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Mexiko: Mädchenhandel - entführt, verschwunden, verscharrt

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Mexiko: Mädchenhandel - entführt, verschwunden, verscharrt | Bild: Das Erste

Die Wüste rund um Ciudad Juarez, ist ein Grab für ungezählte Mädchenleichen. Gestern war es eine 14-Jährige, die hier tot gefunden wurde. Immer nach solchen Meldungen kommen Eltern in die Wüste, deren Töchter ebenfalls verschwunden sind. Sie suchen nach Spuren und fürchten, dass auch ihre Kinder hier liegen könnten, zwischen den Felsen und dem Müll.

Maria war 18, Paola 16 als Menschenhändler sie entführt haben.

Maria Cardona, Mutter

»Wir können nicht aufhören nach unseren Kindern zu suchen, auch an diesen furchtbaren Orten wo sie die Leichen verscharren. Vielleicht finden wir unsere Töchter oder eines der vielen anderen Mädchen, die hier in Juarez verschwunden sind.«

Tatsächlich finden sie, als sie die Hügel wieder verlassen wollen unter einem Stein blutige Mädchenunterwäsche. Sie informieren die Polizei, doch passieren wird erstmal nichts.

Ciudad Juarez ganz im Norden Mexikos ist die verkommene Hochburg von Entführung, Zwangsprostitution und Mord. Kein Laternenpfahl im Stadtzentrum, der nicht einen Zettel verzweifelter Eltern trägt.

Zettel einer Vermissten.
Geldschein mit vermisstem Mädchen

Hier begegnen wir José Castillo und seiner Frau Marta. Seit fünf Jahren suchen sie nach ihrer Tochter Esmeralda. Sie kam eines Tages nicht mehr aus der Schule nach Hause, als sie gerade 14 geworden war.

Sie war sehr jung und sehr hübsch sagt ihr Vater zu Passanten, irgendjemand muss doch etwas gesehen haben. Sie wollen weitersuchen, bis sie Antworten haben.

Jose Luis Castillo, Esmeraldas Vater

»Von den Behörden haben wir nie auch nur den kleinsten Hinweis bekommen. Also haben wir uns selbst auf die Suche gemacht, wie die meisten anderen Eltern. Wir kleben Bilder unserer Tochter dorthin, wo viele Leute sind, vor allem hier an diesem Platz.«

Die Spuren vieler Opfer verlieren sich genau an diesem Platz. Und es sind hunderte Opfer. Die meisten wollen nie etwas bemerkt haben, von den Entführungen.

Passant

»Es gibt hier keine Überwachung, keine einzige Kamera, die Polizei deckt die Verbrecherbanden und kassiert mit. Jeder hier weiß das und schweigt. Und ihr habt doch bei Eurer Suche selber gemerkt, dass die Polizei Euch nur Steine in den Weg legt, damit ihr ja nichts herausfindet.«

Einmal verschwand die Tochter eines Politikers. Am gleichen Abend brachte die Polizei sie wieder Zuhause. Doch die meisten Mädchen kommen aus armen Vororten wie diesem, in dem José und Marta Castillo wohnen.

Bei seiner Suche fand Esmeraldas Vater heraus, dass die Menschenhändler ihre Opfer zuerst beobachten und versuchen ihr Vertrauen zu gewinnen. Wer wenig Bildung hat, macht ihnen am wenigsten Schwierigkeiten. Viele werden in die USA oder in Mexikos Hauptstadt verschleppt, wo sie zur Prostitution gezwungen werden.

José Castillo

»„Einmal rief mich ein Mann an und sagte, das Mädchen von dem Geldschein sitzt mir gegenüber und sagt ich soll Dich anrufen, sie ist in Mexiko Stadt und braucht Hilfe. Dann hörte ich Lärm und Schreie, es kam wohl der Zuhälter rein und jemand wurde verprügelt. Ich fuhr sofort hin und suchte überall, aber meine Tochter fand ich nicht.“«

Wie hier, im unüberschaubaren Moloch der Hauptstadt, halten die Peiniger ihre Opfer wie Sklavinnen, solange, wie sie mit ihren unfreiwilligen Sexdiensten Geld bringen.

