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Belgien: Sterbehilfe für Kinder

Arztbesteck.
Aktive Sterbehilfe auch für Minderjährige

Ja, sie ist glücklich und sie liebt ihr Leben. Die 22jährige Stephanie Verlaeckt wohnt in Antwerpen in ihrer eigenen Wohnung gemeinsam mit Freund und Katze. Eine gesunde junge Frau, der das Leben mit all seinen Möglichkeiten offensteht. Ausgerechnet sie weiß, wovon sie spricht, wenn es um Sterbehilfe geht.

Erst vor wenigen Jahren entstanden diese Bilder. Stephanie ist damals 16 Alles hat sie mitgemacht. Chemo. Operationen. Künstliches Koma.

Dem Tod war sie sehr nah. Mit ihrer Mutter spricht sie ganz offen über ihre Gefühle und Erfahrungen. Gemeinsam stemmen sie sich gegen den Krebs.

Während ihrer Behandlung muss sie erleben, dass eine krebskranke Freundin es nicht schafft und unendlich leidet.

Stephanie Verlaeckt

»Als ich meine Freundin auf der Intensivstation besucht habe, hat sie mir gesagt: Ich will nicht mehr. Wenn es doch eine andere Möglichkeit geben würde, ich wäre froh. Ich will nach Hause und Abschied nehmen können von meinen Freunden, meiner Familie und allen Menschen, die mir nahestehen. Mir reicht´s. Wir sind einfach zu jung, um so leiden zu müssen.«

Sterbehilfe für Minderjährige - in Belgien ist das möglicherweise bald legal.

Unheilbar kranke Kinder und Jugendliche dürften dann selbst entscheiden, dass ihr Leben enden soll.

Sterbehilfe für Minderjährige - in Belgien möglicherweise bald legal
Sterbehilfe für Minderjährige - in Belgien möglicherweise bald legal | Bild: WDR / WDR

Das ist richtig so, meinen Kinderärzte wie Michel Deneyer. Aber natürlich nur – so wie es das Gesetz auch vorsieht – nach gründlicher Prüfung.

Michel Deneyer, Universitätsklinik Brüssel

»Wenn ein Jugendlicher von 16, 17 Jahren um Sterbehilfe bittet, sein Zustand tatsächlich aussichtslos ist, und wir seine körperlichen Schmerzen nicht mehr lindern können, dann dürfen wir das als Ärzte nicht vom Tisch wischen. Natürlich müssen wir jede erdenkliche Therapie mit ihm durchgehen. Aber wenn auch die Eltern und der Kinderpsychiater sich hinter den Sterbewunsch stellen, müssen wir das respektieren.«

Klingt plausibel und doch tun sich Fragen auf:

Ab welchem Alter können Kinder überhaupt eine so weitreichende Entscheidung treffen? Erst ab zwölf, sagen die meisten Fachleute.

Und können die Kleinen überhaupt erklären, wie groß ihr Leid ist?

Schwester Sara zeigt uns das Schmerzthermometer. 3-4 heißt erträglich. 5 ist an der Grenze. Und die zehn? Nicht auszuhalten.

Sara Pereiera-Fernandes, Kinder-Krankenschwester

»Haben Ihnen Kinder schon gesagt, ich kann nicht mehr, ich will sterben? Ja. Das passiert. Im Endstadium sagen sie: Hört auf!«

Audrey bekam mit 13 Jahre die Diagnose: Blutkrebs
Audrey bekam mit 13 Jahre die Diagnose: Blutkrebs | Bild: WDR / WDR

Audrey hat lange gekämpft. Mit 13 Jahren kam die Diagnose: Blutkrebs. Als keine Therapie mehr hilft, holt ihr Vater sie nach Hause. Immer stärker betäubt, stirbt Audrey schließlich.

Darüber hat der Vater ein Buch geschrieben - ein leidenschaftliches Plädoyer gegen Euthanasie. Wenn da genug Liebe ist, würde doch niemals ein Kind die Eltern bitten, es zu töten, sagt er. Man könne Minderjährigen die Entscheidung nicht überlassen.

Bruno Wierinckx

»Ich habe enorme Angst, dass sich da die Gedankenwelt der Kinder verselbständigt. Ein Kind könnte zum Beispiel sagen: ich möchte meinem Leben ein Ende setzen, weil es denkt: Meine Eltern halten mein Leiden nicht mehr aus. Oder die haben nicht die finanziellen Mittel. Ein Kind könnte Angst haben: Meine Geschwister bekommen wegen mir nicht ausreichend Aufmerksamkeit, weil sich alles um mich dreht.«

Aber Audreys Vater sagt auch: in Extremfällen - würde er seine klare Position noch einmal überdenken.

Sie sorgt dafür, dass todkranke Kinder möglichst in Frieden zuhause sterben können. Krankenschwester Sonja Develter bringt Betäubungsmittel mit gegen das Leid – und die richtigen Worte.

Sonja Develter, Bereitschaftsschwester

»Nach meiner Erfahrung spricht niemand über den Tod. Und wenn ein Kind sich darauf vorbereitet zu sterben, dann ist es wichtig, ihm zu sagen, was mit seinem Körper passiert. Das können nur sehr wenige Pfleger. Und es gibt auch nur sehr wenige Eltern, die wissen, was im Moment des Todes passiert.«

Auch ihn hat sie vor ein paar Jahren betreut. Der Junge im Video ist Raphael – unheilbar krebskrank. Ein neunjähriger Junge, der niemals belogen werden wollte. Die Ärzte mussten ihm alles genau erklären.

Intensivstation
Intensivstation | Bild: WDR / WDR

In einem sind sich Raphaels Mutter und die Krankenschwester Sonja einig. Die Zeit vor dem Tod ist eine schmerzhafte, aber auch wichtige Phase, die man nicht verkürzen sollte.

Elsi Medina

»Er wollte leben. Und er hat es gewusst. Er hat gewusst, dass er keine Chance hatte? Alles.«

Sonja Develter, Bereitschaftsschwester

»Was mich beunruhigt: Da gibt es Leute, die behaupten, dass Kinder im Alter von 8 bis 18 Euthanasie fordern. Dass die reif genug sind. Die Kinder wollen leben. Manchmal sagen sie: ich habe genug von der Behandlung, ich verliere Haare. Schrecklich. Aber sie wollen leben. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Kind gesagt hat: Ich möchte sterben. Eltern dagegen schon.«

Stephanie Verlaeckt blickt in die Zukunft. Ihr Tod ist wieder weit weg. Doch für den Wunsch nach Sterbehilfe hat sie Verständnis.

Stephanie Verlaeckt

»Menschen, die sich für Euthanasie entscheiden, die können bewusst Abschied nehmen. Die gehen vielleicht mit einem besseren Gefühl und mit mehr Ruhe, als wenn sie sich für Schmerztherapie entscheiden und dann langsam wegdämmern.«

Doch selbst wenn bald in Belgien ein Gesetz die Sterbehilfe erlaubt – die quälenden Fragen von Eltern und todkranken Kindern sind damit noch längst nicht beantwortet.

Autor: Christian Feld / ARD Studio Brüssel

Stand: 19.01.2014 20:35 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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