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USA: Die Visionen von Silicon Valley

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USA: Die Visionen von Silicon Valley | Bild: WDR

Kate Courteau, Y Combinator:

»Letztlich versuchen wir, die größten Probleme der Menschheit zu lösen.«

Rob Nail, CEO Singularity University:

»Wir leben in Zeiten gewaltigen Umbruchs. Jeder Aspekt unseres Lebens ist betroffen, jede Branche - die gesamte Gesellschaft.«

Peter Diamandis, Mitbegründer der Singularity University:

»Ihr habt die besten Technologien - alles Wissen der Welt, jetzt tut etwas Sinnvolles damit. Seid nicht nur erfolgreich, seid bedeutend für die Welt.«

Jüngste Entwicklung im "Tal": Kopien menschlicher DNA.
Jüngste Entwicklung im "Tal": Kopien menschlicher DNA. | Bild: WDR / WDR

Ich habe schon viel über dieses Tal der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten gehört, aber nie ganz verstanden, was die Menschen antreibt, die unsere Zukunft so tiefgreifend verändern. Weil sie es können? Weil es sie reich macht? Und warum gibt es auf der Welt keinen vergleichbaren Ort? Zeit, mir selber ein Bild zu machen.

Südlich von San Francisco beginnt ein geographisch überschaubares Gebiet, in dem es längst um mehr geht als nur Computer-Chips und Halbleiter. Kommunikation, Medizin, Verkehr. Kaum ein Bereich, den sie nicht verändern wollen.

Herkömmliche Schulen gelten im Tal der unbegrenzten Möglichkeiten als überholt.
Herkömmliche Schulen gelten im Tal der unbegrenzten Möglichkeiten als überholt. | Bild: WDR / WDR

Und das fängt schon bei den Kleinsten an. Chemie- und Physik-Unterricht im Wohnzimmer der Familie Cook. Samantha und ihr Mann Chris gehören zu einer wachsenden Gemeinde von Eltern, die ihre Kinder nicht in herkömmliche Schulen schicken – sondern zu Hause selbst unterrichten. Wenn die Welt sich insgesamt verändert, warum sollte die Bildung veralteten Modellen des 20. Jahrhunderts folgen?

Samantha Matalone Cook:

»Es fördert die Werte von Nachhaltigkeit, Kreativität und Innovation. Kinder blühen auf. Sie können ganz sie selbst sein und nicht, wie die Gesellschaft sie gerne hätte.Wenn man selber in seinem Leben immer Grenzen durchbrechen, eine neue Welt erschaffen will - warum sollte eine Familie ihre Kinder dann in der alten Welt zurückhalten?«

Denn diese alte Welt bereite die Kinder oft nur dürftig auf die Welt von morgen vor. Und in der – so die Haltung, die ich überall im Silicon Valley finde – geht es in erster Linie ums Machen, ums Ausprobieren. Deshalb bringt Samantha Cook ihre Kinder mehrfach die Woche in diese Hacker-Werkstatt. Man könnte es auch schlicht Werk-Unterricht nennen. Sie nennen es: Neugierde entfesseln. Kinder sollen früh erfahren, wie man etwas selbst herstellt oder bedient.

Wendy Ventresco, Mutter:

»Sie soll wissen, dass sie alles schaffen kann, was sie möchte. Nichts ist unmöglich. Das wollen wir Eltern erreichen.«

Sollen hier der nächste Bill Gates, der nächste Mark Zuckerberg geformt werden?

Samantha Matalone Cook:

»Wir wollen ihnen den Zugang zu diesen Fähigkeiten verschaffen, ihnen dieses Selbstbewusstsein vermitteln. Sie sollen merken, dass ihre Ideen wichtig sind. Mit diesen Vorrausetzungen können sie all das tun, was die Männer, die Sie gerade erwähnt haben, geschafft haben.«

"Machen, ausprobieren und Fehler riskieren", ist die Devise der Kindererziehung.
"Machen, ausprobieren und Fehler riskieren", ist die Devise der Kindererziehung. | Bild: WDR / WDR

Zumindest wächst hier eine Generation heran, die den rasanten Entwicklungen im Silicon Valley gegenüber keine Berührungsängste kennt. Im ganzen Tal gibt es kaum einen Ort, der mehr für diesen Fortschrittsglauben steht als die Denkfabrik Singularity University. Ein Tempel für Technologiebegeisterte, zu dem Jünger aus aller Welt pilgern, um von den Gurus der Silicon-Valley-Mentalität zu lernen.