Elternproteste.
Elternproteste

Die wenigsten haben den Mut zur Flucht, erzählt uns die 24-jährige Madaí Morales, die selbst Unterschlupf bei einer Hilfsorganisation fand. Ihr Entführer hatte gedroht, ihre Familie zu ermorden, dennoch entkam sie, weil ein fremder Mann ihr half.

Madaí Morales

»Wenn ich jetzt hier entlangfahre sehe ich Mädchen, die schon mit mir hier gestanden haben. Ständig fahren Polizeistreifen vorbei und gaffen sich die „Ware“ wie sie gerne sagen an. Dass viele der Mädchen minderjährig sind stört sie überhaupt nicht. Ich finde das furchtbar traurig.«

Heute wohnt Madaí mit einer Freundin zusammen der gleiche passiert ist. Madaí studiert Jura, will irgendwann gegen die Menschenhändler kämpfen. Ihren Entführer hat sie ins Gefängnis gebracht – zwanzig Jahre. Zwei Tage ließ die Staatsanwaltschaft sie warten, verängstigt und abgemagert, bis ihr jemand zuhörte. Dann führte sie die Polizei zu ihrem Peiniger und sagte aus.

Madaí Morales

»Man muss den Männern klarmachen, dass wir Frauen keine Ware sind, dass kein Preisschild an uns hängt, auf dem steht, „zu verkaufen oder zu vermieten“! Ich weiß nicht wann uns unsere Werte abhanden gekommen sind. Ich weiß nicht wann man diesen Typen gesagt hat, sie können uns besitzen und uns 20 bis 30 mal am Tag verkaufen.«

Zurück in Ciudad Juarez protestieren Eltern gegen die Tatenlosigkeit der Justiz. Die Behörden führen nicht mal Statistik, haben keine Ahnung, wie viele Frauen in Mexiko vermisst werden. Schätzungen der Hilfsorganisationen sprechen von 3 neuen Fällen jeden Tag.

Der verantwortliche Staatsanwalt in Juarez, hilflos!

Ernesto Jauregui Vengas

»In Städten mit Millionen von Einwohnern, wie Ciudad Juarez, finden solche Verbrechen immer im Verborgenen statt, im Schatten, im Dunkeln, selbst wenn man sucht, es ist schwer die Verantwortlichen zu erwischen. Aber wenn wir sie irgendwann finden würden, dann würden sie natürlich ihre gerechte Strafe bekommen.«

Wir fragen den Staatsanwalt, was aus der blutverschmierten Unterwäsche aus der Wüste geworden ist, die die beiden Mütter gefunden hatten. Wie zum Beweis bekommen wir am nächsten Morgen eine Demonstration der Ermittlungsarbeit seiner Behörde. Wir sollten doch kommen und Bilder machen. Es wird eine Show fürs deutsche Fernsehen bei der sogar der Chef selbst im Anzug durch´s Gelände streift.

Es ist kein Wunder, dass die Eltern der Vermissten keine Orte scheuen, um auf eigene Faust nach ihren Kindern zu suchen - auf eigenes Risiko natürlich auch. José Castillo hasst diese Orte, aber er geht regelmäßig ins Rotlichviertel, weil er fest daran glaubt, dass Esmeralda hier festgehalten wird.

José Castillo

»Ich werde weitersuchen, sagt José, denn ich fühle, dass meine Tochter noch in der Stadt ist.«

Ganz am Anfang seiner Suche hatte ihm ein Polizist gesagt, je mehr Du suchst, desto schneller ist Deine Tochter tot. Aber sie nicht zu suchen sagt José, wie soll ein Vater das aushalten?

Autor: Peter Sonnenberg, ARD Studio Mexiko

Stand: 15.04.2014 10:47 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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