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Algerien: Trauer und Terror

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Algerien: Trauer und Terror | Bild: WDR

Die Atlas-Berge im Osten Algeriens, sie sind berüchtigt als Rückzugsgebiet von fanatischen Islamisten. Wir haben uns dennoch auf den Weg gemacht. Denn von hier, aus dem kleinen Dorf Aiit Larba stammt der Algerier Mustapha Ourrad. In seinem Heimatdorf haben Freunde und Angehörige eine Totenwache für ihn organisiert, so wollen sie seiner gedenken. Im Hof bereiten die Frauen Couscous zu, dann stimmt der Iman den Klagegesang an.

Der ermordete Journalist Mustapha Ourrad stammte aus Algerien.
Der ermordete Journalist Mustapha Ourrad stammte aus Algerien. | Bild: WDR / WDR

Wehmütig erinnern sie sich an einen von ihnen, der nach Frankreich zog, weil er die Literatur von Charles Baudelaire so liebte. Ein Intellektueller sei er gewesen, fasziniert von der Welt der Bücher. Der Schlussredakteur Mustapha Ourrad wurde 60 Jahre alt, er war Algerier, Berber, Muslim – das sagen uns die Menschen hier mit Nachdruck.

Jamal Ourrad, Cousin:

»Das ist uns sehr wichtig, das Sie das verstehen: auch wir sind Opfer des Terrorismus, genauso wie die Christen, Katholiken oder Juden – alle Menschen sind Opfer dieser Barbarei.«

Und wo könnte man das nicht besser verstehen als in den fast menschenleeren Dörfern der Kabylie-Region. Die Cousins von Mustapha zeigen uns die trostlosen Gassen. Viele Menschen hätten ihre Heimat verlassen, als vor zwanzig Jahren in Algerien ein Bürgerkrieg zwischen Islamisten und der Staatsmacht tobte. Im Wohnzimmer des Familienhauses spüren wir die Trauer und auch die Verbitterung darüber, dass in den letzten Tagen viel über die westlichen Opfer gesprochen wurde. Die Muslime dagegen ständen wieder unter Generalverdacht.

Im Wohnzimmer des Familienhauses spüren wir die Trauer und auch die Verbitterung darüber, dass in den letzten Tagen viel über die westlichen Opfer gesprochen wurde. Die Muslime dagegen ständen wieder unter Generalverdacht.

Jamal Ourrad, Cousin:

»Die zwei Attentäter in Paris hätten algerische Wurzeln gehabt, das ist in den Medien stets betont worden, aber man muss doch auch sagen, dass Algerier wie Mustapha zu den Opfern zählen. Wir alle haben unter dem Terrorismus sehr gelitten. Hier in diesem Dorf gab es 1994 Attentate, wir versteckten uns in diesem Wohnzimmer und wussten nicht, was wir tun sollten.«

Algerien versank damals in einer Welle der Gewalt – freie Parlamentswahlen waren abgebrochen worden, als sich ein Sieg der Islamisten abzeichnete. Jahre des Terrors folgten. Die „schwarzen Jahre“ nennen die Algerier diese Epoche.

Jamal Ourrad, Cousin:

»Wir alle haben doch den gleichen Feind.«

Mustapha Ourrad war Algerier, Berber und Muslim.
Mustapha Ourrad war Algerier, Berber und Muslim. | Bild: WDR / WDR

Der ermordete Journalist Mustapha Ourrad hat dieses Gymnasium in den 70er Jahren besucht. Nun erzählt ein Lehrer den Schülern von Mustapha, den der Terror ausgerechnet in Paris einholte. Viele der jungen Leute hier wollen eigentlich nach Europa auswandern, doch die Ereignisse der letzten Wochen haben sie nachdenklich gemacht.

Lehrer:

»Wir werden dort drüben als anders angesehen, das macht es schwierig, sich zu integrieren.«

Die Heimat ist keine sichere Alternative – dort in den Bergen, erklärt uns der Bürgermeister des Ortes, hielten sich immer noch islamistische Terroristen verschanzt, es sei ein gefährliches Gebiet.

»Ismail Deghoul, Bürgermeister Ath Yenni:«

»Immer wieder werden hier Soldaten getötet, die Region der Kabylie ist für die Islamisten eine Zielscheibe, und die Situation nicht wirklich stabil.«

Am Tag, als wir mit dem Bürgermeister sprechen, wird ganz in der Nähe die Leiche des französischen Bergführers Hervè Gourdel gefunden. Er war im September letzten Jahres entführt und enthauptet worden, von einer Terroristen-Gruppe, die sich zum Islamischen Staat bekennt.

Ismail Deghoul, Bürgermeister Ath Yenni:

»Sehen Sie, man ist hier mit dem Tod und mit Attentaten groß geworden, so sah lange Zeit die Situation für die Jugend Algeriens aus.«

In der Hauptstadt Algier ist die Lage seit langem wieder stabil. Doch die Attentate von Paris haben auch hier heftige Emotionen aufgewühlt. Am Freitag protestierten tausende von Salafisten gegen die Mohamed-Karikaturen von „Charlie Hebdo“ – eine solche Demonstration hat die Hauptstadt schon lange nicht mehr gesehen.

Für einen kurzen Moment fühlten sich viele Algerier an den Hass der 90er Jahre erinnert.

O-Ton, Frau:

»Es ist verboten, solche Karikaturen zu machen, sagt sie, und er meint: Wenn es sein muss, opfern wir uns für den Propheten.«

Algerien bleibt gespalten und verunsichert, das spüren wir auch im Bergdorf. In der aufgewühlten Stimmung der letzten Tage, finden sie hier, werde im Westen nur zu schnell vergessen, dass die meisten Opfer des islamistischen Terrors doch Muslime seien. Mustapha Ourrad war einer von ihnen, sagt uns sein Cousin.

Jamal Ourrad, Cousin:

»Wir gedenken heute Abend aller Opfer, seien sie nun Christen, Atheisten oder Muslime. Am Ende waren es doch Menschen, die gestorben sind.«

Es ist ihnen wichtig, uns diese Worte mit auf den Weg zu geben – dann sei der Tod von Mustapha Ourrad vielleicht nicht ganz umsonst gewesen.

Autor: Stefan Schaaf/ARD Studio Madrid

Stand: 19.01.2015 08:56 Uhr

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