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Frankreich - Gewalt von rechts

Rechter Nihilismus

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Frankreich - Gewalt von rechts | Bild: WDR

In der Schwulenhochburg, im Pariser Viertel Marais, sieht man heute glückliche Gesichter. Gerade wird die erste Schwulenhochzeit live im Fernsehen übertragen. Cedric und seine Freunde verfolgen die Zeremonie auf dem Handy.

Nur wenige Minuten dauert der Akt – der Frankreich spaltet.

»Wir müssen uns noch immer rechtfertigen. In den letzten Monaten wurden wir oft angegriffen. Das Klima ist aggressiv. Auch wenn wir jetzt gewonnen haben. Ich bin sehr gerührt und hoffe, dass es auch für mich bald soweit sein wird. Aber man darf auch nicht vergessen, dass Frankreich mit seiner Schwulenfeindlichkeit auf das Niveau von vor 20 Jahren zurückgefallen ist.«

Proteste gegen Homo-Ehe
Proteste gegen Homo-Ehe | Bild: WDR / WDR

Deshalb kämpfen Cédric und seine Freunde gegen schwulenfeindliche Parolen die jetzt überall auftauchen.

»Aber ich bin sehr stolz darauf Franzose zu sein, stolz darauf, an diesem Kampf für die Homoehe teilgenommen zu haben. Das ist unglaublich. mir fehlen die Worte.«

Deutlicher hat sich die Teilung Frankreichs wohl noch nie gezeigt.

Im Glamour der Filmfestspiele von Cannes wird ein französischer Film geehrt, der die Liebe zweier junger Frauen zeigt.

Die realistisch abgefilmten Erotikszenen sind so intensiv, dass selbst die Filmbranche darüber spricht. Frankreich zeigt sich von seiner liberalsten Seite.

gewalttätige Ausschreitungen am Abend
gewalttätige Ausschreitungen am Abend | Bild: WDR / WDR

Zur selben Stunde in Paris. Aus ganz Frankreich sind sie angereist, um erneut gegen die Homo-Ehe zu demonstrieren. Familien kommen in Bussen und Sonderzügen, Katholiken verzichten auf den Sonntagsgottesdienst, konservative Politiker marschieren mit dem rechtsextremen Front National und anderen militanten Gruppen. Am Abend dann: gewalttätige Ausschreitungen.

Tränengas und Schlagstöcke bestimmen die Straßen von Paris.

Ihr Gesicht wurde zum Sinnbild des konservativen Widerstands. Frigide Barjot, 51, von Beruf Kabarettistin. Sie machte sich zur Sprecherin der Bewegung. Ihr Symbol: - die bunten Zeichnungen von Papa, Mama, Kinder. Und damit ist auch schon alles gesagt: Allein die traditionelle Familie will sie schützen – und ist sich darin einig mit allen konservativen Franzosen.

»Wenn man die Ehe öffnet, die ja der Rahmen für die Fortpflanzung ist, der Rahmen für unsere Herkunft, dann öffnet man für zwei gleichgeschlechtliche Personen die Möglichkeit Kinder miteinander zu machen. Das ist doch auf natürliche Art gar nicht möglich! Wir wollen die menschliche Herkunft nicht ändern. Denn dann verändert man sie in ihrer Würde.«

Wer vom Bild der bürgerlichen Familie abweicht, den verdammen sie. Mit allen Mitteln, wollen sie das verhindern.

Demonstrationen gegen die Homo-Ehe
Demonstrationen gegen die Homo-Ehe | Bild: WDR / WDR

Die Kinder wollen sie schützen, brandmarken aber alle Kinder, die in anderen Familienverhältnissen geboren oder aufgezogen werden.

»Es gibt das Phänomen der moralischen Panik. Das bedeutet, daß die Gesellschaft aufgrund der Globalisierung sehr heftig auf symbolische Änderungen der Gesellschaftsordnung reagiert. Und die Symbolische Ordnung ist durch die Homo-Ehe durcheinandergebracht worden. Frankreich erlebt ein Paradox- es wird immer konservativer, aber gleichzeitig sind die Sozialisten an der Macht.«

Und die Bewegung radikalisiert sich. Fundmentalistische Christen, Rechtsextreme und gewaltbereite Demonstranten – die reaktionären Kräfte formieren sich. Immer öfter geht es auch um eine Abrechnung mit der Politik von Francois Hollande.

Francois Hollande
Francois Hollande | Bild: WDR / WDR

Von den demokratisch gewählten Parteien, fühlen sie nicht mehr repräsentiert. Die Massenbewegung spaltet sich, radikale Untergruppen entstehen., wie zum Beispiel der printemps francais - der französische Frühling. Die Anführerin: Beatrice Bourges, eine Unternehmerin. Eine Radikale, die den Widerstand fortsetzen will- mit allen Mitteln.

»Ich denke, die politische Landschaft zeichnet sich gerade neu, über die existierenden Parteien hinaus. …Das Homoehegesetz war das Gesetz, das zuviel war. Es hat aufgezeigt, daß die Gesellschaft krank ist. dieses Frankreich, das ein wenig verschlafen war, hat sich gesagt, was machen die mit meinem Land, was machen die mit mir? Wir sind nicht einverstanden mit diesem Zivilisationswechsel, den man uns aufzwingt. (Bourges)«

Gesetzesübergreifend, will sie kämpfen und überholt mit ihren Ideen den rechtsextremen Front National. Mit welchem Erfolg, bleibt ungewiß.

Die französische Revolution hat vor 200 Jahren die Gleichheit für alle gefordert. Und immerhin: Auch heute steht eine deutliche Mehrheit der Franzosen für dieses Ideal und für die Homoehe.

Autorin: Ellis Fröder, ARD Studio Paris

Stand: 15.04.2014 11:16 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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