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Ukraine: Kämpferinnen an der Front

PlayEine Soldatin mit Tarnausrüstung.
Ukraine: Kämpferinnen an der Front | Bild: NDR

Die Nerven sind kühl, die Hand ruhig. Katerina hat das Ziel klar vor Augen. Die 33-Jährige hat mit Kriegsbeginn ihren Sohn an einen sicheren Ort gebracht und sich dann freiwillig dem Militär angeschlossen. "Jemand fragte mich, hast du Angst? Ich sagte: Nein. Erschreckend ist, wenn mein Kind keine Zukunft hat."

Als junges Mädchen hat Katerina in einem olympischen Leistungszentrum trainiert. In den Wettkämpfen habe sie gelernt, was sie heute brauche. Vor einem Rennen war sie nervös, da steckte ihr ihr Trainer einen Zettel zu, den sie später lesen sollte: "Ich habe den Lauf gewonnen, den Zettel rausgeholt. Da stand: Wenn nicht du, wer dann? Wenn nicht heute, wann dann? Und nun ist der Spruch zu meinem Lebensmotto geworden, in jedem Lebensbereich."

Als Frau hätte sie fliehen können, aber sie habe eben diesen starken Charakter. Niemand sei überrascht gewesen, dass sie lieber für die Freiheit kämpfe. Und sie schießt extrem Zielsicher. "Die einen sagen: 'Frauen im Krieg?' Aber meine Kameraden sagen: 'Katarina ist eine Frau, die länger leben wird als alle zusammen und die noch das Bataillon anführen wird.'"

"Niemand ist wirklich auf das Töten vorbereitet"

Eine Soldatin mit Tarnausrüstung.
Widma ist Scharfschützin. | Bild: NDR

Katerina ist nicht die einzige, die sich jetzt freiwillig der Armee anschließt. Wir treffen eine Scharfschützin. Ihr Codename ist: Widma – die Hexe. Den haben ihr die Kameraden gegeben und sie findet, das passt: "Solche Namen sind kein Zufall. Sie müssen gespürt haben wie ich bin. Haben nicht alle Frauen mysteriöse Kräfte?" Früher trainierte Widma Sportschützen. Als die russische Invasion beginnt, ist ihr klar: Ich habe ein besonderes Können, es wird gebraucht, also setze ich es ein. Der Krieg zwinge einen Wege zu gehen, die man niemals erahnt hätte: "Ich habe da so ein paar spezielle Charaktereigenschaften, die mich dazu bringen Dinge zu tun, die andere Frauen nicht machen. Meine Großmutter hat im Zweiten Weltkrieg als Partisanin gekämpft, vielleicht habe ich das von ihr."

Ihr militärisches Training ist jetzt abgeschlossen, der erste Einsatz steht unmittelbar bevor. Ungewissheit? Ja. Aber Aufregung? Nein. Ein kühler Kopf sei ihre Stärke. Die Hexe wird Schritt für Schritt unsichtbar. Sie ist die einzige Frau in ihrer Einheit. Aber hier gehe es nicht um Mann und Frau. Hier gehe es um Zusammenhalt, ein gemeinsames Ziel. Jeder bringe ein, was er oder sie könne. Kann sie töten? "Niemand ist wirklich darauf vorbereitet einen anderen Menschen zu töten. Aber ich habe keine Angst. Ich konzentriere mich darauf, die Aufgabe zu erfüllen, die mir gegeben wurde."

An einem anderen Ort mahnt Anna ihre Kameraden, die wichtigsten Handgriffe nicht zu vergessen, wenn es zu schweren Verletzungen kommt. Sie sei vielleicht zwei Köpfe kleiner als die anderen, dafür ist ihr Können groß. Die 22-Jährige hat sich als Ärztin im Militär verpflichtet. Anfangs waren die Eltern dagegen. Sie wollten mit ihr ins Ausland gehen. Anna wollte bleiben: "Ich liebe meine Heimat und ich will sie verteidigen, auch wenn es erschreckend ist und gefährlich. Jemand muss sich dem stellen. Wenn jeder nur Angst hat, führt das zu nichts."

"Wir müssen uns verteidigen, auch töten"

Eine Soldatin vor Trümmern im Interview.
Anna hat sich als Ärztin im Militär verpflichtet.  | Bild: NDR

Zu Anfang des Krieges sind die Russen in ihrer Stadt, im Südosten der Ukraine. Sie treffen auf heftigen Widerstand, der sie zum Rückzug zwingt. Jetzt kommen die Angriffe aus der Fern. Als die Raketen hier einschlagen und Menschen sterben, ist Anna in unmittelbarer Nähe. "Es waren vier Explosionen, du liegst am Boden und denkst: Bitte nicht, bitte nicht. Dann, wenn du glaubst es ist vorbei, rennst du los und schaust: wer lebt noch, wer ist verletzt", erinnert sich die Ärztin.

Wut ist ein Gefühl, von dem sich Anna nicht beherrschen lassen will, aber sie ist da. Hier wurde gerade ein Lazarett aufgebaut, als die Raketen einschlugen. Es gäbe offensichtlich keine Grenzen für die Invasoren. Dass sie als Ärztin getötet werde: gut möglich. Wenn nötig werde sie sich verteidigen, auch wenn sie dafür töten müsse. "Es ist nicht so, als würde ich eine Waffe nehmen und rumschießen, wie es die russischen Soldaten tun. Wir sind in unserer Heimat, wir müssen uns verteidigen, auch töten, um unser Leben zu retten."

Manchmal schlage dir das Schicksal mit aller Wucht ins Gesicht, sagt Katerina. Für ihren Sohn will sie ein Vorbild sein. Für eine Zukunft in Freiheit müsse man manchmal kämpfen.

Autorin: Xenia Böttcher

Stand: 21.08.2022 19:44 Uhr

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