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Syrien: Deutsche IS-Frauen wollen zurück

PlaySyrien: Deutsche IS-Frauen, geflohen aus Rakka, wollen zurück in ihre deutsche Heimat

Sandra M. will einfach nur noch weg. Mit ihren Kindern zurück in die alte Heimat, nach Monaten der Langeweile auf 23 Quadratmetern. Für ausreichend Essen und Trinken ist gesorgt. Sogar Trickfilme für die Kleinen. Keine Bomben. Kein Terror. Immerhin. Die 33-jährige aber zieht es zurück nach Deutschland. In München ist sie aufgewachsen, hat dort studiert und gearbeitet. 2015 schloss sie sich der Terrormiliz IS in Syrien an.

Sandra M. hat sich in Deutschland nicht mehr wohl gefühlt

Syrien: Deutsche IS-Frauen, geflohen aus Rakka, wollen zurück in ihre deutsche Heimat
Syrien: Deutsche IS-Frauen, geflohen aus Rakka, wollen zurück in ihre deutsche Heimat

Deutsch darf sie mit uns nicht sprechen. Der kurdische Geheimdienst hört mit. Nur wenige Fragen sind erlaubt. Eines aber will sie unbedingt loswerden. "Ich möchte meiner Regierung gerne sagen: Bitte nehmt uns zurück, bringt uns wieder zurück nach Deutschland!"Über muslimische Schulfreunde habe sie zum Islam gefunden, erzählt sie uns. Sie sei konvertiert, habe als voll verschleierte Frau immer wieder Vorbehalte gespürt. Ihr Mann ist Marokkaner. Beide hätten sich in Deutschland irgendwann nicht mehr wohl gefühlt. Eine Freundin habe ihnen geraten, sich der Terrormiliz IS anzuschließen, ihnen ein Propaganda-Video geschickt.

"Wir haben in Deutschland dieses Video gesehen. Das zeigte, dass jeder dort den Islam praktizieren kann, ohne unter Druck zu geraten. Deshalb haben wir uns gesagt: Lass uns dorthin gehen. Wir sind über die Türkei nach Rakka gereist. In den ersten drei, vier Monaten hatten wir den Eindruck: Ja, es stimmt. Wir können hier nach dem Islam leben. Wir sehen überhaupt nichts Schlechtes", erzählt Sandra M.

Eine Herrschaft des Schreckens

Syrien: Die IS-Frauen werden in einem Lager in Nordsyrien festgehalten
Syrien: Die IS-Frauen werden in einem Lager in Nordsyrien festgehalten

Erstaunliche Eindrücke aus der Hauptstadt des Terrors. 2014 übernehmen die Gotteskrieger die Kontrolle über Rakka, planen von hier aus Anschläge in der ganzen Welt, etablieren eine Herrschaft des Schreckens. Ihre rigiden Vorschriften setzen sie mit Auspeitschungen und öffentlichen Hinrichtungen durch. Sandras Mann kamen nach einiger Zeit Zweifel, wie sie sagt. "Ich habe nichts mitbekommen, weil ich immer zu Hause war. Mein Mann sagte mir manchmal: Es gibt eine Menge schlimme Dinge im Islamischen Staat. Wir müssen hier weg. Aber er hat mir nicht gesagt, was es ist. Er meinte, es sei besser, wenn ich das nicht wisse. Er sagte nur, wir müssen weg!"

Doch der Weg raus aus Rakka war sehr viel schwieriger als der rein. Zumal mitten im Krieg gegen eine Militärallianz unter Führung der USA. Auf der Flucht haben kurdische Milizen Sandra und ihren Mann bei Kobane aufgegriffen. Er sitzt seither im Gefängnis.

So wie Hunderte ausländische IS-Anhänger im Norden Syriens auch. Angeblich 35 allein aus Deutschland.
Die kurdische Selbstverwaltung will sie so schnell wie möglich loswerden.

Deutsche Frauen im Lager teilen das gleiche Schicksal

Syrien: Deutsche IS-Frauen sind nach mehreren Jahren aus Rakka geflohen
Syrien: Deutsche IS-Frauen sind nach mehreren Jahren aus Rakka geflohen

"Das ist für uns eine große Last. Wir können sie nicht allein schultern. Wir haben zusammen mit der internationalen Gemeinschaft die Terrormiliz ausgeschaltet. Aber für dieses Problem müssen jetzt alle gemeinsam einstehen. Die Frauen und Kinder brauchen psychische Betreuung. Sie haben keine Papiere. Alle Länder müssen die Verantwortung für ihre Staatsangehörigen übernehmen, diese Terroristen zurücknehmen und bei sich vor Gericht stellen", so Abdel Karim Omar, Direktor für Außenbeziehungen der demokratischen Selbstverwaltung Rojava.

