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Indien: Die Boxgirls von Kalkutta

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Indien: Boxgirls | Bild: WDR

Feuer im Herzen und zwei knallharte Fäuste. Die achtzehnjährige Ajmira gibt auch beim Training alles. Und sie teilt heftiger aus als die meisten der Boxschule, die Jungs eingerechnet. Früher war sie oft das Opfer sexistischer Anmachen. Das ist vorbei. "Wenn mir ein Kerl dumm kommt, dann kenne ich nichts, dann kriegt er was aufs Maul", sagt Ajmira Khatun. "Wenn er mich einmal schlägt, schlage ich dreimal zurück." Ajmira und die anderen Mädchen haben sich vorgenommen, nicht zu Opfern zu werden. Die Jüngsten sind gerade mal eingeschult.

Sie bereiten sich vor auf ein Leben in einem von hoher Kriminalität geplagten Stadtteil von Kalkutta. Immer wieder kommt es dort zu Vergewaltigungen. "Bestimmt hätten sich einige Frauen retten können, wenn sie Kampfsport gelernt hätten", sagt Dipti Singh. Und Ajmira Khatun meint: "Wenn ich von Vergewaltigungen höre, werde ich so wütend. Frauen, egal ob Hindu oder Muslima, sollten sich verteidigen können. Für jeden dummen Spruch eines Mannes sollte er zehn Sprüche zurückkriegen. Wir sollten aufhören, uns wie Opfer zu verhalten."

Ablehnung in der Familie

Im Boxclub von Kalkutta trainieren Mädchen und Jungen zusammen, nicht getrennt nach Geschlecht und Religion.
Im Boxclub von Kalkutta trainieren Mädchen und Jungen zusammen, nicht getrennt nach Geschlecht und Religion. | Bild: WDR

Zuhause – das ist dieses Viertel. Hier bewegt sich Ajmira zwischen Schule, Boxring und der kleinen Wohnung. Begleitet wird sie oft von ihrer Schwester, die neuerdings auch boxt. Beim Mittagessen mit dabei ist auch die Mutter. Mit dem Hobby ihrer Töchter hat sie sich mittlerweile abgefunden. Ihr Vater hat sie oft geschlagen, auch ihr Bruder hat versucht, sie vom Boxen abzubringen. Aber sie sind stur geblieben. "Einige unserer Verwandten reden jetzt nicht mehr mit uns", sagt Iyasha Bibi. Immerhin redet der Vater wieder mit ihnen, auch wenn er ihnen immer noch grollt. Er verkauft Fische, das reicht gerade mal, um seine Töchter zu ernähren. Er hat Angst, dass sie keine Ehemänner finden. Welcher Mann will schon eine Frau, die ihn womöglich ausknocken könnte?

"Ich bin nach wie vor dagegen, dass sie boxen. Und unterstützen werde ich sie auf keinen Fall. Wovon auch, mein Geschäft geht sehr schlecht", sagt der Vater Akbar Ali. Gegen alle konservativen Traditionen Frauen stark machen – für den Wettkampf und das Leben – das ist das Ziel dieser Boxschule, die von Spendern und Ehrenamtlichen getragen wird. Der Leiter arbeitet als Schaffner. Es gibt täglich zwei Trainingseinheiten, vor und nach der Schule, dann kommen über hundert Jugendliche her. Die Umgebung ist muslimisch geprägt und die meisten der Schüler sind dann doch Männer. Doch der Stolz der Schule sind die Frauen. "Es ist nicht einfach für sie. Einige kommen in einer Burka her, ziehen sich um, trainieren, und gehen dann in der Burka wieder nach Hause", sagt Coach Mehrajuddin Cheena.

Boxgirl
Boxgirl | Bild: WDR

Kalkutta, die Fünfzehn-Millionen-Menschen Metropole, gilt als besonders hartes Pflaster für Frauen, egal welcher Religionszugehörigkeit. Auch im Rest des Landes ist deren Lage schwierig. Alles zwanzig Minuten wird eine Frau vergewaltigt – nach offiziellen Angaben. Dazu kommt millionenfacher Missbrauch in Familien, der meist unentdeckt bleibt. Einfachste Gymnastikübungen, nicht Kampfsport, lernen Frauen hier.

Ein Heim für psychisch kranke Frauen, betrieben von dem Nachfolgerinnen von Mutter Teresa. Hier geht es nicht um Prävention von Gewalt, sondern um Betreuung der Opfer."Der Hauptgrund, warum die meisten hier sind, ist Missbrauch, sexueller Missbrauch, Gewalt zu Hause oder auf der Straße", sagt Schwester Benedikta von den Missionarinnen der Nächstenliebe. Wäre das Leben dieser schwersttraumatisierten Frauen anders verlaufen, wenn sie gelernt hätten, sich zu wehren? Viele hier wurden gleich doppelt Opfer: erst sexuell missbraucht, dann von ihren Familien im Stich gelassen.

Wovon Ajimra träumt

Einige haben Selbstmordversuche hinter sich, finden nur ganz langsam zurück in ein erträgliches Leben. "Hier lernen sie, dass das Leben schön ist und auch sie selbst schön sein können. Und dass sie eine Würde haben und sich und andere respektieren können. Das ist im Wesentlichen das, was wir ihnen beizubringen versuchen", sagt Schwester Benedikta.

Junge Frauen boxen in Indien – zum Selbstschutz.
Junge Frauen boxen in Indien – zum Selbstschutz. | Bild: WDR

Statt zu Mutter Theresa wird in der Boxschule zu Muhammed Ali aufgeschaut. Wie er will Ajimra ein Champion werden, in Kalkutta und am liebsten weltweit. Und ein Vorbild für andere Teenager. "Ich will einfach zeigen, dass es möglich ist. Das eine muslimische Frau sich auf ein solches Abenteuer einlassen kann. Wenn ich Erfolg habe, dann wird das Eltern ermutigen, ihre Töchter zum Boxen oder zu anderen Sportarten zu schicken", sagt Ajmira.

Wenn der Trainer um halb sieben zum Training ruft, ist Ajmira pünktlich dabei. Und mit ihr die anderen Mädchen und Jungen, nicht getrennt nach Geschlecht und Religion, vereint in dem einen Ziel: sich durchzuboxen. Auch wenn das einen langen Atem erfordert.

ARD Studio Neu Delhi/Autor: Markus Spieker

Stand: 05.12.2016 15:16 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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