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Weltspiegel

Türkei: Kampf dem Sultan - Protest und Spaltung in Erdogans Reich:

Es geht schon lang nicht mehr nur um die Bäume in einem Istanbuler Stadtpark. Bei den Protesten in der Türkei geht es um grundlegende Missstände im Land und die Auseinandersetzung zwischen Tradition und Moderne. Die Forderung der meisten Demonstranten: Der in ihren Augen selbstgefällige und selbstherrliche Premierminister Recep Tayyip Erdogan soll abdanken. Er ist seit zehn Jahren Regierungschef. Zweimal gewann seine islamisch-konservative Partei AKP souverän die Wahlen. Aufgrund der florierenden wirtschaftlichen Entwicklung galt die Türkei international als Musterschüler. Doch dann begriffen viele Menschen, insbesondere die Gebildeten sowie der wachsende Mittelstand, dass die von Erdogan gesteuerte schleichende Islamisierung des Landes in ihr Privatleben eingreift. Das Verbot von Lippenstift für Flughostessen oder das Verkaufsverbot von Alkohol ab 22 Uhr, all das steht komplett konträr zum Lebensstil säkularer Türken. Die wollen sich ihre Freiheiten nun nicht mehr nehmen lassen und so ist der Taksim-Platz in Istanbul fest in der Hand der Demonstranten. Volksfeststimmung am Tag, Krawalle in der Nacht: Beide Seiten sehen sich einer völlig neuen Situation gegenüber. Für die Regierung sind dies die heftigsten Proteste ihrer Amtszeit.

Autor: Michael Schramm, ARD-Studio Istanbul

Spanien: Teurer Thunfisch - Wie Japans Trawler das Mittelmeer plündern: Der Rote Thunfisch gilt als der König der Meere. Und er ist äußerst gefährdet. Noch vor wenigen Jahrzehnten wogen einzelne Exemplare bis zu 600 Kilogramm. Heute gelten schon Fische mit 150 Kilogramm als Schwergewichte. Grund ist die Überfischung dieser Art vor allem im Mittelmeer. Denn der Rote Thunfisch ist als Sushi in Japan überaus populär, die Nachfrage enorm. Anfang dieses Jahres wurde in Tokio ein einziger Thunfisch für mehr als eine Million Euro versteigert. Internationaler Druck hat vor einigen Jahren immerhin zu einer Halbierung der Fangquoten geführt, die Thunfisch-Population konnte sich auf einem sehr niedrigen Niveau stabilisieren. Doch illegaler Fang im Mittelmeer und japanische Nachfrage halten an. In Spanien hat der Thunfischfang lange Tradition. Der Fang mit festen Netzen reicht hier 3000 Jahre zurück. Doch diese traditionelle Fangmethode geht in den alten Küstendörfern wegen des industriellen Fangs und Ausverkaufs an Japan mehr und mehr verloren, wie die lokalen Fischer dem Weltspiegel berichten. So wandert z.B. der Fang aus dem Dorf Barbate in der Nähe von Cádiz komplett an die Firma Mitsubishi. Umweltgruppen- und Aktivisten versuchen nun zu retten, was vielleicht nicht mehr zu retten ist: der Rote Thunfisch im Mittelmeer.

Autor: Stefan Schaaf, ARD-Studio Madrid

Myanmar: Prügelnde Mönche - Buddhisten hetzen gegen Muslime: Seit über einem Jahr lesen sich Nachrichten aus Myanmar, dem ehemaligen Birma, oft so: „Aus Myanmar werden neue Zusammenstöße zwischen Buddhisten und Muslimen gemeldet. Moscheen, religiöse Schulen und Dutzende Häuser wurden niedergebrannt. Nach Angaben der Polizei gehörten zu dem aufgebrachten Mob auch Mönche." - Bei den Unruhen soll es bislang hunderte Tote gegeben haben, die meisten von ihnen Muslime. In der Rakhine-Region wurden 125.000 Angehörige der muslimischen Rohingya-Minderheit aus ihren Häusern vertrieben. In Meiktila in Zentralbirma kamen im März mehr als 40 Menschen ums Leben, auch hier sind sogenannte buddhistische Prügelmönche - alles andere als friedlich - an der Hatz beteiligt. Ihre radikalsten Vertreter rufen sogar unverblümt und öffentlich zum Kampf gegen die Muslime auf. Das riecht nach 'ethnischer Säuberung`. - Die Rohingya-Muslime gehören laut UN zu einer der am stärksten verfolgten und unterdrückten Minderheiten weltweit. 200.000 leben in Flüchtlingslagern in Bangladesch. Die 800.000 Rohingyas in Mynamar werden nicht als Staatsbürger anerkannt. Sie gelten als staatenlos und werden als illegale Einwanderer beschimpft, obwohl sie seit Jahrhunderten im Westen des Landes leben. Sie sind Bürger zweiter Klasse ohne Rechte. Eine der Schattenseiten des politischen Wandels in Myanmar.

