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Vietnam: Das Dorf der Haarjäger

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Vietnam: Das Dorf der Haarjäger | Bild: SWR

Mit Schönheit lässt sich Geld machen. Mit schönen Haaren sogar sehr viel Geld. Weltweit explodiert die Nachfrage nach Haar-Extensions, Perücken und Haarteilen. Und die Lieferanten der Naturhaare kommen aus immer entlegeneren Gegenden. Zum Beispiel aus dem kleinen Dorf Binh An in Vietnam. Rund 500 Familien leben davon, Echthaare zu waschen, zu kämmen, zu Strähnen zu bündeln, in Bündel zu verpacken und weltweit zu versenden. Die Haare stammen meist von jungen Reisbäuerinnen, die sich ihre Haarpracht abschneiden lassen, um damit das Schulgeld ihrer Kinder zu zahlen oder einfach nur, um sich eine warme Mahlzeit leisten zu können. ARD-Korrespondent Norbert Lübbers, ARD-Studio Singapur, über ein zwiespältiges Geschäftsmodell.

Junge Frau beim Friseur
Echthaar-Strähnen: 200 Gramm für 100 Euro  | Bild: SWR

Ein Haarsalon in der Altstadt von Hanoi! Wer volles, langes Haar will und es sich leisten kann, der kommt hierher! Denn wo Mutter Natur nicht mehr hergegeben hat, da helfen Spezialisten nach - mit Echthaar-Strähnen aus dem eigenen Land. Die 18jährige Tu Nhi traut sich zum ersten Mal. Für die Filmstudentin geht ein Schönheitstraum in Erfüllung. 200 Gramm mehr Fülle - aufwendig eingeflochten - für rund 100 Euro! "Wem diese Strähnen mal gehört hat, darüber mache ich mir keinen Kopf! Ich glaube nicht, dass irgendeiner merkt, dass das nicht mein eigenes Haar ist!”

Doch die neue Haarpracht hat eine lange Reise hinter sich. Und am Anfang, da waren es Frauen wie diese beiden, die sich auf die Suche gemacht haben nach den schönsten Haaren Vietnams! Thi Hang und Thu Ha sind Haarjägerinnen. Um die Frauen aus der Stadt glücklich zu machen, fahren die beiden Schwestern raus aufs Land. In die Dörfer und auf die Marktplätze. Zimperlich und schüchtern dürfen sie dabei nicht sein. Denn freiwillig gibt hier keine ihr Haar weg! "Wir sind vor allem auf der Suche nach langen Haaren", sagt Phan Thi Hang. "50 Zentimeter und mehr. Ob grau oder schwarz, das ist dabei egal.”

"Haarjägerin" greift nach Haaren einer Frau
35 Euro bieten die Haarjägerinnen für entsprechend lange Haare | Bild: SWR

Die Frauen auf dem Land - sie sind eine wahre Fundgrube. Lang, dicht und 100 Prozent natürlich - da ist hier nach wie vor das Schönheitsideal! 35 Euro bieten die Haarjägerinnen für diese lange Mähne. Viel Geld für die Menschen hier. Doch der Marktfrau geht das Ganze zu schnell. 50 Zentimeter sind ihr dann doch zu viel. Sie will sich höchstens die Spitzen ein paar Zentimeter schneiden lassen. Dafür gibt es aber auch deutlich weniger Geld. Und das Geschäft platzt in letzter Sekunde! "Wir arbeiten mit allen Tricks, um die Frauen zu überreden", erzählt die Haarjägerin Nguyen Thu Ha. "Erst sagen wir immer, dass der Sommer bald kommt. Und bei der Hitze sind kurze Haare doch viel angenehmer. Und außerdem sieht das auch gleich viel jünger und moderner aus!”

