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Weißrussland: Potemkinsche Dörfer statt Silicon Valley?

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Weißrussland: Potemkinsche Dörfer statt Silicon Valley? | Bild: ARD

Es ist eine Zeitreise in die alte Sowjetunion. Vorbei an alten Kolchosen reisen wir ins Herzland von Lukaschenko in den Osten von Weißrussland. Dort, wo der Präsident, der selbst einmal Vorsitzender eine Kolchose war, viele der alten sowjetischen Betriebe erhalten hat. Hier gilt er als Garant für Stabilität, einer, der das in der Sowjetunion Erreichte konserviert, auch die Beziehungen zum großen Nachbarn Russland.

Wahlkampf auf dem Land

Wahlkampf auf dem Land
Wahlkampf auf dem Land | Bild: Bild: BR

Ungläubig stehen die alten Bauern und Arbeiter vor der einzigen Frau, die im Wahlkampf kandidiert hat. Skeptisch hören sie, wie sie ihnen erklärt, man müsse die Beziehungen zum Westen nutzen. Dass wirtschaftliche Reformen in dieser sozialschwachen Gegend dringend benötig werden, darauf einigt man sich schnell. Aber man habe ja in der Ukraine gesehen, wo das endet, entgegnen ihr vor allem die Alten: "Ich habe den Krieg erlebt. Wir wollen ein friedliches Leben, dass wir Brot auf dem Tisch haben und nicht hungern. Sagen wir so: Das Leben ist hier nicht so gut, aber auch nicht so schlecht."

Tatjana Korotkewic
Tatjana Korotkewic | Bild: Bild: BR

Einfühlsam versucht die studierte Psychologin Tatjana Korotkewic auf die Sorgen der Menschen einzugehen. Sie ist wie ein Kummerkasten: "Ich spüre die Unterstützung der Menschen hier. Ich spüre, dass sie verstehen, was wir sagen. Sogar dass wir über Reformen sprechen, schreckt sie nicht ab. Manche meckern, alle verstehen, dass dieser Moment früher oder später kommen muss, wo Reformen anstehen."

Doch am Ende werden die meisten hier Lukaschenko wählen wie schon vier Mal zuvor. Nur einer sieht das anders, er habe keine Angst zu reden: "Das Leben ist schlecht. Ich werde Lukaschenko meine Stimme nicht geben. Das macht alles keinen Sinn. Alles, was er gesagt hat macht keinen Sinn, denn er hat für den Staat, für das Volk nichts gemacht. Ich arbeite im Kuhstall und er hat für mich nichts gemacht, absolut nicht. Mein Gehalt ist zwei Millionen. Das ist nichts."

Zwei Millionen weißrussische Rubel sind etwa 100 Euro. Die Inflation galoppiert. Viele junge Leute suchen Arbeit in Moskau, denn hier gibt kaum Jobs.

Ein Hauch von Sowjetunion

Und auch in Minsk – mit seinen Prachtstraßen und Stalinbauten, den Sowjetsternen – erinnert vieles an die alte Sowjetunion.

Präsident und Sohn bei der Stimmabgabe
Präsident und Sohn bei der Stimmabgabe | Bild: Bild: BR

Die Wahl, ein einzige Selbstinszenierung des letzten Diktators Europas, Alexander Lukaschenko. Deshalb haben viele Oppositionelle die Wahl boykottiert, um sie nicht zu legitimieren. Viele erinnern sich noch wütend daran, dass 2010 nach der Schließung der Wahllokale sieben der zehn Kandidaten festgenommen wurden und zum Teil lange Haftstrafen absaßen.

Ales Michalewitsch
Ales Michalewitsch | Bild: Bild: BR

Einer von ihnen: der Anwalt Ales Michalewitsch. Er wurde gefoltert und hat die letzten viereinhalb Jahre im Exil verbracht. Jetzt erst traut er sich zurückzukehren, da Lukaschenko unter Druck stehe und vorgeben müsse, demokratische Wahlen abzuhalten: "Diese vermeintliche Liberalisierung, die dazu geführt hat, dass ich zurückkehren konnte, dient nur dem Machterhalt. Russland hat kein Geld mehr übrig und die weißrussische Diktatur braucht Geld, um an der Macht zu bleiben."

Viele Weißrussen haben Angst vor einer Situation wie auf dem Majdan. Sie wollen nicht, dass sich die Ereignisse in der Ukraine hier in Weißrussland wiederholen.

Rückzug ins Private

Ales Michalevitsch meint: "Die meisten Weißrussen haben sich ins Private zurückgezogen. Sie verstehen, dass Proteste vom großen Nachbarn als Provokation gesehen werden könnten und die Situation dann eskalieren würde. Die Mehrheit der Weißrussen sind eingeschüchtert. Sie haben einfach Angst."

Früher meint er, seien öffentliche Plätze nie so leer gewesen: Da Lukaschenko jegliche Opposition unterdrücke, "führen die Menschen ein paralleles Leben. Unauffällig."

Hier im sogenannten Silicon Valley wird das kultiviert. Von hier stammt "World of Tanks" – "Die Welt der Panzer", eines der erfolgreichsten Computerspiele. Hier haben sich junge kreative Programmierer in den wenigen Freiräumen, die das Lukaschenko Regime zulässt, arrangiert, ihre einzige Möglichkeit in einem totalitären Staat zu überleben: keine Kommentare zur Politik.

Panzer im Silicon Valley

Hier lebt man in einer virtuellen Welt und irgendwie auch in der Vergangenheit. Für den Verkaufsschlager "World of Tanks" arbeitet Programmierer Michail permanent historische Panzertypen auf, hier einer der Sowjetarmee: "Wir nehmen alte Blaupausen und Fotos, die uns unsere historischen Berater zur Verfügung stellen. Daran orientieren wir uns, um die diese Modelle zu rekonstruieren."

Jeder Spieler steuert einen historischen Panzer durch Städte und Wälder, oft historische Schlachtfelder. Hier in Weißrussland fanden im Zweiten Weltkrieg viele der großen Schlachten statt. Das Computerspiel kommt überall dort gut an, wo im Zweiten Weltkrieg Panzerschlachten stattfanden, erklärt mir Dimitri. Mittlerweile hat die Community 180 Millionen Spielen weltweit.

Dmitri Pintschuk
Dmitri Pintschuk | Bild: Bild: BR

Marketingdirektor Dmitri Pintschuk beschreibt das Spiel: "Es geht um Nahkampf. Und das macht es interessant. Es geht um Taktik. Eine Herausforderung für ein Team. Im Herzen haben Weißrussen die Mentalität von Partisanen. Wir haben unendlich viel Geduld. Weißrussland ist bekannt für seinen technischen Sachverstand. Weißrussische Programmierer sind die stärksten und räumen bei internationalen Wettbewerben ziemlich ab."

Die meisten jungen Weißrussen hoffen auf eine Zeit nach Lukaschenko. Bis dahin versucht man der Politik im Land aus dem Weg zu gehen. Viele blenden sie einfach völlig aus.

Autorin: Birgit Virnich, ARD Moskau

Stand: 09.07.2019 14:18 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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