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Ausbildungsplatz gesucht

Wie die Corona-Krise den Fachkräftemangel verstärkt

PlayProduktionshalle ohne Menschen
Ausbildungsplatz gesucht - Wie die Corona-Krise den Fachkräftemangel verstärkt | Video verfügbar bis 02.12.2021 | Bild: SWR

• Durch die Corona-Krise können manche Unternehmen nicht mehr ausbilden und stellen keine neuen Auszubildenden ein.
• Manche Branchen können ihren Auszubildenden die notwendigen Lehrinhalte nicht mehr vermitteln, da nicht gearbeitet werden kann.
• Experten befürchten neben dem drohenden Fachkräftemangel in einigen Jahren auch eine Generation mit vielen ungelernten Arbeitskräften ohne Zukunftsperspektive.

Eigentlich dachte er, seinen Ausbildungsplatz schon sicher zu haben. Ein großer Erfolg für den erst seit knapp fünf Jahren in Deutschland lebenden Mark Rabee A. Doch dann kam Corona.

In seiner Heimat Syrien hat der 30-Jährige als Stuckateur gearbeitet, doch seine Ausbildung wird in Deutschland nicht anerkannt. Schließlich findet er aber einen Betrieb, der ihm eine Chance gibt. Er erzählt uns, dass er ein Arbeitsmensch sei, nicht zu Hause sitzen und schlafen will, sondern gern arbeitet.

Keine neuen Auszubildenden

Ein junger Mann schaut auf ein Unternehmensgebäude
Den erhofften Ausbildungsplatz gab es wegen Corona nicht | Bild: SWR

Nun will er als Konstruktionsmechaniker arbeiten. Bei der Firma LTG in Weil der Stadt macht er ein Jahr lang eine Qualifizierung mit Deutschkurs. Am Ende seines Praktikums sollte dann ein Ausbildungsplatz stehen. Doch wegen der Corona-Krise entscheidet das Unternehmen, in diesem Jahr erstmalig keine neuen Azubis einzustellen.

Nach dem Qualifizierungsjahr bei LTG steht Mark A. plötzlich mit nichts da, ein Schock für ihn.

Im Werk geht die Ausbildung der Azubis in höheren Lehrjahren weiter, trotz Kurzarbeit und trotz geteilter Schichten wegen des Infektionsschutzes, denn das Unternehmen geht davon aus, dass nach der Krise das Geschäft wieder anläuft.

Oliver Fett, Werksleiter bei LTG Air Tech Systems, erläutert: "Wir brauchen gut ausgebildete Fachkräfte, nach der Corona-Krise gibt es viel mehr Chancen als Risiken für uns und auf diese Fachkräfte sind wir auch angewiesen. Die haben während ihrer Ausbildung, wenn sie jetzt schon drei Jahre oder im vierten Jahr im Werk sind unheimlich viel kennengelernt und die sind praktisch sofort nach der Ausbildung einsetzbar."

Die Betreuung von Azubis im ersten Lehrjahr dagegen ist deutlich zeitintensiver. Das kann sich das Unternehmen in der jetzigen Situation nicht leisten. Die Firma stellt Lüftungsanlagen her, sowohl für die Industrie als auch für Gebäude. Insbesondere international ist die Nachfrage im Corona-Jahr eingebrochen.  An diese veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen musste sich der Betrieb anpassen, wie Oliver Fett berichtet: "Wir sind ein Mittelständler, wir sind flexibel und wir können eher auf Sicht fahren. Wir kennen keine andere Situation, wir können auch keine langjährigen Pläne aufstellen, sondern das geschieht bei uns eben sehr kurzfristig. Das betrifft auch die Belegschaft, das betrifft natürlich auch Fachkräfte."

