja jetzt auch nicht, ob ich Dich gerade Filme und das Live als Videoblog streame."

Passkontrolle bei Einreise in die USA
Wer in die USA einreist, muss seine Fingerabdrücke abgeben und sich ablichten lassen | Bild: SWR

Der technische Fortschritt ein sozialer Irrweg? Max glaubt, dass selbst Google einen Sturm der Entrüstung fürchtet. Denn im Google Glass Prototyp ist die Gesichtserkennung noch deaktiviert. Doch im Netz gibt es ihn schon, den Blick in die Big Brother Zukunft. Eine attraktive Bedienung – über die Fotodatenbanken sozialer Netzwerke blitzschnell identifiziert: Name, Hobbys, Facebook-Einträge, alles würde offensichtlich. Und das unbemerkt und in Echtzeit. "Man könnte dann über das Bild nicht nur Deinen Namen rauskriegen, sondern wo Du arbeitest, vielleicht Deine Adresse oder ob Du wohlhabend bist" meint Josef Atick, Biometrie- und Datenschutzexperte. "Frauen könnten belästigt werden, Reiche zum Entführungsziel. Wir müssen uns fragen, ob wir als Gesellschaft wirklich bereit sind für diese Dimension der Vernetzung." Schon wer in die USA einreist, muss seine Fingerabdrücke abgeben und sich ablichten lassen wie ein Verdächtiger. Im terrortraumatisierten Amerika regt sich kaum jemand darüber auf, dass die Regierung gewaltige Datenmengen speichert – solange es der Sicherheit dient.

Gesichtserkennungssoftware
Vor allem die Polizei ist an der Gesichtserkennungssoftware interessiert  | Bild: SWR

Pittsburgh, Pennsylvania. In der einstigen Stahlmetropole Amerikas schmieden sie heute am digitalen Fortschritt. Die Gurus der Gesichtserkennung forschen an der Privatuni Carnegie Mellon. Professor Marios Savvides und sein Team suchen nach dem ultimativen Algorithmus. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Forschungsgelder auch aus dem Pentagon und vom Heimatschutz kommen. Dreidimensionale Rekonstruktionen aus mehreren Fotos. Die Computerprogramme erkennen schon viele Verdächtige, aber noch nicht alle. "CSI und Hollywoodfilme erwecken die Illusion, wir würden immer nur Volltreffer liefern, den einen magischen Match. Davon sind wir weit entfernt. Wenn Ermittler keinen Schimmer haben, nach wem sie suchen, dann sind die schon froh, wenn wir ihnen 50 oder 20 Gesichter liefern können."

Bilder der Boston-Bomber. Für Fahndungszwecke unbrauchbar. Was Sicherheitskameras und Handyschnappschüsse liefern ist oft unscharf und verschwommen. Doch hier im Laborversuch haben sie daraus ein Gesicht hochgerechnet, das dem des Tatverdächtigen sehr nahe kam. Auch mit unvollkommenen Bildern dem Bösen auf die Spur kommen – dafür feilen sie an der Technik. Doch es ist die mögliche kommerzielle Nutzung der Gesichtserkennung, die nun Kopfzerbrechen bereitet. In Washington sitzen sie am Runden Tisch: Industrievertreter und Ingenieure, Datenschützer und Lobbyisten. Die Fronten sind schon verhärtet: es geht um einen noch jungen, aber potentiell hochprofitablen Markt. Der kalifornische Unternehmer Joe Rosenkrantz will in der Hauptstadt verhindern, dass die Regierung in ihrer Regelungswut seine vielversprechende Branche erstickt. "Der Präsident muss begreifen, dass sich mit der Gesichtserkennungstechnologie Verbrechen verhindern lassen. Wir können Täter an Eingängen identifizieren bevor sie ein Gebäude betreten!"

Menschenmenge
Mit der Gesichtserkennung lassen sich in den USA schon jetzt große Gewinne machen  | Bild: SWR

Streifenfahrt mit der Polizei von Chula Vista südlich von San Diego. Die Grenze nach Mexico ist nicht weit, Jugendbanden und Drogengangster treiben ihr Unwesen. Fahnder Robert Halverson ist froh, dass er sich nun auf moderne Technik stützen kann. Es hat einen Straßenkampf gegeben: Der Polizist zückt einen kleinen Computer: darauf die neueste Gesichtserkennungssoftware der Firma von Joe Rosenkrantz. Ein Verdächtiger soll identifiziert werden. Der Mann hat keine Papiere dabei. Früher hätten sie ihn aufs Revier gebracht. Heute macht Halverson einfach ein Foto – direkt am Tatort. Das kalifornische Pilotprojekt könnte schon bald Schule machen in den USA. Der direkte Zugriff auf die Bilderdatenbanken der Polizei macht die Verbrecherjagd deutlich einfacher.  "Ich vergleiche sein Bild jetzt mit unserer Verbrecherkartei. Denn oft haben Verdächtige keinen Ausweis oder wir glauben, sie geben einen falschen Namen an. Manchmal glauben wir, jemanden zu erkennen, aber er hat sich vielleicht die Haare wachsen lassen oder einen Bart." Nach ein paar Sekunden die Gewissheit: dieser Mann ist nicht vorbestraft.

Ortstermin bei Face First in Camarillo. Joe Rosenkrantz‘ noch junge Firma verkauft weltweit biometrische Sicherheitssysteme für Flughäfen und Shoppingmalls. Der Mann ist gut im Geschäft – mit Gesichtserkennung lassen sich schon satte Gewinne machen in Amerika.  Natürlich hat sich auch der geschäftstüchtige Kalifornier ein Google Glass Testgerät besorgt und mühelos seine Programme installiert. "Erkenne ein Gesicht" – so das Sprachkommando an die Datenbrille. Das Ergebnis: erschreckend einfach. Was Google aus Imagegründen noch scheut, machen Firmen wie Face First vor: Gesichtserkennung für jedermann."Mit entsprechendem Zugang könnte ich Dein Vorstrafenregister sehen oder jede andere Information zu Dir" sagt Joe Rosenkrantz. "Einfach über das Bild durch Google Glass. Es wird kein Zurück geben – manche haben das nur noch nicht verstanden…." Google bewirbt seinen Minicomputer als cooles und harmloses Lifestyle-Produkt. Doch es ist nur eine Frage der Zeit bis irgendjemand die Datenschutzbedenken opfert, um mit Gesichtserkennung richtig reich zu werden.

Stand: 15.04.2014 10:43 Uhr

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