SENDETERMIN So, 19.05.19 | 19:20 Uhr | Das Erste

Türkei: Deutsche Plastikmüll-Exporte

PlayGestapelte Gelbe Säcke mit Plastikabfall
Türkei: Deutsche Plastikmüll-Exporte | Bild: dpa / picture-alliance

Türkische Recycling-Unternehmen haben alle Hände voll zu tun. 2017 waren es 18.000 Tonnen. Als China als weiterer Abnehmer des deutschen Mülls ausfiel übernahmen die türkischen Firmen große Anteile. 2018 waren es schon 50.000 Tonnen. Für sie ist deutscher Plastikmüll ein Rohstoff. Kostenlos holen sie ihn in deutschen Häfen ab. Doch die schiere Menge überfordert das türkische Recycling-System auch immer wieder. Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Berge von Plastikmüll in Recyclinganlage
Hier werden monatlich 10.000 Tonnen Plastikmüll verarbeitet | Bild: SWR

Die Provinz Afyon am westlichen Rand Zentralanatoliens. Wälder und Auen soweit das Auge reicht. Aber auch wilde Müllhalden, weil der Müll anatolischer Dörfer noch längst nicht überall umweltschonend entsorgt wird. Und wenige hundert Meter weiter, Europas größte Plastikmüllrecyclinganlage, wie der Betreiber sagt. Die Anlage verarbeitet monatlich 10.000 Tonnen Plastikmüll. Die Hälfte davon aus dem Ausland und ein Großteil davon aus Deutschland. Das Unternehmen produziert aus Plastikmüll Granulat, um wiederrum Plastikprodukte herzustellen.

Plastik wird aus Erdöl gewonnen. Die Türkei habe keine Erdölquellen, jedoch einen enormen Bedarf an Plastik, sagt der Chef der Anlage und entschuldigt sich gleichzeitig für den massiven Import von Plastikmüll. "Um den Import zu verhindern, müssten wir hier in der Türkei unseren Müll richtig trennen. Daran arbeitet momentan das zuständige Ministerium. Um den fehlenden Müll zu bekommen, müssen wir eben importieren."

Der Müll geht auf Reisen

Die hochmoderne Anlage ist folglich auch ein Produkt einer länderübergreifenden völlig schief gelaufenen Politik. Deutschland produziert immer mehr Plastikmüll. Anstatt diesen selbst zu verwerten oder zu reduzieren, kauft eine Anlage in der Türkei den deutschen Müll auf. Gleichzeitig schafft es die Türkei aber nicht, den eigenen Müll ausreichend zu trennen und zu verwerten.

Frauen sortieren Plastikmüll
Die Türkei kauft deutschen Müll, um ihn zu verwerten | Bild: SWR

Deniz Bayram recherchiert bei Greenpeace Türkei die Auswirkungen der europaweiten Zunahme von Plastikmüll. "In den fortschrittlichen westlichen Ländern gibt es aufgrund der Konsumgewohnheiten ein Aufkommen von Plastikmüll, das nicht mehr bewältigt werden kann. Der Müll geht auf Reisen. Das Plastikmüllproblem ist inzwischen ein globales Problem. Denn dieser Müll, das Plastik bleibt über Jahrhunderte in der Natur und schadet vor allem Meerestieren."  

Der Strand der türkischen Hafenstadt Mersin. Eine Studie der Umweltschutzorganisation World Wildlife Fund besagt, der meiste Plastikmüll im Mittelmeer kommt aus der Türkei. 144 Tonnen pro Tag sollen es sein. Gefolgt von Spanien mit 126 Tonnen pro Tag. Der Journalist Hikmet Durgun versucht durch seine Recherchen die Öffentlichkeit in der Türkei für das Müllproblem zu sensibilisieren. "In der Türkei ist das Umweltbewusstsein nicht so ausgeprägt. Das sieht man fast überall. Was Sauberkeit der Meere und der Umwelt angeht, so zeigen unsere Mitmenschen leider nicht genug Interesse."  Immer wieder findet Durgun am Strand tote Schildkröten. In vielen Fällen verschlucken die Tiere Plastiktüten oder scharfe Plastikstücke, die den Magen oder den Darm verletzen.

Mülltrennung findet auf der Straße statt

Mülltrennung findet in der Türkei nicht in den Haushalten, sondern auf der Straße statt. Überall im Land suchen Sammler Plastik- oder Papiermüll. Serdar ist täglich etwa 12 Stunden auf den Beinen und verdient im Monat bis zu 300 Euro. "Wir sammeln für die Wiederverwertung PET-Flaschen, Blech, Karton, Nylon. Alles, was die Menschen im Alltag benutzen." Würden die Türken wie in Deutschland bereits im Haushalt den Müll trennen und weniger Plastikprodukte kaufen, wäre Serdar arbeitslos. Er profitiert von dem wenig ausgeprägten Umweltbewusstsein in der Türkei. Geschätzte 250.000 Türken arbeiten in der Müllindustrie und dennoch werden lediglich 40 bis 50% des türkischen Mülls getrennt, sagen Insider.

Gestapelte Müllsäcke auf kleinem Transporter
Serdar sammelt täglich etwa 12 Stunden lang Plastikabfälle

Der Rest landet auf Deponien wie dieser bei Istanbul. Auf dem Gelände sind Fernsehaufnahmen nicht erlaubt. Es heißt, der Restmüll wird hier unsortiert vergraben. Der Müllsammler Serdar bringt das Plastik in eine Recycling-Fabrik. Auch hier wird alles zu Granulat verarbeitet, aus dem wiederum Plastikprodukte für den türkischen Markt entstehen. "Aus dem Granulat werden Plastiktüten, Kisten, Rohre, Tüten für medizinische Abfälle und so weiter produziert", erklärt Mucip Akbas von der Firma Akbaslar Recycling.

Immer mehr Plastikmüll wird importiert

Die Plastikmenge in der Türkei wird folglich nicht weniger. Die türkische Regierung versucht inzwischen den ständigen Zuwachs an Plastikabfällen zu reduzieren. So müssen beispielsweise seit dem 1. Januar 2019 türkische Supermärkte für Plastiktüten Geld verlangen. Danach sei der Verbrauch von Plastiktüten um 50% zurückgegangen, sagt der Umweltminister. Doch der zunehmende Import von Müll aus anderen europäischen Ländern lässt die Gesamtmenge an Plastikmüll weiter steigen.

Arbeiter sortieren Plastikmüll auf Fließband
Der Recyclinganlage geht die Arbeit nicht aus | Bild: SWR

Die Belastung für das Mittelmeer nehme also kontinuierlich zu, so Deniz Bayram. "Wenn man das Mittelmeer schützen will, muss man den Import stoppen oder begrenzen. Es geht nicht nur darum Plastik zu recyceln, sondern es geht darum die Produktion von Plastikprodukten einzuschränken." Die Plastikproduktion einschränken. Darüber sprechen Politiker weltweit seit Jahren. Die Anlage in der türkischen Provinz Afyon läuft unterdessen auf Hochtouren. 7 Tage die Woche, 24 Stunden am Tag.

Stand: 20.05.2019 11:42 Uhr

7 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.