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Brasilien: Wassernot in Sao Paulo

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Wassernot in Sao Paulo | Bild: ARD

Nichts geht mehr. Kein fließendes Wasser – seit über 10 Monaten. Geschirr spülen bei der Familie da Silva geht nur noch so. Mit Wasser, das zuvor mühsam angeschleppt werden muss.

Stefanie Rodrigues da Silva, Mutter:

»„Unser Alltag ist sehr schwer geworden. Kein Wasser, dafür viele Moskitos und überall im Ort stinkt es.“«

Der Ort heißt Itu, 165.000 Einwohnern in der Peripherie von Sao Paulo, und das Geschehen auf den Straßen sieht seit Jahresbeginn so aus. Schlange stehen an den Zisternen, die vom Bundesstaat aufgestellt wurden und von Tankwagen rund um die Uhr beliefert werden. Ja, sagt sie, ich stehe hier den ganzen Tag und fülle auf.

In Itu herrscht akuter Wassernotstand. Egal ob zum Kochen, Waschen oder Trinken, die Menschen hier müssen sich ihr Wasser so organisieren. Auch Stefanie und ihre Familie stehen hier fast jeden Tag an.

Das Land leidet an Dürre, es herrscht akuter Wassernotstand
Das Land leidet an Dürre, es herrscht akuter Wassernotstand | Bild: WDR / WDR

Stefanie Rodrigues da Silva, Mutter:

»„Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Viele Leute ziehen bereits weg von hier, in Ortschaften, wo die Versorgung noch funktioniert. Hier ist keine Lösung in Sicht. Es gibt kein Wasser mehr.“«

Eines der wichtigsten Wasserversorgungssysteme von Sao Paulo. Das Reservoir Cantareira mit fünf Stauseen. Doch seine Kapazität ist verbraucht. Der Großraum Sao Paulos leidet seit langem an Dürre, hohe Temperaturen, Austrocknung. Und an der Gewohnheit, das man Wasser immer bedenkenlos verschwenden konnte.

Jetzt geht der Millionenmetropole das Wasser aus. Eine Krise, die immer verdrängt wurde, obwohl man seit über 10 Jahren wisse, was sich da anbahnt, sagt Pedro Telles von Greenpeace.

Pedro Telles, Greenpeace:

»„Man hätte längst andere Wasserquellen erschließen und vor allem aber die Verschwendung eindämmen müssen. Nie wurde investiert und nicht an die Zukunft gedacht. Jetzt haben wir eine Krise und mittlerweile ist ein großer Teil der Bevölkerung Sao Paulos mit dem Problem konfrontiert. Und die Krise wird immer schlimmer.“«

Unterwegs auf dem größten See des Cantareira Reservoirs, und was davon übrig ist. An den Brückenpfeilern erkennt man, wo der Pegel früher stand. 10 Prozent seines normalen Volumens habe das Versorgungssystem noch. Müll und verrostete Autowracks tauchen auf, die in den vollen Stauseen mal entsorgt wurden.

Pedro Telles, Greenpeace:

»„Das restliche Wasser ist nutzlos. Der Wasserstandspegel ist bereits so niedrig, dass die Verteilung nicht mehr funktioniert.“«

Megametropole Sao Paulo, eine der größten Städte der Welt, etwa 22 Millionen Menschen leben hier im Ballungsraum. Viele sind mittlerweile vom Wassernotstand betroffen. Manche mehr, manche nur zeitweise.

Der Zorn wächst, die Leute gehen wieder auf die Straße und protestieren. Man ist sauer auf die Fehlplanungen und die Politik, die jahrelang die sich abzeichnenden Probleme ignoriert hat.

Einwohnerin aus Sao Paulo:

»„Ich wohne in einer Sozialwohnung der Stadt. Nicht weit weg von hier. Dort wird zweimal am Tag das Wasser abgestellt. Einmal von 13 bis 17 Uhr und von 11 Uhr nachts bis morgens um 5.“«

Es sind nicht nur die Randbezirke der Millionenstadt betroffen oder die sozial schlechter gestellten Haushalte. Auch dieses Architektenehepaar im Stadtteil Lapa ist mit dem Problem konfrontiert und hat bereits Eigeninitiative entwickelt. Auffangbehälter für die weniger gewordenen Niederschläge im Garten.

Das Wasser mit dem die Wäsche gewaschen wird, wird in ein Fass geleitet und weiter für andere Zwecke genutzt. Maria lässt auch beim Geschirrspülen das Wasser nicht einfach durch den Ablauf sickern, sondern nutzt es weiter. Zur Bewässerung ihrer Pflanzen und sie habe damit keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Spülwasser wird weiter genutzt zum Bewässern von Pflanzen
Spülwasser wird weiter genutzt zum Bewässern von Pflanzen | Bild: WDR / WDR

Maria Zulmira de Souza, Einwohnerin:

»„Der Glaube an Überfluss und dass in Sao Paulo alles bedenkenlos möglich ist und immer neue Quellen angezapft werden können, ist falsch. So war das hier bislang, aber nun ist der Moment gekommen, in dem eine neue Vision der Wassernutzung entwickelt werden muss!“«

Der Regen im Südosten Brasiliens ist weniger geworden. Experten sehen verschiedene Ursachen: Klimawandel, die Abholzung am Amazonas und weniger Regenbildung über dem Atlantik.

Marcelo Seluchi, Klimatologe:

»„Im Zeitraum Januar bis März, wo normalerweise viel Regen fallen sollte, gab es zuletzt kaum Niederschlag. In den üblichen Regenperioden gab es zuletzt praktisch nichts.“«

Auch das verschärft die Lage. Ein marodes Leitungssystem. Rohrbrüche sind an der Tagesordnung. Laut Greenpeace gehen auch so erhebliche Wassermengen verloren.

Mittlerweile haben einige Wasserversorger und auch Politiker erhebliche Versäumnisse eingestanden. Viel zu wenig sei in den Erhalt und den Ausbau der Anlagen investiert worden.

Afranio do Paulo Sobrinho, Wasserbehörde SAAE:

»„Ja, wir müssen feststellen, dass wir Verantwortung tragen. Der Regenmangel ist ein Grund, aber auch, dass wir unsere Versorgungsstruktur vernachlässigt haben und nicht vorrausschauend geplant haben. Jetzt müssen wir sehen, wie wir mit dem Problem umgehen.“«

In Itu haben Stefanie und ihr Mann unterdessen ihre Kanister mit dem Wasser der Tanklaster aufgefüllt. Die Vorräte werden nun zwei drei Tage reichen. Aber nicht genug der Strapazen, zu allem Ärger zeigt uns Stefanie nun auch noch das Stück Papier, dass das Fass endgültig zum Überlaufen bringt. Die monatliche Wasserrechnung.

Stefanie Rodrigues da Silva, Mutter:

„Die schicken sie weiter, obwohl kein einziger Tropfen Wasser aus den Hähnen kommt.“

Aus den Hähnen kommt kein Wasser mehr
Aus den Hähnen kommt kein Wasser mehr | Bild: WDR / WDR

Sao Paulo hat ein ernsthaftes Problem. Fällt der Regen in diesem Sommer wieder unterdurchschnittlich aus, könnte das Krisenszenario hier ziemlich dramatisch werden.

Autor: Michael Stocks/ARD Studio Rio de Janeiro

Stand: 05.01.2015 09:15 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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