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Tunesien - Dschihadisten-Export nach Syrien

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Tunesien - Dschihadisten-Export nach Syrien | Bild: WDR

In Tunesien steht die Apfelernte kurz bevor. Adelhafidh Ghozlani und seine Familie fahren hinaus aufs Land, zu ihrer Obstplantage. Früher hat ihnen ihr ältester Sohn Malik geholfen, doch der ist seit fünf Monaten verschwunden – er kämpft nun in Syrien auf der Seite der Rebellen gegen das Regime von Präsident Assad.

»Ich habe an nichts mehr Spaß«

sagt der Vater

»für mich macht das Leben keinen Sinn mehr.«

Im kleinen Ort Sbiba lebt die Familie – sie hat lange gezögert, uns zuhause zu empfangen. Die Geschehnisse der letzten Monate waren für die Eltern ein fürchterlicher Schock. Große Pläne hatte ihr ältester Sohn gehabt. Der ausgebildete Ingenieur wollte nach Kanada auswandern. Seine Mutter war sehr stolz auf ihn. Doch dann begann sich sein Verhalten zu ändern. Der 26-jährige Malik traf sich mit fremden Männern in einer Moschee im Nachbarort, im Februar reiste er nach Tunis – und seitdem ist er verschwunden.

»In nur zwei Monaten wurde aus Malik ein ganz anderer Mensch. Früher hat ihm die Religion nicht viel bedeutet, doch nun ging er ständig in diese Moschee. Dort ist er wohl indoktriniert worden.«

Was haben Sie empfunden, frage ich den Vater, als ihr Sohn dann endgültig verschwand?

»Es war schrecklich. Er hat uns angerufen und gesagt: ich mache jetzt beim heiligen Krieg, beim Dschihad gegen Assad mit, ich möchte als Märtyrer sterben.«

»Von der türkisch-syrischen Grenze hat er mit mir telefoniert und gesagt, ich solle für ihn beten. Das war ein Schock für mich, ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen.«

Als die Eltern nachfragen wollten, brach die Leitung ab. Von ihrem Sohn haben sie vor einem Monat zum letzten Mal gehört.

Die Familie hofft auf Rückkehr von Malik
Die Familie hofft auf Rückkehr von Malik

In der Hauptstadt Tunis gibt es viele solcher Geschichten – mehrere tausend tunesische Männer sollen in Syrien für die Rebellen kämpfen. Vor dem Außenministerium demonstriert regelmäßig eine Gruppe von verzweifelten Eltern.

Tunesiens islamistische Regierungspartei würde nichts gegen ausländische Agenten unternehmen, die junge Männer für den heiligen Krieg in Syrien anwerben.

»Warum spielen die Politiker mit unseren Kindern und schicken sie in den Tod? Ich habe nur einen einzigen Sohn, er bedeutet mir alles.«

Pressekonferenz im Ministerium. Es geht um vierzig junge Tunesier, die in Syrien von Regierungstruppen verhaftet wurden. Nun sitzen sie in Damaskus im Gefängnis. Ihre Eltern wollen sie zurückholen, doch Tunesiens Regierung verhandelt nicht mit Assads Regime. Der Religionsminister beschwichtigt.

»Wir werden alles unternehmen, damit sich Tunesiens Kinder nicht in Gefahr begeben«

sagt er uns.

Doch genau derselbe Minister hat vor kurzem in einer Moschee erklärt, für gläubige Moslems sei es eine Pflicht, die Rebellen in Syrien zu unterstützen.

Tunesiens Regierungspartei Ennahda unternehme kaum etwas gegen diesen Handel mit jungen Männern, sagt der Journalist Ben Farhat. Agenten aus dem Ausland könnten ungehindert in Tunesien agieren.

Pressefotos zeigen einen Syrer in Tunis – er soll pro angeworbenem Kämpfer 3000 Dollar kassiert haben.

»Finanziert wird das mit Petro-Dollars aus den Golfstaaten wie Katar, aber es gibt auch Mittel von Al Qaida. Das ist sehr undurchsichtig, kaum beweisbar. Viel Geld in schwarzen Koffern.«

Alltag in Syrien –Assads brutales Regime und die aufständischen Rebellen liefern sich einen mörderischen Krieg.

Eltern von Malik
Eltern von Malik

Einige der tunesischen Eltern haben unlängst in Syriens Hauptstadt Damaskus für die Freilassung ihrer inhaftierten Söhne demonstriert – der Journalist Ben Farhat hat sie ihre Reise gefilmt. Er glaubt, dass Tunesiens junge Männer in diesem Konflikt als Kanonenfutter verheizt werden.

»Einige von ihnen werden angeworben, ohne zu wissen, dass sie in den Krieg gehen. Manche glauben, es ginge um ein Koran-Studium, und dann finden sie sich plötzlich in der Hölle wieder. Direkt an der Front.«

Tunesien ist zum Tummelplatz für radikale Islamisten geworden – auch sie erhalten Unterstützung von den Golfstaaten. Im Schatten solcher Moscheen werden die Kämpfer für Syrien angeworben.

Vater Adelhafidh Ghozlani verspürt ohnmächtige Wut – Wut auf so viele Länder, die in Syrien ihre Interessen verfolgen. Seinen Sohn Malik sieht er als Opfer.

»Saudi Arabien und Katar finanzieren den Dschihad, die Türkei öffnet ihre Grenzen, Tunesiens Regierung unternimmt nichts – sie alle schicken unsere Kinder in den Tod.«

Dann nimmt die Unterhaltung eine überraschende Wendung.

Der Vater wiederholt: sein Sohn sei manipuliert worden -

der 21jährige Bilal widerspricht.

Nein, das glaube er nicht. Sein Bruder wisse genau, was er tue.

Tunesiens Sunniten müssten gegen den Einfluss der Schiiten in Syrien kämpfen.

Dann gehst Du wohl auch, fragt der Vater.

Ja, warum eigentlich nicht, antwortet der Sohn.

»Ich glaube, der heilige Krieg ist für alle Moslems eine Pflicht, wiederholt Bilal. Wir müssen unseren Glaubensbrüdern in Syrien helfen.«

Starke rebellische Worte – die Umwälzungen im Nahen Osten haben diese Familie völlig durcheinander gebracht.

Der Vater hofft inständig, dass sein Sohn Malik zurückkehrt, aber er ahnt, dass er einen veränderten Menschen antreffen wird.

»Ich wünsche mir nichts mehr, als dass ich mich wieder um ihn kümmern kann, aber manchmal macht mir der Gedanke an seine Rückkehr auch Angst.«

Bittere Sätze für einen Vater – Tunesien bangt um seine verlorenen Söhne.

Autor: Stefan Schaaf, ARD Studio Madrid

Stand: 15.04.2014 11:07 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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