Die deutschen Frauen im Lager der Kurdenmiliz kennen sich, teilen das gleiche Schicksal. Sabila S. wartet mit ihren drei Kindern nun schon seit sieben Monaten auf ihre Reise zurück nach Deutschland.

Sie hat Wurzeln im Kosovo, konvertierte zum Islam, heiratete einen Türken. Mit 19 Jahren sei sie aus Hessen über die Türkei zur Terrormiliz nach Syrien gereist. Ganz unkompliziert. So wie viele andere auch, sagt sie. Ihre Familie habe davon nichts gewusst.

"Mir haben Leute erzählt, dass ich in Deutschland meine Religion nicht praktizieren könne. Ich habe auf sie gehört. Sie haben mir nahegelegt, mich dem Islamischen Staat anzuschließen und mir den Kontakt vermittelt. Mein Mann und ich haben den Kontakt aufgenommen. Dann sind wir dorthin gefahren. Das war es auch schon", erzählt Sabila S.

Traum vom Leben in der alten Heimat

Syrien: Deutsche IS-Frauen wollen zurück in die die deutsche Heimat
Syrien: Deutsche IS-Frauen wollen zurück in die die deutsche Heimat

Viereinhalb Jahre haben sie unter der Terrormiliz in Rakka gelebt. Sabila brachte drei Kinder zur Welt, ihr Mann arbeitete in der Logistik. Von Verbrechen und Terror will Sabila nichts mitbekommen haben. Schikanen der Religionspolizei allerdings habe sie schon erlebt. "Ich durfte mit meinem Mann nicht Händchen halten, ihm nicht zu nahe kommen. Das war verboten. Ich durfte ohnehin kaum aus dem Haus. Einst hatte ich eine Entzündung am Auge, konnte nicht gut sehen und nahm die Burka ab. Ein Mann schrie mich daraufhin an, drohte, mich ins Gefängnis zu werfen, wenn ich das noch einmal machen würde", sagt Sabila S.

Sie verließen Deutschland für ein Leben unter Gotteskriegern, verbrachten Jahre in der Hauptstadt der Terrormiliz IS. Religiöser Wahnsinn oder grenzenlose Naivität? Abou Taam vom Verfassungsschutz Rheinland-Pfalz bezweifelt Letzteres. Die Frauen hätten für die Terrormiliz eine wichtige Rolle gespielt, sich bewusst für ein Leben unter den Gotteskriegern entschieden, deren Ziele hochgehalten.

"Sie kamen in Rakka an. Und der IS hat sie befragt, sie mussten Treueeide ablegen, und wohnten in Häusern, von denen Menschen vertrieben wurden. Der IS ist brutale Eroberungsarmee. Und der IS hat selbst solche Bilder propagiert. Sie wollten beweisen, wie brutal sie sind, und diese Bilder wurden vor Ort gezeigt. Es wurde hingerichtet und ausgepeitscht. Wenn man in Rakka lebt, bekommt man das mit. Es ist keine sehr große Stadt", sagt Abou Taam, Islamwissenschaftler Landesamt für Verfassungsschutz Rheinland-Pfalz.

Spätestens mit dem Sieg über die Terrormiliz im Oktober 2017 brach ihre Welt zusammen. Ob sie sich von den Zielen des IS auch lossagen, ja bereuen, ist fraglich. Was aber sind ihre Lehren daraus?

"Das Leben in Deutschland ist gut. Man kann dort seinen Islam besser leben als unter dem Islamischen Staat. Das sehen wir mittlerweile ganz klar", sagt Sandra M.

In Deutschland wartet die Staatsanwalt auf sie. Ihnen Straftaten nachzuweisen, wird allerdings schwierig. Womöglich wird ihr Traum von einem Leben in der alten Heimat auf freiem Fuß schon bald wahr.

Autor: Daniel Hechler/ARD Studio Kairo

Stand: 18.05.2019 00:47 Uhr

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