Eine Prognose, wann es wieder bergauf gehen könnte, ist schwierig. Zwar hat das Unternehmen nun neue Produkte zur Luftreinigung beispielsweise an Schulen entwickelt, doch wie hoch die Nachfrage sein wird, ist noch offen. Auch deshalb hat Vorstandsvorsitzender Wolf Hartmann beschlossen, in diesem Jahr nicht neu auszubilden und erklärt: "Das hat schon wirtschaftliche Gründe, weil wir im Prinzip immer versuchen, schon die Lehrlinge, die wir für gut erachten, zu übernehmen. Und in der jetzigen Situation, wo wir versuchen, Stellen nicht zu streichen oder abzubauen, ist es dann auch schwierig, neue Stellen durch die Übernahme von Lehrlingen jetzt zu schaffen."

Ohne Ausbildung fehlen bald Fachkräfte

Das Unternehmen LTG ist längst nicht das einzige, das mit einem Ausbildungsstopp auf die Corona-Krise reagiert. Rund 7,5 Prozent weniger Ausbildungsstellen wurden in diesem Jahr bislang von Betrieben gemeldet. Eine Trendwende, denn die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen war in den vergangenen Jahren endlich leicht angestiegen, bedingt durch Corona nun der Einbruch.

Grafik: Rückgang gemeldeter Ausbildungstellen
Die gemeldeten Ausbildungsstellen sind deutlich zurückgegangen | Bild: SWR

Für die Experten im Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn ist das eine Entwicklung in die falsche Richtung, wie dessen Präsident Prof. Hubert Esser erläutert: "Zunächst einmal ist es so, dass die Auszubildenden, die wir dieses Jahr und in den nächsten Jahren nicht qualifizieren, die fehlenden Fachkräfte in drei, vier Jahren sind. Und was ich mit Sorge sehe ist, dass genau dann, wenn die Konjunktur wieder durchstartet, wenn die Betriebe wieder volle Umsätze machen können, dass genau dann auch die Auszubildenden respektive die qualifizierten Fachkräfte fehlen."

Manche Branchen können nicht mehr ausbilden

Leeres, großes Restaurant
Gaststätten und Veranstaltungsräume bleiben derzeit leer | Bild: SWR

Schon in den vergangenen Jahren stark vom Fachkräftemangel betroffen: die Gastronomie. Und nun auch noch von Corona gebeutelt. Der Nockherberg in München, die größte Gaststätte der Stadt, steht leer, sowohl der Restaurantbereich als auch die Veranstaltungshallen, sonst Spielstätte des Starkbieranstichs und des Politiker-"Derblecken". Jetzt stehen hier jede Menge alter Bierkrüge. Inventur, um sich in der Krise irgendwie zu beschäftigen.

Christian Schottenhamel, Geschäftsführer vom Paulaner am Nockherberg berichtet: "Das hat im März eigentlich angefangen mit dem ersten Lockdown, das waren schon mal zwei Monate, jetzt nochmal zwei Monate, das heißt: ein Drittel des Jahres hat man schon mal nichts zu tun und vermisst seine Mitarbeiter, vermisst die Menschen, vermisst die Kommunikation."

Eine richtige Ausbildung kann unter Corona-Bedingungen kaum stattfinden. Der Betrieb musste nun sogar zwei seiner elf Azubis entlassen, einen von ihnen aus der Küche. Christian Schottenhamel erläutert: "Ich kann ihnen nicht mehr diese Ausbildung gewährleisten, so wie ich es gerne tun würde. Das Problem ist, dass die in Bereichen arbeiten, wo im Moment überhaupt kein Bedarf ist, wo es im Moment überhaupt keinen Sinn macht, weiter auszubilden."

Der Veranstaltungskalender zeigt das ganze Ausmaß der Krise. Viele vorgeschriebene Inhalte aus dem Ausbildungsplan kann das Unternehmen so nicht mehr vermitteln. Doch Auszubildenden zu kündigen, ist auch ein enormes Risiko, wie Christian Schottenhamel erklärt: "Ehrlich gesagt hab ich Angst, Angst vor der Zukunft, Angst davor, dass wir irgendwann mal dastehen, diese Zeit nach Corona. Wir brauchen die Mitarbeiter wieder und vor allem brauchen wir auch unsere Jugend, die nachkommt und denen ihr Beruf Spaß macht, wenn die nicht da sind, dann geht das Gastgewerbe wirklich den Bach runter, dann haben wir echte Probleme!"