Autor: Robert Hetkämper, ARD-Studio Singapur

Russland: Ein Schiff wird kommen - Die schwimmende Klinik vom Ach: Drei Stunden mit dem Flugzeug ab Moskau, fünf Stunden warten, 13 Stunden mit dem Zug, eine Stunde mit dem Boot, und dann ist man auch schon in Leushi am Ach - irgendwo hinterm Ural, mitten in West-Sibirien. Gut 1.300 Menschen leben hier. Und alle hoffen, dass sie nicht irgendwann einmal ernsthaft krank werden. Denn es gibt keinen Arzt mehr in Leushi. Und auch nirgendwo sonst in der Gegend. Und deshalb sind alle heilfroh, dass wenigstens alle zwei Jahre mal die schwimmende Poliklinik ?Nicolai Pirogow` den Fluss Ach heraufkommt und anlegt. Das gut 60 Meter lange Schiff kommt aus Chanty-Mansijsk und fährt kleine Dörfer an, die keinen Landarzt mehr haben. Kapitän Wladimir Tschernakow hat´s nicht leicht dieses Jahr, denn der Fluss ist über die Ufer getreten und sein Verlauf nicht erkennbar. Elf Ärzte aus neun Fachrichtungen, elf Schwestern und 13 Mann Besatzung sind an Bord. Ein halbes Jahr lang ist die Mannschaft unterwegs, von Mai bis Oktober. Klingt alles sehr romantisch, wirft aber einen dunklen Schatten auf die medizinischen Zustände im riesigen Russland: In ländlichen Regionen herrscht dramatische Unterversorgung. Präsident Putin verspricht stets mehr Geld und mehr Ärzte, doch in Leushi und anderswo kommt von diesen Versprechen nichts an.

Autor: Udo Lielischkies, ARD-Studio Moskau

Iran: Persisches Roulette - Vor der Präsidentenwahl im Gottesstaat: Der 25-jährige Hosein ist gelernter Drucker, arbeitet fünf Tage in der Woche und kommt trotzdem kaum über die Runden. Die Preissteigerungen der vergangenen Jahre in Folge der internationalen Sanktionen fressen sein Monatseinkommen von umgerechnet 110 Euro vollkommen auf. Mit Frau und Tochter lebt Hosein rund 50 Kilometer außerhalb von Teheran in einer Trabantensiedlung, die noch von der Regierung des scheidenden Präsidenten Ahmadinedschad gebaut wurde. Auch Hosein hat bei den vergangenen Wahlen den konservativen Ahmadinedschad gewählt, weil er ihnen Wohlstand versprochen hatte. Doch nun ist der Iran pleite, kann sein Öl nicht verkaufen und der Handel mit dem Ausland ist durch die Sanktionen fast zum Erliegen gekommen. - Wer sind nun die neuen Hoffnungsträger im Land? Die Konservativen stellen klar die meisten Bewerber für das Amt des neuen Präsidenten, der am Freitag nächster Woche gewählt wird. Ahmadinedschad darf nicht mehr antreten, auch sein ?Lieblingskandidat` wurde vom allmächtigen Wächterrat nicht zur Wahl zugelassen. Die oppositionelle „Grüne Bewegung" um Mussawi und Karubi gibt es nicht mehr. Die Führer stehen unter Hausarrest, viele weitere Köpfe sind im Gefängnis oder haben das Land verlassen. Welche Chancen haben die neuen "Reformer": Mohammed Aref und der moderate Hassan Ruhani? Unser Korrespondent zeigt das schwierige Leben einer dreiköpfigen Familie im Iran in Zeiten von Sanktionen und Isolierung gegenüber dem Rest der Welt - und er geht der Frage nach, was ein neuer Präsident für das Land bedeuten könnte.

Autor: Martin Weiss, ARD-Studio Teheran

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