Peter Diamandis, Mitbegründer der Singularity University:

»Technologien machen diesen Planeten systematisch in fast jeder Hinsicht zu einem besseren Ort. Und wir wollen hier ein zu Hause werden für Leute, die mit der modernsten Technologie die Welt umfassend ändern wollen.«

Die Grundfrage an alle Kursteilnehmer – ein Appell: Wie werdet Ihr das Leben von einer Milliarde Menschen verbessern? Vieles kommt mir auf den ersten Blick auch wie Spielerei vor. Aber das ist oft der Ausgangspunkt für alles Weitere. Wer hier eine Idee hat, bekommt eine Chance. Und nicht nur eine.

Rob Nail, CEO Singularity University:

»Das Silicon Valley ist ein einzigartiges Ökosystem, das Ideen unterstützt und stärkt. Wir haben eine einzigartige Kultur, die es leichter macht, Risiken auf sich zu nehmen. Es ist eine Kultur des Scheiterns. Wenn du im Silicon Valley scheiterst, ist es okay - sogar mehr als das. Es ist ein Zeichen von Glaubwürdigkeit.«

Diese ermutigende Haltung hat auch die Gründer eines Drohnen-Start-Ups angelockt. Andreas Raptopoulos sieht die Zukunft für schnellen Transport von Kleingütern in der per App gesteuerten Luftfracht. Der gebürtige Grieche weiß, dass es noch viele Hürden zu bewältigen gibt. Aber wer nur an Probleme denke, übersehe Potentiale.

Andreas Raptopoulos, Matternet:

»Dieser Sinn für Möglichkeiten, dieser Optimismus im Bezug auf Technik ist mir bisher nirgendwo auf der Welt begegnet. Meine Firma hätte ich nirgendwo sonst gründen können.«

Doch Optimismus allein hält nicht ewig. Was mich zu einer weiteren Beobachtung führt. Wenn hier Ideen überzeugen, werden sie auch massiv finanziell gefördert. Der Y-Combinator ist so ein Starthilfe-Geber, hat mit Hilfe von risikofreudigen Investoren schon Firmen wie AirBnB auf den Weg gebracht. Bis zu 120.000 Dollar für drei Monate Entwicklungszeit bekommen Start-Ups hier. Am Ende muss dafür ein marktreifes Produkt stehen.

Kate Courteau, Y Combinator:

»Wir glauben, dass Firmen in sehr kurzer Zeit sehr große Fortschritte machen können. Und wir suchen nach Firmen, die großen Einfluss auf die Welt haben können.«

Und wenn die Wette nicht aufgeht – das nächste erfolgreiche Start-Up kommt bestimmt.

Atemberaubende Schritte machen sie derzeit in der Bio-Technologie. Hinter dieser Fassade etwa verbirgt sich eine Bio-Hacker-Bude, für die genetische Codes das Gleiche wie Software-Codes sind. Sprich: programmierbar. Mit einer Art 3D-Laser-Drucker und ein paar Chemikalien können sie DNA, also Erbgut, für wenig Geld selbst herstellen.

»Vielleicht gab es in letzter Zeit ja zu viele kritische Berichte über das Start-Up. Jedenfalls lehnte es der Gründer ab, mit uns über seine Projekte und Pläne zu sprechen. So viel zur Transparenz, die sie im Silicon Valley ja so hoch halten.«

Aber bekanntlich vergisst das Internet ja nichts. Dort finden sich Interviews, die der Chef der Firma bis vor wenigen Monaten noch breitwillig gab. Darin verteidigt er, dass mit seiner Erfindung theoretisch jeder zum Gen-Designer werden kann.

Austen Heinz, Cambrian Genomics:

»Wir haben doch eine ethische Verantwortung unseren Kindern gegenüber. Das wäre doch Verrat an ganzen Generationen, würden wir Erbkrankheiten damit nicht heilen. Es wäre geradezu grausam. Das Korrigieren von Genen bei Babys ist die Zukunft.
Wird man sich das perfekte Kind einfach bestellen können?
Ja, es wird wohl einen Wettbewerb zwischen Eltern geben…
…um das schnellste, intelligenteste, kräftigste Kind zu kreieren?
Ja.«

Klingt gespenstisch. Doch andererseits – würde ich meine Kinder nicht auch von einem tödlichen Gen-Defekt befreien wollen, wenn es möglich wäre? Das ist das Dilemma unserer Zeit. Wie mit der Technologie umgehen, die sie besonders hier so vorantreiben? Eins ist mir klar geworden – in diesem Tal verschieben sie Grenzen. Ob wir wollen oder nicht. Es ist eine Debatte, der wir uns stellen müssen. Sonst findet die Zukunft ohne uns statt.

Autor: Ingo Zamperoni/ARD Studio Washington

Stand: 31.05.2015 20:35 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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