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Brasilien: Klimaneutrales Fleisch und der "Agrar-Wald"

PlayUte Brucker bei den Dreharbeiten
Brasilien: Klimaneutrales Fleisch und der "Agrar-Wald" | Bild: BR

Wie kann man eine immer weiter wachsende Weltbevölkerung ernähren, ohne gleichzeitig unseren schönen Planeten zu zerstören? In Brasilien ist das der große Konflikt zwischen Landwirtschaft und Umweltschützern. Und meistens, muss man sagen, gewinnt die Agrarlobby. So wurden gerade für die Rinderhaltung im Amazonasgebiet schon riesige Flächen Regenwald abgeholzt. Und auch hier im Bundesstaat Minas Gerais bei Prata ist nicht mehr viel Wildnis übriggeblieben. Aber wir sind heute bei einem Landwirt, der sich etwas Neues ausgedacht hat, damit nicht nur seinen Rindviechern, sondern auch der Natur drumherum gut geht.

Ökologisch und klimaneutral

Rinderzucht möglichst ökologisch und klimaneutral – das ist das Ziel von Bruno Junqueira. Damit das klappt, bekommen seine Kälber nur zweimal die Woche eine Ration Salz und etwas Proteine.
Bruno Junqueira de Andrade: „Brasilien hat viel Weideland; das wollen wir ausnutzen. Nicht die Tiere in einen Stall pferchen, keine Antibiotika und nicht viel zufüttern. Unsere Tiere fressen hauptsächlich Gras.“

Doch damit fressen sie viel Fläche: Brunos Vater brauchte sage und schreibe einen Hektar Weideland pro Kuh. Der Sohn arbeitet mit Weidewechsel und pflanzte eine Grassorte, die kräftiger und hitzebeständiger ist. So ernährt er von einem Hektar immerhin vier bis fünf Rinder: „Ihr seht ja, hier ist das Gras schon ziemlich abgefressen, das muss nachwachsen und deshalb kommt die Herde nächste Woche auf die Fläche da drüben, da ist das Gras schon wieder hoch.“

Kohlendioxid kompensieren

„Anpflanzen statt abholzen“, Brunos zweite Devise. Zwischen den Weideflächen forstet er mit flach wurzelndem Eukalyptus auf, denn Rinder sind Klimakiller, weil sie während der Verdauung große Mengen Methan ausstossen. Wer Treibhausgase produziert, muss über Bäume das entstandene CO2 auch wieder binden zum Ausgleich.
„Aber was ist Deine Motivation, Bruno? Bist Du ein Grüner?“ „Nein, ganz im Gegenteil. Meine Familie ist ganz konservativ und sie wollten eigentlich noch mehr Wald abholzen. Aber ich kam mit einer neuen Mentalität. Ich sehe, dass die Welt sich verändert und man jetzt an Klimaschutz und Nachhaltigkeit denken muss.“

1500 Rinder – schöne und auch ein bisschen wilde Tiere. Heute entscheidet Bruno, welche schon schlachtreif sind. Die Kreuzung aus Melori und Angus-Rind bringt hochwertiges Fleisch. Die Umgebung spielt auch eine Rolle: 45 Prozent von Brunos Farmgebiet sind pure Wildnis; den natürlichen Wald hat er hier stehen gelassen. Das war Bedingung für die Öko-Siegel, mit denen Bruno sein Fleisch auszeichnen und mit dem Label Gran Beef bis nach Europa verkaufen darf. Abends beim Grillen zeigt er stolz die Aufkleber: Rainforest-Alliance wegen des Waldes und das Siegel für CO2-neutrale Produktion.