Eine Zwickmühle, in der nicht nur die Gastronomie steckt, sondern auch andere Branchen. Die Bundesagentur für Arbeit hat für "Plusminus" die angebotenen Ausbildungsstellen der Berufe mit dem höchsten Fachkräftemangel zusammengestellt. Danach wurden in diesen Branchen 2020 bisher im Schnitt fast zehn Prozent weniger Ausbildungsstellen gemeldet.

Grafik: Rückgang der Ausbildungstellen bei Fachkräftemangel
In Berufen mit Fachkräftemangel sind Ausbildungsstellen um 10% zurückgegangen | Bild: SWR

Droht eine "verlorene" Generation?

Diesen Rückgang werde man so schnell nicht aufholen können, prognostiziert Bildungsforscher Dr. Dieter Dohmen, Direktor am Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie. Er hat in den Jahren nach der letzten großen Wirtschaftskrise, der Finanzkrise 2008, eine Studie zur Entwicklung des Ausbildungsmarktes erstellt und erläutert: "… die Studie hat gezeigt, dass das Ausbildungsgeschehen sich nachhaltig verändert hat, dass mittlerweile deutlich weniger Ausbildungsplätze angeboten werden als vorher, obwohl die Wirtschaft gewachsen ist, obwohl wir viel mehr Beschäftigung haben [...] Und wir gehen davon aus, dass es auch dieses Mal wieder so sein wird, dass also wesentlich weniger Ausbildungsplätze auch in zehn Jahren oder in den kommenden zehn Jahren zur Verfügung stehen werden und das vielmehr in den Hochschulbereich verlagert wird. Es ist eine nachhaltige Veränderung, nicht ein kurzfristiger Einbruch."

Dabei wollte die Bundesregierung einen so starken Rückgang von Ausbildungsstellen durch Corona eigentlich verhindern. Das Arbeitsministerium versprach bereits im Mai Unternehmen Prämien: Zwischen 2.000 und 3.000 Euro pro Ausbildungsplatz, der erhalten oder neu aufgebaut wird. Doch nach aktuellen Zahlen erwies sich das Programm als Rohrkrepierer.

Eine Folge des Einbruchs, so befürchtet der Berufsbildungsforscher Dr. Marcus Eckelt von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, könnte eine "verlorene" Corona-Generation sein. Vor allem Jugendliche mit niedrigem Bildungsniveau blieben jetzt auf der Strecke: "Wir haben zwei, drei Jahrgänge, denen der Einstieg in die Ausbildung, die vollqualifizierende Ausbildung, eigentlich verwehrt bleibt, die mittelfristig dann zu dem Teil der Bevölkerung gehören, die keinen Abschluss haben, keinen beruflichen Abschluss haben und als Ungelernte arbeiten müssen. Das heißt erhöhtes Arbeitslosigkeitsrisiko, das heißt niedriges Einkommen, das heißt eigentlich auch niedrige Lebensqualität."

Pflegebranche kann profitieren

Auch Mark A. drohte unter die Corona-Räder zu kommen, als er seinen versprochenen Ausbildungsplatz verlor. Doch zum Glück fand er kurzfristig eine neue Ausbildungsstelle, in einem Seniorenheim des Deutschen Roten Kreuzes. Er wird nun Altenpfleger und meint: "Man muss immer verschiedene Ziele im Auge haben, wenn ein Ziel nicht funktioniert, dann ein anderes Ziel. Anderes Ziel funktioniert auch nicht? Dann ein drittes Ziel. Ich habe etwas gelernt: Niemals aufgeben, immer weiter, weiter, weiter."

In der Pflege profitiert man nun davon, dass anderswo nicht ausgebildet wird. Der Fachkräftemangel in anderen Branchen aber verstärkt sich weiter.

Ein Beitrag von Janika Müller
Online-Bearbeitung: Björn Glöckner
Der Beitrag wurde produziert vom Südwestrundfunk (SWR) für "Das Erste".

Stand: 03.12.2020 12:39 Uhr

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