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USA: Sauberer Drohnenkrieg

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USA: Sauberer Drohnenkrieg | Bild: WDR
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Ein leises Surren, kaum lauter als eine Mücke – so beschreiben die Afghanen den Klang der meist unsichtbaren Himmelskrieger. Deren Piloten sitzen weit weg, sicher, mitten in der Wüste Nevadas. Viele dieser Soldaten sind den ganzen Tag Patrouille über dem Hindukusch geflogen, 12.000 Kilometer entfernt. Nach ihrer Schicht im Krieg wollen sie ihren Frieden haben –keine Zeit für Diskussionen mit den Drohnen-Kritikern, die hier regelmäßig protestieren.

Jim Haber, Friedensaktivist
„Es ist ein schwieriges Thema. Die Menschen in diesem Land sind froh um jeden unserer Soldaten, der im sicheren Amerika bleiben kann und nicht in den Krieg muss. Aber selbst die Konservativen machen sich Sorgen, wohin uns dieses Töten auf Knopfdruck bringt.“

Ferngesteuerte Krieger, bedingungslos gehorsam - und nicht wirklich unbemannt. Jede Schleife, jeder Angriff, von Menschenhand gesteuert.
In Montana treffen wir einen der wenigen Soldaten, der über seine Zeit im Drohnen-Cockpit reden will - und darf. Brandon Bryant will abschließen mit dem Kapitel. Weg mit den Uniformen. Weg mit den Erinnerungen an Missionen, bei denen er den roten Knopf gedrückt hat. Hilflos zugucken musste, wie auch amerikanische Soldaten in die Luft gesprengt wurden.

Brandon Bryant, ehemaliger Drohnen-Copilot
„Gleich bei meiner ersten Mission sind meine eigenen Kameraden ums Leben gekommen. Das hat mich völlig verändert. Ich war erst 19 damals, jung und naiv, wollte die Welt retten, und dann dieser Einsatz, bei dem ich niemanden retten konnte.“

Die Air-Force schmückt ihn trotzdem mit 23 Medaillen. Nutzloses Papier, sagt er, dass die Wunden von damals nicht heilen kann.

„Ich fühlte mich schuldig, dachte, ich müsste herausfinden, wer diese Menschen waren, ihren Eltern erklären, dass ich ein Totalversager bin, nichts tun konnte für ihre Söhne.“

Wirklich entspannen kann Brandon nur noch beim Sport. Je extremer, umso besser. Daheim in Montana hat er eine Gruppe von Veteranen gefunden, die auf seiner Wellenlänge sind. Heute gleiten sie auf Plastikboards durch die reißenden Fluten. Adrenalin pur für die starken Jungs mit den verletzten Seelen. Erst der Kick lässt sie das Kriegstrauma vergessen – Steve Hale glaubt an die heilende Kraft des Wassers.

Steve Hale, Organisator der Extremsporttouren für Veteranen
„Es ist typisch für traumatisierte Menschen, dass sie den Zugang zu ihren Gefühlen verloren haben. Aber hier draußen erleben sie das wieder, zumindest für eine kurze Zeit.“

Die Erinnerungen wegstrampeln – wirksamer als jedes Antidepressiva, sagen Hirnforscher. Und oft besser, als die starken Jungs auf dem Sofa zu therapieren.

Brandon Bryant
„Hass und Wut, all diese negativen Gefühle – diese Dämonen verfolgen jeden von uns Veteranen, egal, wo wir gedient haben. Bei dem einen vielleicht schlimmer als bei dem anderen. Aber wir alle haben unsere Dämonen.“

Was heißt das für Obamas Drohnen-Krieg? Wenn Soldaten, die über Leben und Tod entscheiden, psychisch krank sind. Jeder dritte Pilot unter Burnout leidet? Holloman in Neu Mexiko, die größte Ausbildungseinheit für Drohnen-Piloten hat die Presse eingeladen. Stolz präsentieren sie ihre technischen Wunderwerke. Präzise, kostengünstig und effizient, erklären sie uns hier.

Dave Cunningham, Major, US-Luftwaffe
“Es geht gar nicht darum, unsere Piloten von der Front fern zu halten. Wenn Sie einen Sohn auf dem Schlachtfeld hätten, was wäre ihnen dann lieber, ein Jet, der maximal eine Stunde in der Luft bleiben kann – oder ein Maschine, die 20 Stunden am Stück Schutz bietet und nicht landen muss, weil die Piloten zur Toilette müssen oder etwas essen wollen.“

Amerika ist längst durchgestartet, setzt auf den ferngesteuerten Krieg, der die eigenen Kräfte schonen soll. In diesem Jahr werden zum ersten Mal mehr Drohnen- als Jetpiloten ausgebildet.

Jay, Technischer Seargant
„Wer im Drohnen-Schwadron arbeitet, wird immer wieder Tage erleben, an denen er morgens eine Rakete abfeuert und abends nach Hause fährt zur Familie. Ein bisschen Stress wird sich da nicht vermeiden lassen – aber damit müssen sie zurechtkommen.“

Zurück in Montana. Brandon will uns ein Video vorführen, eine seiner Missionen. Zeigen, wie schwer das bisschen Stress wiegen kann, wenn man Raketen abfeuert und live miterlebt, was am Boden passiert. Zufällig hatten er und seine Kollegen diese Iraker entdeckt, wie sie gerade eine Mörserrakete auf den US-Militärstützpunkt abfeuern.

Brandon Bryant
„Wir richten unseren Ziel-Laser auf das Autodach und warten, bis die Rakete einschlägt. Man kann sogar sehen, wie der Fahrer rausgeschleudert wird.

Wenn du den Auslöser drückst, dann spürst du das im Magen. Ich habe jedes Mal gezittert, beim ersten Mal so stark, dass die Kamera gewackelt hat und ich kaum noch zielen konnte.“

Sich treiben lassen, das Leben genießen – seitdem unmöglich. Brandon wird die Bilder der Toten nicht los, Menschen, die er vorher oft monatelang beobachtet hat, zusah, wie sie etwa mit ihren Kindern spielten.

Brandon Bryant
„Wenn ich könnte, würde ich jeden Menschen davor bewahren wollen, das zu sehen, was ich gesehen habe – oder was meine Kollegen an der Front erleben mussten.“

Für jeden Taliban, den eine Drohne tötet, sterben 10 Zivilisten, schätzen Militärexperten. Das schürt Wut in Afghanistan und Angst bei den Piloten. Brandon will jetzt Überlebenstrainer werden, endlich raus aus der schaurigen Welt des Drohnen-Kriegs.
Autorin: Marion Schmickler

Stand: 22.04.2014 14:53 Uhr

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