Problem Fleisch

Brasilianer lieben Fleisch, aber genau darin sehen Umweltschützer am Ende doch das Problem, auch wenn die Herstellung fortschrittlich ist. Maureen Santos vom Heinrich-Böll-Institut in Rio de Janeiro: „Müssen wir wirklich so viel Fleisch essen? Müssen wir jeden Tag Fleisch essen? Oder sollen wir nicht lieber überdenken, welche Nahrungsmittel wir eigentlich zu uns nehmen und welchen Preis die Natur dafür zahlt?“ Positivbeispiele wie das von Bruno seien ein Tropfen auf den heissen Stein, sagt die Wissenschaftlerin und erklärt, dass für Rinderhaltung, Soja und Zuckerrohr in Brasilien alleine im vergangenen Jahr fast 8000 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt wurden, 13 Prozent mehr als im Vorjahr.

Landwirtschaft im Wald

Hier machen sie’s genau andersherum: 20 Familien bilden eine Genossenschaft bei Antonina im Süden des Landes. Jonas Souza ist einer der Kleinbauern. Was aussieht wie Regenwald, ist von ihm angepflanzt worden. „Agrar-Wald“ nennen sie diese Methode. Jonas schlägt eine Pupunapalme, frisches Palmherz, schmeckt ein bisschen wie roher Spargel. Direkt daneben eine Bananenstaude. Jounas Souza, Koordinator der Kleinbauernkommune José Lutzemberg: „Die Banane wächst direkt neben der Palme, wenn ich die Palme jung schlage, ernte ich Palmherz. Wenn sie höher wächst, trägt sie Datteln. Und sie verträgt sich gut mit dem Kaffeestrauch daneben. Die Pflanzen wachsen quasi auf mehreren Stockwerken.“

Landwirtschaft, die den Regenwald drumherum nachahmt: eine Pflanze gedeiht im Schatten der nächsthöheren. Jonas Souza: „Dadurch wird jede einzelne Pflanze produktiver. Ich bekomme viel mehr Früchte als bei einer Monokultur-Plantage. Allein der Ast dieser Bananenstaude hier trägt 20 Kilo.“

Selbstversorgung und lokale Produktion

Das Fussbad tut bei der schwülen Hitze wirklich gut – Autos haben sie sowieso nur ganz wenige in der Kommune. Es ist ein Vorzeigeprojekt der brasilianischen Landlosenbewegung. Der frühere Besitzer hatte abgeholzt und eine Büffelfarm betrieben. Im Büro hängt noch ein Foto von damals. Die Kleinbauern haben den kahlen Boden mit ihrer Methode wieder aufgeforstet. Dazwischen blieben kleine Ackerflächen, wie sie Celia bewirtschaftet: Weisskohl mitten im atlantischen Regenwald. Die Mutter von vier Kindern kam aus der Stadt hierher und lebt hauptsächlich als Selbstversorgerin. Kleinbäuerin Celia Rosa: „Klar könnte ich meine Süsskartoffeln auf dem Markt verkaufen, um damit Brot zu kaufen. Aber brauche ich das wirklich? Maniok und Süsskartoffeln sind so reichhaltig, ich kann sie fürs Frühstück, Mittagessen und Abendessen zubereiten. Ich brauche kein Brot.“

Einen Teil der Produktion verkauft die Kommune trotzdem ins nahegelegene Antonina per Biokiste an Privathaushalte aber auch an die örtliche Schule fürs Mittagessen. Ist die Weltbevölkerung nur mit industrieller Lebensmittelproduktion satt zu kriegen? Der Schulrektor findet, es geht auch anders. Everson Caio Souza: „Wir kaufen lieber bei den Bauern aus der Gegend: die produzieren sauber und ohne Chemie. Und es ist wichtig, dass die Schüler schon so erzogen werden, sie sind schließlich die Generation der Zukunft.“

Bananen, Maniok oder Blattkohl, die Natur deckt den Tisch reichlich, wenn man sie respektiert.
„Kauft nachhaltig hergestellte Lebensmittel und möglichst lokale Produkte!“ Das geben uns die Leute hier auch mit nach Deutschland auf den Weg. Damit endet unsere Reise über vier Kontinente zum Thema Welternährung. Wir verabschieden uns aus Südbrasilien, tschüss aus Antonina!

Autorin: Ute Brucker, SWR

Stand: 16.12.2018 22:32 Uhr

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