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Rettung oder Grexit? Die Entscheidung in Brüssel

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Rettung oder Grexit? Die Entscheidung in Brüssel | Bild: WDR

Wir sind unterwegs mit Háris Antoniou. Unterwegs in seine Weinberge in der Nähe von Megara östlich von Korinth.

Haris Antoniou, Winzer:

»Der Weinberg gehört mir, der da drüben auch. Das alles gehört mir und meiner Frau, erzählt er uns stolz.«

Das Weingut ist seine Lebensgrundlage. Wenn Europa Griechenland pleite gehen lässt, dann spricht er von einer Katastrophe. Deshalb hat er beim Referendum mit "Ja" gestimmt. "Ja" – trotz weiteren Sparauflagen. Ihm geht es ums Prinzip: um Griechenland als ein Teil von Europa.

»Ohne Europa können wir nicht leben. Griechenland kann das nicht!«

Seit den Kapitalverkehrskontrollen spürt Haris am eigenen Leib, was es heißt, wenn ein Land so gut wie pleite ist. Seine Mitarbeiter bezahlt er von der Rente und dem restlichen Bargeld, dass er noch hat. Deshalb hat er die Arbeitsstunden deutlich reduziert.

Haris Betrieb steht so gut wie still. Ohne Bargeld kommt er an Ware aus dem Ausland derzeit nicht ran. Der Vorrat an Flaschen ist so gut wie aufgebraucht, ohne Flaschen kann er keinen Wein abfüllen. Ohne Korken keine schließen.

Was Haris besonders zusetzt ist, dass die Bestellungen eingebrochen sind. Die Verkäufe im Inland liegen fast bei null. Probleme gibt es auch im Ausland. Diese Lieferung hat ein deutscher Weinhändler gerade erst abgesagt.

Haris Antoniou, Winzer

»Wenn die Banken weiter geschlossen bleiben, können wir ein bis zwei Monate noch durchhalten. Wenn es länger dauert, dann muss ich nach Deutschland fliegen und das Geld, dass uns unsere Kunden noch schulden, einziehen.«

Wir treffen Maria und Panagiotis. Anders als Hàris haben sie schon eine Lebensgrundlage aufgeben müssen. Vor ein paar Jahren ist Panagiotis in Frührente gegangen. Die Umsätze seines kleinen Unternehmens brachen ein. Marias Zahnarztpraxis läuft nur schleppend. Die mangelnde Unterstützung vom Staat für ihren behinderten Sohn Jonny setzt ihnen besonders zu. Genug ist genug: Beim Referendum haben sie mit "Nein" gestimmt, trotz des Risikos Grexit:

Panagiotis Tsibiktsioglou, Frührentner:

»Für uns stellt sich die Frage ob "Euro oder Drachme" nicht. Wer keinen Euro mehr in der Tasche hat, hat auch keine Drachme mehr in der Tasche. Für uns bleibt es gleich.«

Dass ihr "Nein" nichts gebracht hat, darüber sind sie enttäuscht. Sie haben der Regierung vertraut, sagen sie, weil sie genau das Gegenteil von ihr erwartet haben. Besonders jetzt – nach dem mehrheitlichen "Nein" der Griechen beim Referendum.

Maria Nouchaki, Zahnärztin:

»Ich bin auf alle wütend. Ich bin wütend auf unsere Politiker, auch auf unsere Regierung. Ich bin aber auch auf die Europäer wütend, die bestimmte Dinge nicht begreifen wollen.«

In seinem Weinladen in Megara ist Haris heute alleine. Kein Kunde weit und breit. Zehn Euro hat er am Freitag verdient. Die Meldungen aus Brüssel, die Hängepartie beunruhigen ihn.

Haris Antoniou, Winzer:

»Klar sind wir nervös. Aber Kopf hoch, wir dürfen nicht aufgeben. Auch wenn es Schwierigkeiten geben wird. Ohne Zweifel. Aber bloß nicht aufgeben.«

Die Ruhe im Garten von Maria und Panagiotis täuscht über den Ärger hinweg, den sie in sich tragen. Sie haben mehr und mehr das Gefühl Brüssel will gar nicht helfen.

Maria Nouchaki, Zahnärztin:

»An diesem entscheidenden Tag stoßen wir an unsere Grenzen. Europa erpresst uns. Immer wieder. Und ich glaube wir können das nicht mehr hinnehmen.«

Ihre Hoffnung schwindet, ihre Geduld ist am Ende. Ob im oder außerhalb des Euro. Panagiotis und Maria wollen nur eins: endlich Klarheit.

Autorin: Stephanie Stauss

Stand: 08.07.2019 21:20 Uhr

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