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USA: Impfgegner gefährden Herdenimmunität

PlayImpfgegner protestiert mit Plakat in Los Angeles
USA: Impfgegner gefährden Herdenimmunität | Bild: Imago / ZUMA Wire

Überall können sich die Menschen in den USA impfen lassen, in Arztpraxen genauso wie in Apotheken, sogar in Supermärkten. Die USA haben beeindruckend schnell große Teile der Bevölkerung geimpft. Doch jetzt gerät das Impfen ins Stocken, denn viele verweigern sich der Covid-Impfung. Und gefährden die angestrebte Herdenimmunität. 40 Prozent der US-Bürger gelten als impfunschlüssig oder sind klare Impfgegner, deutlich mehr als in Deutschland z. B. Eine Reportage aus dem Bundesstaat West Virginia.

Inzwischen verfällt der Impfstoff

"Einen Biden-Shot?" – "Nein, ich möchte keinen Biden-Shot." Mit Joe Biden können sie hier in "Bobby G’s Bar" nichts anfangen. Manche hier wollen sich auch deshalb nicht gegen Covid impfen lassen. "Ich vertraue der Regierung einfach nicht genug" sagt Mary Fels. "Wieso sollte ich etwas nehmen, das sie so stark pushen? Mehr noch als beim Grippe-Impfstoff." Seit acht Jahren betreiben Jenni und Bob die Bar in Huntington, West Virginia. Und obwohl einige ihrer Gäste und Freunde bereits geimpft sind – bleiben auch sie entschiedene Impfgegner. "Ich möchte kein Versuchskaninchen sein", meint Bob Glendenning. "Es ist toll wie schnell die Impfstoffe entwickelt wurden, aber sie hatten keine Zeit, ausreichend zu testen, ob sie auch sicher sind und überhaupt funktionieren." Und Barbesitzerin Jenni Sapyta sagt: "Als ich an Covid erkrankt war, hatte ich kein Atem-Problem, aber ich war sehr müde. Ich habe Angst, dass mich der Impfstoff ernsthaft krank machen könnte. Ich kenne viele Leute, bei denen das so war. Ich lass es lieber darauf ankommen."

Frau hält Packung mit Impfdosen in der Hand
Apothekerin Heidi hat mehr Impfstoff als sie verbrauchen kann | Bild: SWR

Wie Jenni denken viele in den USA – weit mehr als in Deutschland. Vor allem in ländlichen, weißen, konservativen Regionen – in Trump-Counties. Das Impfen: ins Stocken geraten. Dabei war West Virginia einst unter den Vorreitern, auch weil man hier den Impfstoff lokal über kleine Apotheken verteilte. Jetzt stapeln sich bei Apothekerin Heidi die Impfstoffe. Gerade heute früh hat sie 84 neue Dosen Biontech-Pfizer erhalten. Und mittlerweile verfällt hier auch Impfstoff! "Hier habe ich drei Dosen Johnson & Johnson, die abgelaufen sind", sagt Heidi Griffith Romero. "Diese hier sind noch 45 Tage brauchbar. Und dann habe ich hier auch noch Pfizer, das ich vom Gefrierschrank in den Kühlschrank räumen musste – das hält sich jetzt nur noch sieben Tage. Die versuche ich jetzt, zuerst zu verbrauchen." Wer auch immer jetzt in die Apotheke kommt, um sich impfen zu lassen, bekommt sofort seinen Schuss – Terminvereinbarung wie früher? – nicht mehr! "Es ist verdammt schwer, nichts zu verschwenden. Ich bin im Ort herumgefahren, um Leute zu finden, habe örtliche Betriebe angerufen, wann ich immer ich etwas übrig hatte. Es wird immer schwerer."

Impfen Nein Danke

Zur Apotheke gehört auch dieses Diner – wer Medikamente möchte, muss an Burgern vorbei. Kurz hatten Heidi und ihr Team überlegt, Freigetränke zu spendieren – allen Menschen, die sich impfen lassen. Andere Geschäfte machen so etwas. Sie hier haben sich dagegen entschieden. Sie wollen mit Argumenten überzeugen, niemanden bestechen. Doch auch manche Bundesstaaten locken mittlerweile mit Geschenken. Hier in West Virginia erhalten junge Impflinge 100-Dollar als Sparbrief. Auf der anderen Flussseite, in Ohio, können fünf Geimpfte in einer Art Lotterie gar je eine Million Dollar gewinnen.

Zwei Frauen
Viele US-Amerikaner haben Angst vor einer Impfpflicht | Bild: SWR

Zurück bei Bob und Jenni. Sie machen solche Offerten nur noch skeptischer. Die Freunde, die sie heute nach Hause eingeladen haben: etliche geimpft. Doch auch sie überzeugen die beiden nicht. Und viele, wie Jennis Freundin Paula, wollen das auch gar nicht. "Sie wollte es ja selbst nicht nehmen" sagt Jenni Sapyta, "aber sie hat, weil ihre Mutter krank ist, und: weil sie Krankenschwester ist. Sie musste." Krankenschwester Paula Adkins meint: "Nein, ich hatte die Wahl. Aber hoffentlich machen sie das Impfen jetzt nicht doch verpflichtend. Man sollte wählen dürfen." Das ist auch Bobs große Sorge: eine Impfpflicht. Oder: dass Geimpfte bald mehr Freiheiten bekommen könnten als Ungeimpfte. Für ihn wäre das ein No-Go – und er auf den Barrikaden. "Jeder sollte die Wahl haben", sagt Bob Glendenning. "Wenn du die Impfung willst: nimm´ sie. Aber sag´ mir nicht, ich kann nicht reisen, nur weil ich sie nicht will! Ich bin ein freier Mensch. Ich liebe meine Freiheit. Also versucht nicht, mir die zu nehmen!" Je länger man mit Bob und Jenni redet, desto klarer wird: Es gibt Menschen, die wollen einfach nicht. Und je mehr Menschen man hier in Huntington spricht, desto mehr erkennt man: Die beiden sind damit bei weitem nicht alleine.

Autorin: Kerstin Klein, ARD-Studio Washington

Stand: 16.05.2021 22:31 Uhr

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