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Tschetschenien: "Putins Drache" – Der eiserne Griff von Ramsan Kadyrow

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Tschetschenien: Der eiserne Griff von Ramsan Kadyrow | Bild: NDR

Wo vor 16 Jahren die meistzerstörte Stadt der Welt lag ist heute eine Skyline. Der Bauherr von Grosny ist Tschetscheniens Republikchef Ramsan Kadyrov. Die Mittel: Milliarden aus Moskau. Die Kulisse: Ein Modell für Frieden und Harmonie - so preist es der Machthaber. Ein schöner Schein. Doch wer hinter die Fassaden des Friedens schauen will, ist unerwünscht.

Journalisten und Menschenrechtler krankehausreif geschlagen

Menschenrechtler Igor Kalyapin
Mit Mehl und Desinfektionsmittel beworfen: Menschenrechtler Igor Kalyapin | Bild: NDR

So endete kürzlich eine Reise von Journalisten und Menschenrechtlern in Tschetschenien. Männer zerren sie aus dem Bus, prügeln sie krankenhausreif. Ihre Kameras und Dokumente werden mit Benzin überschüttet. Einer nimmt den Originalton des Überfalls auf. Die Kollegen des russischen Menschenrechtlers Igor Kalyapin waren in diesem Bus. Er erinnert sich: "Ich war unter Schock. So etwas hatte ich nicht erwartet, aber vielleicht haben sich jetzt die Spielregeln geändert. Es genügt Kadyrow wohl nicht, dass absolute Willkür herrscht, dass seine Leute mit den Tschetschenen alles machen dürfen, und dass sie dafür nicht bestraft werden. Das reicht ihm nicht. Jetzt will er, dass niemand darüber redet."

Kurz vor dem Busbrand: Maskierte Männer dringen in das Büro der Menschenrechtsorganisation "Komitee gegen Folter" ein. Dann wird Igor Kalyapin in Grosny aus seinem Hotel verwiesen – und mit Mehl und Desinfektionsmittel beworfen. "Jetzt wird euch Journalisten in Tschetschenien niemand mehr etwas erzählen. Vor Kadyrow haben die Menschen viel mehr Angst als damals vor der russischen Armee, die dort mordete und plünderte", sagt Kalyapin.

"Ramsan und Punkt!"

Ramsan Kadyrow in Grozny
Ramsan Kadyrow ist Chef der Teilrepublik Tschetschenien. | Bild: NDR / Golineh Atai

Als einzigem Republikchef Russlands stehen Ramsan Kadyrow Zehntausende Spezialkräfte zur Verfügung. Er prahlt, sie schon längst in Syrien eingesetzt zu haben. Auch in der Ostukraine tauchen sie auf. "Wir erklären hiermit, dass wir die Infanterie von Wladimir Putin sind. Wenn wir den Befehl bekommen, beweisen wir es", sagt er.

Ramsan der Gefühlvolle: Auf Instagram zelebriert er sich und sein Leben oder sucht nach seiner Katze. Im russischen Internet ist er der populärste Politiker. Ramsan der Star. Seine Skyline ziert er mit Hollywood-Größen, lässt sie einfliegen, in Grosny schauspielern und musizieren. Die Empfänge sind wie bei einem König. Ramsan der Terroristen-Bezwinger: In Tschetschenien passieren weniger Anschläge als im Rest des Kaukasus. Die vermeintliche Stabilität hat ihren Preis. Russisches Recht gilt hier nicht mehr. "Ich bin der Herr! Ich führe! Und sonst gibt es niemanden außer mir! Ramsan und Punkt!", verkündet er.

Gerade erst hat Russlands Präsident Putin die Amtszeit des Tschetschenenführers verlängert. Kurz zuvor hat Ramsan auf Instagram ein Video gepostet: eine Zielscheibe auf einem russischen Kremlkritiker.

Drohungen und Folter

Der von Putin ernannte Menschenrechtsrat ist auf Dienstreise im Kaukasus. Alle Republikchefs empfangen die Menschenrechtler. Alle bis auf: Ramsan Kadyrow. Er hat Ratsmitglied Igor Kalyapin gedroht. In der Nachbarrepublik Inguschetien trifft Kalyapin dennoch einige Tschetschenen. Ihre Geschichten sind haarsträubend: "Allein in den letzten zwei Monaten erfuhr ich von zehn Fällen, in denen Menschen schwer gefoltert, entführt und in Quasi-Gefängnisse gebracht wurden. Nur dafür, dass sie irgendwie und irgendwo in sozialen Netzwerken, anonym oder mit Pseudonym, Kritik an Ramsan Kadyrow oder an seiner Clique geübt hatten", erzählt Kalyapin.

Eine Kulisse und dahinter die Angst

Mann vor seinem Haus.
Ramsan Kadyrow lässt keine Kritik von seinen "Untertanen" zu. | Bild: NDR

Das Dorf Kenchi in Süd-Tschetschenien. Bewohner Ramasan Djalaladinov hat eine Videobotschaft an Präsident Putin aufgenommen. Seine Kamera zeigt zerstörte Häuser, die nach dem Krieg und nach einem Hochwasser nie wieder aufgebaut wurden. Die Entschädigungen aus Moskau seien nie angekommen. Sondern in den Taschen der Beamten verschwunden.  

Kurz nachdem das Video im Internet ist, muss der Bittsteller aus Tschetschenien flüchten. Sein Haus wird angezündet. Zuvor hatten Bewaffnete seine Frau und die drei Töchter bedroht und geschlagen. Wenn ihr Mann sich nicht entschuldige, wenn er seine Lügen nicht zugebe, würden sie und ihre Kinder verschwinden, erzählt sie später Journalisten in Dagestan.

Ramsan Kadyrow besucht das Dorf. Plötzlich wenden sich alle Dorfbewohner ab von ihrem Nachbarn, mit dem sie zuvor solidarisch waren. Sechs Wochen später veröffentlicht Kadyrow ein Video mit folgendem Wortlaut: "Ich entschuldige mich bei Ramsan Kadyrov, das war ein Fehler von mir. Ich bitte alle, nicht meinen Fehler zu begehen", sagt Ramasan Djalaladinow. Wladimir Putin reagierte nie auf das Video aus Kenchi.

"In den Zeiten der Sowjetunion habe ich so etwas nie gesehen. Weder unter Breschnew noch unter Andropov hat es das gegeben, was es jetzt in Tschetschenien gibt", sagt Menschenrechtler Kalyapin. Tschetschenien: Eine Kulisse und dahinter die Angst. Vor dem Nachbarn, vor dem Staat, vor dem eigenen Wort.

Autorin: Golineh Atai, ARD-Studio Moskau

Stand: 05.06.2016 20:15 Uhr

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