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Syrien/Irak: Der Sklavenhandel des IS

PlayJesidin Lamiya in Nahaufnahme
Syrien/Irak: Der Sklavenhandel des IS  | Bild: NDR

Vor fünf Jahren überrennen Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates den Nordirak. Tausende Angehörige der religiösen Minderheit der Jesiden werden getötet, vor allem Männer. Viele jesidische Frauen werden vom IS als Sklavinnen verkauft.

Wir reisen in den Nordirak. Wir suchen nach einer Frau, die Schlimmstes erlebt haben muss: Ein Deutscher, der sich der Terrormiliz IS angeschlossen hatte, soll sie und ihre beiden kleinen Kinder als Sklavin gekauft und später weiterverkauft haben.

"Ich hab jetzt eine Sklavin gekauft"

Martin Lemke
Der deutsche Dschihadist Lemke sitzt seit Anfang 2019 in Syrien in Haft. | Bild: NDR

Von diesem Menschenhandel erfährt Maik Messing aus Sachsen-Anhalt von seiner Tochter. Leonora hatte sich 2015 dem IS in Syrien angeschlossen. Die beiden bleiben per Handy in Kontakt. In einer Sprachnachrichten erzählt Leonora von ihrem Mann und dem Kauf einer Sklavin: "Nihad ist gestern nach Hause gekommen, null Uhr noch was, und meinte auf einmal so: 'Ja, ich hab' jetzt eine Sklavin gekauft für 800 Dollar.' Ich dachte nur so: 800 Dollar. Das ist nichts! Also ich meine, wie kann man einen Menschen so verkaufen? Sie ist Jesidin, sie ist 30. Sie hat zwei Kinder. Sie ist richtig schmutzig und so."

Der Käufer ist Leonoras Ehemann: Martin Lemke, der sich in Syrien Nihad nennt. Der Deutsche arbeitet für den Geheimdienst des IS. Leonora ist seine Drittfrau, sie leben in Rakka. Als Martin Lemke die Jesidin und ihre beiden Kinder kauft, ist seine Frau Leonora erschüttert, sie schickt ihrem Vater Bilder und berichtet: "Ich bin so geschockt. Ich will irgendwie das Beste für sie machen. Keine Ahnung. Ich will, dass es ihr wenigstens ein paar Tage gut geht. Es tut mir so leid. Oh mein Gott."

Die Jesidin wird mit anderen Familien im August 2014 aus ihrer Heimat, dem Sindschar-Gebirge, im Irak vertrieben. Viele Männer werden getötet, Frauen und Kinder versklavt.

Nach der Rechtsauffassung des IS ist es legitim eine Sklavin zu halten, wie ein internes Scharia-Gutachten der Terrormiliz im Frage-Antwort-Format beweist.

Frage:Darf man eine Sklavin verkaufen?
Antwort: „Es ist erlaubt eine Sklavin zu kaufen, zu verkaufen oder zu verschenken.“

Frage: Darf man Sex mit einer Sklavin haben, die die Pubertät noch nicht erreicht hat?
Antwort: Man darf mit einer Sklavin Sex haben, die ihre Pubertät noch nicht erreicht hat, wenn sie dazu körperlich in der Lage ist.

Monatelang suchen wir die Jesidin im Nordirak. Wir hatten erfahren: Sie ist ihrer Familie zum Rückkauf angeboten worden. Schließlich ein Hinweis: Lamiya, so heißt sie, habe inzwischen Zuflucht in einem Flüchtlingslager gefunden. Sie und ihre beiden Kinder sind schwer traumatisiert. Das Sprechen fällt ihnen schwer. Niemand weiß, wie viele Männer sie buchstäblich besessen haben. Nach einiger Zeit zeigen wir ihr ein Bild von Leonoras Ehemann. "Hat er sie gekauft? Weiß sie noch, wie er hieß?". Sie antwortet: Abu Yasir. "Wie hat er sie behandelt?: okay.

Traumatisiert im Lager

Dann lassen wir Lamiya in Ruhe. Sie lebt hier im Zelt ihres Schwagers. Ihr eigener Mann gilt als vermisst.„Das Leben der Kinder ist schwer, überhaupt nicht gut. Zum Beispiel Ghaliya, das große Mädchen, früher, vor dem IS, hat sie gesprochen. Heute ist sie stumm. Wir mussten 24.000 Dollar bezahlen, um sie frei zu kaufen. Niemand hat uns geholfen. Wir mussten uns das Geld leihen, binnen drei Tagen. Wir haben das Geld geliehen und jetzt fordern die Menschen das Geld zurück.“ Lamiya ist zwar mit ihren Kindern in Sicherheit, allerdings in erbärmlichen Verhältnissen, ohne psychologische Betreuung. Mit dem, was sie erlitten hat, muss sie allein zurechtkommen.

Mutmaßliches Kriegsverbrechen: Ehefrau belastet Lemke schwer

Leonora Messing im Interview.
Leonora Messing belastet ihren Mann schwer. | Bild: NDR

Der deutsche Dschihadist Lemke und seine Frau Leonora Messing ergeben sich Anfang 2019 den Demokratischen Kräften Syriens. Beide sitzen seither in Haft. Im Interview geriert sich Lemke als eine Art Samariter des IS.

Reporter: "Warum haben Sie einen Menschen gekauft, mit zwei Kindern?" 

Lemke: "Die Sache ist, ihr ging es sehr schlecht. Sehr schlecht. Okay. Und im Islam es ist sehr großer Lohn, wenn du eine Sklavin gut behandelst, weil eine Sklavin hat Rechte. Und diese Frau war sehr krank. Aber wie gesagt, das was wir helfen konnten, haben wir ihr geholfen. Ich habe keine andere Absichten gehabt." 

"Sie wollten Geld verdienen mit ihr, oder? Günstig kaufen, bisschen aufpäppeln und dann teuer verkaufen?"

"Na, gucken Sie, wenn Sie mich provozieren möchten, nein, das stimmt nicht." "Das stimmt nicht?" "Nein, das stimmt nicht. Ich brauche dieses Geld nicht. Und wenn Sie vielleicht so von mir denken, aber es stimmt nicht."

Seine Frau Leonora Messing erinnert die Beweggründe für den Kauf ganz anders: „Nur um mit ihr Geld zu verdienen. Er hat gesagt: 'Päppelt sie auf, pflegt sie, lasst sie duschen, gebt den Kindern Essen – macht irgendwas mit ihr, was sie ein bisschen aufpäppelt und sie Wert kriegt."

Reporter: "Wie so ein Mastvieh?"

Leonora: "Ja!"

Mit dieser Aussage belastet sie ihren Mann schwer – ein mutmaßliches Kriegsverbrechen. Gegen beide ermittelt der Generalbundesanwalt. Auf Lemke wartet ein Haftbefehl.

Neues Leben in Kanada

Inzwischen leben Lamiya und ihre beiden Kinder nicht mehr im Irak sondern in Kanada. Es geht ihnen inzwischen etwas besser.

Autoren: Britta von der Heide, Volkmar Kabisch

Stand: 09.09.2019 16:52 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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