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Türkei: Angeln zum Überleben

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Türkei: Angeln zum Überleben | Bild: WDR

Die Sonne geht auf über der Meerenge Bosporus. Auf der Galatabrücke ziehen die Angler ihre ersten Fänge aus dem Wasser. Es sind Hamzis, also Sardellen. Etwas Größeres beißt in den Sommern an Istanbuls Ufern nur selten an. Engin Yasar kommt seit mehreren Monaten täglich auf die Brücke, doch nicht nur, weil das Angeln ihm Spaß macht.

Türkei: Engin Yasar steht frühmorgens auf der Galata-Brücke, um Fische zu angeln
Türkei: Engin Yasar steht frühmorgens auf der Galata-Brücke, um Fische zu angeln | Bild: WDR

Yasar hat während der Pandemie seine Arbeit als Hausmeister verloren: "Es ist kein Hobby mehr, sondern ich muss das machen. Aufgrund der Pandemie ist es schwer, einen Job zu finden. Ich wurde entlassen, weil man Einsparungen vorgenommen hat. Und das nach 17 Jahren. Ich habe keinen Beruf erlernt. Zum Glück habe ich dieses Hobby seit meiner Kindheit, womit ich nun meinen Lebensunterhalt verdienen kann." Immer mehr Angler:innen kommen in den letzten Monaten auf die Brücke. Viele aus demselben Grund wie Yasar. Sie haben ihre Arbeit verloren und halten sich mit Angeln über Wasser.

Gesunkene Nachfrage macht den Fisch-Verkauf schwierig

Die Flasche ist halb voll. Yasar versucht, den Fang auf dem Fischmarkt zu verkaufen. Er ist verheiratet, hat Kinder. Jede Lira mehr in der Haushaltskasse zählt. Doch andere Angler:innen waren schneller und die Situation für Fischhändler ist in diesen Tagen kompliziert. "Mit dem Verkauf läuft es derzeit gar nicht gut. Es gibt ja dieses Problem mit dem Meer", erzählt Fischhändler Mustafa Hödük. "Wir müssen den Fisch nun selber essen", sagt Yasar.

Türkei: Die Galata-Brücke in Istanbul – viele Angler finden zur Zeit keinen Job, die gefangenen Fische verkaufen sie
Türkei: Die Galata-Brücke in Istanbul – viele Angler finden zur Zeit keinen Job, die gefangenen Fische verkaufen sie | Bild: WDR

Das vom Fischhändler angesprochene Problem ist der Algenschleim im Marmarameer, der seit Wochen vor Istanbuls Küste schwimmt. Bosporus und Marmarameer sind direkt verbunden. Seitdem der Schleim in großen Mengen zu sehen ist, verzichten viele Istanbuler:innen lieber auf den Fisch. Yasar kann nicht verzichten – Der Nachwuchs hat Hunger : "Meine Frau hat angefangen zu arbeiten. So haben wir ein Zubrot. Und ich denke, jetzt, da die Corona-Ausgangssperren aufgehoben sind, dann finde auch ich eine geregelte Arbeit, damit wir besser über die Runden kommen."

So bereite man den Hamzi zu, sagt Yasar. Und die Kinder und er vergessen für einen kurzen Moment, dass alles nicht so rund läuft. Seit dem ersten Juli sind fast alle Corona-Einschränkungen in der Türkei aufgehoben. Tourist:innen aus Iran und Russland kommen bereits wieder ins Land. Für viele Angler:innen auf der Galatabrücke ein Zeichen der Hoffnung. Vielleicht finden sie bald in der Gastronomie einen Job und angeln dann wieder nur als Hobby.

Autor: Oliver Mayer Rüth / ARD Studio Istanbul

Stand: 04.07.2021 20:48 Uhr

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