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Russland: Gegensanktionen – Chance oder Fluch?

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Russland: Gegensanktionen - Chance oder Fluch? | Bild: Das Erste
Präsident Putin
Präsident Putin

Als Praktikant kam Stefan Dürr nach Russland, das war vor 25 Jahren. Jetzt umfasst sein Imperium 200.000 ha. Fast so groß wie Luxemburg. Soweit sein Auge reicht. Das alles gehört ihm und noch viel mehr.

Er kommt gerade aus Verhandlungen um die Milchpreise. In den nächsten Tagen werden sie für das kommende Jahr festgelegt. In den Vorjahren hatten russische Bauern einen schweren Stand. Zu groß die Konkurrenz. Jetzt – aufgrund des Importverbots westlicher Milch - können sie sogar höhere Preise verlangen. Dürr hat Präsident Putin zu den Gegensanktion geraten. Details über das Treffen will er nicht verraten.

„Das war ja auch gewollt, dass man der einheimischen Landwirtschaft eine Chance gibt. Wenn das jetzt nicht gekommen wäre, und wir wären wieder unter Druck gekommen, das wäre schon schwierig geworden für viele Landwirte. Wir hätten sicherlich überlebt, weil wir recht stark dastehen. Aber viele andere hätten das nicht überlebt.“

Sein Betrieb ist einer der größten in Russland und einer der modernsten. Dürr hat es verstanden die staatliche Förderung zu nutzen. Anders als in Deutschland, wo vor allem umweltfreundliche Maßnahmen vom Staat unterstützt werden, wurden in Russland seit 2005 vor allem Betriebe gefördert, die expandieren und modernisieren. Das Milchkaroussel ist das Herzstück seines Unternehmens. Das Know-how hat er aus Deutschland mitgebracht. Jede Kuh hat ihre eigene Akte – im Computer. Wenn sie diese Software Programme aufgrund der europäischen Sanktionen nicht mehr bekämen, hätten sie ein Problem.

Stefan Dürr, Molkereibesitzer
Stefan Dürr, Molkereibesitzer

„Heute so eine Herde, so eine große, das können sie nur mit Computer managen. Wenn man zu Hause 100 Kühe hat kennt man deren Grossmütter und Mütter. Wenn sie 20.000 Kühe haben, dann können sie die nicht mehr persönlich kennen. Dann braucht man gute Leute, die die Kühe kenne und schaut sich auf dem Computer an, was die Kühe gerade bewegt."

Die Hoffnung von Dürr und anderen russischen Landwirten ist jetzt, dass die Sanktionsspirale durch die russischen Gegensanktionen gestoppt werden könnte. Doch danach sieht es im Augenblick nicht aus. „Wir mussten doch eine Antwort geben. Wir können uns in Russland doch durchaus selbst versorgen. Wenn ich sehe, wie das hier in diesem Betrieb läuft, bin ich sicher, dass wir aufstocken können und es keine Probleme mit der Versorgung geben wird. Das ist unsere Chance.“

Die Gegensanktionen – eine Chance für die russische Landwirtschaft? Ist das wirklich so? Wir fahren zu  örtlichen Molkerei. Bislang wurde in Russland 75% des Käses im Land produziert. Der Rest wurde importiert. Diese Molkerei war nur zur Hälfte ausgelastet, wie viele. Sie profitiert jetzt vom Embargo, erklärt der Molkereichef Oleg Woronin. „Wir produzieren schon seit längerer Zeit Cheddar. Für uns ergeben sich plötzlich neue Absatzmärkte. Wir erfüllen alle internationalen  Qualitätsstandards und können jetzt die Importprodukte ersetzten, die mit der Zeit aus unseren Regalen verschwinden werden.“

Mit Hilfe ihrer ausländischen Partner in Deutschland, Dänemark, England und Holland hat man hier die Käseherstellung in den letzten Jahren verfeinert. Der Direktor ist froh nun auch Supermärkte in Moskau beliefern zu können. „Aber wir orientieren uns auch schon länger an den europäischen Geschmäckern unserer russischen Bevölkerung. Wir haben  längst gelernt, Käse wie Gouda, Edamer und Tilsiter selbst zu produzieren.“

Engpässe gibt es nur in Moskauer Edelsupermärkten. Dort fehlen jetzt einige Importprodukte. In den meisten anderen tauchen jetzt mehr russische Waren auf. Die Leiterin dieses Supermarkts ist optimistisch. Die Leute sind patriotisch, meint sie. Sie kaufen zunehmend russische Lebensmittel, weil sie ohnehin billiger sind als die Importierten. „Das ist eine Riesenchance für russische Lebensmittelhersteller, auf die einheimischen Märkte zu kommen. Es gibt beispielsweise  wunderbare Käsesorten im Kaukasus. Und wenn die jetzt auf den Markt kämen, wären sie nicht schlechter als die in Europa produzierten.“

Russlands größter MIlchproduzent Dürr
Russlands größter MIlchproduzent Dürr

Es sei ein Ruck durch russische Betriebe gegangen, meint der Putin Berater Dürr. Die wollen jetzt die bestehenden Versorgungslücken schließen. Der Nachholbedarf sei hoch gewesen. „Die richtig guten Leute sind auch zu Sowjetzeiten nicht in die Landwirtschaft gegangen, sondern Raumfahrt Rüstungsindustrie. Russische Landwirtschaft hinkt etwa 20Jahre hinterher. Wir haben viel gemacht mit Beratern. Wir machen das auch mit vielen anderen Betrieben zusammen.“

Der deutsche Grossbauer sieht sich längst als russischer Landwirt. Die Sanktionen gegen Russland beeinträchtigen das Geschäft, meint er. Es ärgert ihn, dass er zukünftig nicht mehr alle Maschinen aus dem Westen bekommen wird. „Das Herz hängt daran, dass man sich die Sachen in Mitteleuropa besorgen würden, aber wenn es nicht geht und man hat Angst vor weiteren Sanktionen, dann muss man sich ein 2. Standbein für Lieferanten suchen. Und das ist im Osten und da gibt`s viel.“ Damit meint er China.

Dürr verkauft auch Landmaschinen. Viele russischen Unternehmer werden nervös, meint er. Moderne Maschinen repariert man nicht mehr mit dem Schraubenzieher. Dafür braucht man komplexe Software- Programme. Und da sucht man jetzt schon mal nach Alternativen. Und zwar in China. „Die sind ja die großen Nutzniesser und die nutzen die Chance. Was wir jetzt an Angeboten bekommen. Früher in Papierkorb geschmissen. Jetzt fahren wir sogar hin, um zu sehen. Was ich gehört habe gar nicht so schlecht.“

Zweckoptimismus, den der Deutsche auch im russischen Fernsehen verbreitet. „Für den Westen ist es ein Verlust, weil man die Position, die man über 2 Jahrzehnte aufgebaut hat. Die gibt man in eine paar wenigen Monaten auf.“ Stefan Dürr sieht das aus der Sicht des Unternehmers. Er wünscht sich, dass Russland wieder ein ganz normales Land in der europäischen Staatengemeinschaft werde. Russland und der Westen sollten sich endlich an einen Tisch setzen, bevor die Sanktionsspirale alles zerstöre.

Autorin: Birgit Virnich/ARD Studio Moskau

Stand: 01.09.2014 17:23 Uhr

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