Warum verkleiden sich afghanische Mädchen als Jungen?

Ein Gespräch mit ARD-Korrespondent Gábor Halász

Fatima oder Musawir? Ein Junge oder ein Mädchen?
Fatima oder Musawir? Ein Junge oder ein Mädchen? | Bild: ARD / Gábor Halász

Für die als Jungen verkleideten Mädchen gibt es in der Landessprache ein eigenes Wort: "bacha posh". Wie erklären Sie es sich, dass es in Afghanistan keine reinen Einzelfälle sind, dass Mädchen als Jungen aufwachsen?

Jungen sind mehr wert in Afghanistan. Wenn eine Familie aber nur Töchter bekommt, steigt der Druck. Die Nachbarn schauen und die eigenen Verwandten fragen nach. Viele Familien verzweifeln. Deswegen behelfen sich viele mit einer Lüge. Eine Tochter bekommt Jungskleider, die Haare werden abgeschnitten. Niemand weiß, wie viele Mädchen in Afghanistan als Junge aufwachsen. Jeder kennt Fälle, sogar eine Politikerin zieht ihre Tochter so auf.

Für ein Mädchen hat es viele Vorteile, als Junge zu leben. Denn ein Junge darf wie ein normales Kind aufwachsen: Fußballspielen, Rad fahren. Einfach toben und wild sein. Mädchen dürfen das so gut wie nie. Natürlich lässt sich die Lüge nicht ewig durchhalten. In der Pubertät müssen diese Kinder mühsam lernen als Mädchen zu leben und verlieren ihre Freiheiten.

Fatima spielt mit einem Fußball.
Fußballspielen ist möglich, aber nur für Jungs. Nicht für Mädchen. | Bild: ARD / Gábor Halász

In Ihrem Film bekommt man den Eindruck, dass viele die Wahrheit hinter dem Geheimnis kennen, aber mitspielen. Warum ist das so?

Irgendwie wollen es alle nicht wahrhaben und flüchten vor der Realität. Der Druck ist so groß, die Verzweiflung ist so groß, dass ein falscher Sohn am Ende immer noch besser ist als gar keiner. Jeder kennt also die Wahrheit, aber sie wird einfach nicht angesprochen. Das passt ganz gut nach Afghanistan, einem Land mit vielen Tabus. Ein Land, wo sich das meiste hinter Mauern und geschlossenen Türen abspielt. Draußen lebt jede Familie mit ihrer Fassade. Und da gehören die "falschen" Söhne auch dazu.

Können Sie sagen, wer in der Regel die treibende Kraft hinter einer solchen Legendenbildung ist – die Kinder oder die Eltern?

Ich denke, die Eltern. Auch wenn sie das nicht zugeben. Meistens sagen sie, dass die Kinder das selbst entschieden hätten. Aber kann ein Kind im Alter von vier das entscheiden? Ich bezweifle das. Ich denke eher, dass auch hier die meisten Eltern nicht zugeben wollen, wie stark sie unter dem Druck leiden, einen Sohn zu bekommen.

Es muss ja gar nicht so sein, dass sie ihre Töchter nicht lieben. Aber da ist der Druck der Gesellschaft. In einem Land, wo die Männer bestimmen und die Frauen oft zu Hause sitzen müssen. Ich denke, die Eltern fragen dann vielleicht ihre Töchter: Möchtest du lieber ein Junge sein? Die Chance, dass sie ja sagen, ist groß. Denn das Leben als Junge bietet viele Freiheiten.

Fatima und ihre Schwestern sitzen auf dem Boden.
Fatima wächst als Junge verkleidet auf. Die Schwestern nennen sie ihren Bruder. | Bild: ARD / Gábor Halász

Kommen solche Fälle eher auf dem Land oder in der Stadt vor?

Es gibt darüber leider keine Zahlen. Wir haben unsere Fälle in Kabul gefunden. Ich habe auch von anderen Fällen in anderen Städten gehört. Aber ganz sicher wachsen auch auf dem Land Mädchen als Jungen auf. Auch sehr konservative Familien wählen diesen Weg.

Sie bereisen das Land nun schon seit mehreren Jahren. Wie hat sich die Lage von Mädchen und Frauen seither entwickelt?

Es ist erst wenige Wochen her, da wurde mitten in Kabul eine junge Frau gelyncht. Farkhunda hieß sie. Hunderte Männer prügelten sie zu Tode. Die Polizei schaute weg. Die Frau hatte vorher mit dem Mullah der benachbarten Moschee gestritten. Sie hatte Kritik geäußert. Er behauptete dann, sie habe Seiten aus dem Koran verbrannt und brachte so die Menge gegen sie auf. Da wird eine Frau mitten in Kabul zu Tode geprügelt und viele finden das gut.

Aber: Danach gingen auch tausende Afghanen auf die Straße. Nicht mehr alles wird schweigend hingenommen. Oder im März haben wir hier im Weltspiegel über Sahar berichtet, eine junge Journalistin aus Kabul. Sie will sich ihre Freiheit nicht nehmen lassen, protestiert gegen die alltägliche sexuelle Belästigung auf den Straßen. Sie studiert, verdient das Geld für ihre Familie. Ganz klar ein Zeichen, dass sich auch etwas in Afghanistan getan hat in den vergangenen Jahren.

Das ist sehr zerbrechlich und es kann auch jederzeit ins Gegenteil umschlagen. Zumal eine große Mehrheit der afghanischen Frauen ein Leben zu Hause verbringen muss. Ohne Schule, ohne Arbeit. Von den Männern tyrannisiert. Sahar sagte damals den Satz: "Es ist schwer, etwas zu ändern. Aber nicht unmöglich." Das sehe ich auch so.

 

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