Reisfelder in Vietnam
Die Haarjägerinnen ziehen von Dorf zu Dorf auf der Suche nach langen, schönen Haaren | Bild: SWR

Die Schwestern ziehen weiter ins nächste Dorf. Immer dabei, um die eigene Stimme zu schonen: Die automatische Lautsprecheransage: "Wer will sein Haar verkaufen! Kommt zu uns!” Und dann ist es soweit. Der erste Erfolg des Tages. Thi Hong Le will sich von ein paar Strähnen verabschieden. Die 6fache Großmutter ist 61 Jahre alt. Doch die Kopfpracht ist noch immer kräftig und lang. Und kaum ein graues Härchen dazwischen. "Natürlich ist mein Mann nicht begeistert. Aber er respektiert mich und lässt mich selbst entscheiden!” Einen radikalen Schnitt mit der Schere, das kann sie sich und ihrem Mann nicht antun. Stattdessen wird das Haar gelichtet - mit einer Klinge. Die Ausbeute fällt entsprechend geringer aus. Und es gibt weniger Geld. "Viele Frauen haben einfach Angst vor der Schere", sagt Phan Thi Hang. "Dann greifen wir zur Klinge. Das Haar sieht dann immer noch schön lang aus und fühlt sich nicht ganz so abgeschnitten an!” Die Haare sind zwar nicht viel kürzer, aber dafür deutlich dünner. 15 Euro zahlen die Haarjägerinnen für die Trophäe. In Vietnam ist das der Preis für einen 50 Kilo Sack Reis.

Binh An - ein kleines Dorf - ein paar Kilometer weiter.  Hier steht der Mann, der das Haarimperium kontrolliert. Do Van Thu. Er redet nicht gern über Zahlen, doch das Geschäft mit den Haaren hat ihn zu einem reichen Mann gemacht. Er zeigt uns seine Schatzkammer - auch wenn die nicht ganz danach aussieht! Was hier liegt, ausgebreitet wie ein Skalp, das nennt er Vietnams Schwarzes Gold! Einst war er einfacher Reisbauer. wie alle im Dorf. Doch dann kam ihm die Idee mit den Haaren. Am Anfang legt er noch selbst bei den Frauen Hand an. Heute machen das andere. Rund 1000 Haarjäger im ganzen Land. "Wenn ich eine Frau mit wunderschönem Haar sehe, dann kann ich nicht anders, ich muss sie überzeugen, es abzuschneiden. Auch wenn es manchen Frauen peinlich ist, ihr  Haar herzugeben. Aber das ist nun mal mein Geschäft.”

Gebündelte Haare
Drei bis Fünf Tonnen Haare werden jeden Monat nach China exportiert | Bild: SWR

Drei bis Fünf Tonnen exportiert er jeden Monat - vor allem nach China. Dort wird der Rohstoff weiterverarbeitet - zu Haarverlängerungen, Perücken und falschen Wimpern. Heute sind die Einkäufer da. Und es beginnt ein eingeübtes Ritual. Die Chinesen prüfen die Qualität und beschweren sich. "Das ist immer dasselbe Spielchen", meint Do Van Thu. "Die Chinesen geben uns erst mal einen miesen Preis. Und wir halten dann dagegen. Und am Ende einigt man sich immer. Die Nachfrage nach unserem Haar ist einfach zu groß!”

Die Haarjägerinnen sind wieder unterwegs. Sie müssen immer längere Strecken zurücklegen, um für den Nachschub zu sorgen. Es gibt mehr und mehr Konkurrenz. Und viele Frauen wissen inzwischen, wie wertvoll ihr Haar ist! "Wir fahren in die entlegensten Dörfer. Manche Frauen brauchen das Geld. Da ist es einfach. Aber bei anderen müssen wir eine Stunde lang alles versuchen, um sie zu überreden!”  Ein haariges Geschäft. Nur um eins müssen sich die beiden Schwestern keine Sorgen machen. Der Rohstoff, auf den sie scharf sind, der wächst unendlich natürlich nach.

Stand: 15.04.2014 10:43 Uhr

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