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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik

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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik | Video verfügbar bis 20.11.2027 | Bild: DasErste.de

Und wie immer: Denis Schecks pointierte Revue der "Spiegel"-Bestsellerliste, diesmal: Belletristik.

Platz 10) Marianna Leky: "Kummer aller Art"

Wie schwer es ist, aus seinem Hirnkasten zu springen, sich von seinen Ängsten, Neurosen, inneren Verwachsungen zu befreien, davon erzählt die einer Psychiater-Dynastie entstammende Marianna Leky in dieser Kolumnensammlung ebenso lebensklug wie kurzweilig.

Platz 9) Ingrid Noll: "Tea Time"

Das Personal von Ingrid Nolls neuem Krimi könnte Marianna Lekys Kolumnen entsprungen sein: Alle diese sich zum Tee treffenden Freundinnen haben nämlich höflich gesagt einen Spleen oder deutlicher gesprochen einen Knall. Die eine spioniert wildfremden Menschen hinterher, die andere hält das Leben von Unkraut auf "Arm-Kräutlein"-Fotos fest, die nächste hat stets einen Teppichkamm parat, mit denen sie Teppichfransen anderer Leute geradezieht. Angesichts so viel Skurrilität fällt so ein kleiner Mord gar nicht weiter auf. Amüsant.

Platz 8) Ferdinand von Schirach: "Nachmittage"

Seit William Somerset Maugham wurde seltener weltläufiger in der Literatur geplaudert. Von Schirachs Geschichten, etwa über eine Starpianistin in Paris, die vor zehn Jahren aus dem Konzertbetrieb ausgestiegen ist, weil sie keine Lust mehr hatte, den Hofnarren zu spielen, strahlen alle gleichermaßen Wehmut und Melancholie aus. Ein Sound wie ein gutes trauriges Chanson.

Platz 7) Kim de l’Horizon: "Blutbuch"

Kim de l’Horizon ist mit dem diesjährigen deutschen Buchpreises ausgezeichnet worden. Der sehr vielschichtige, auch formal mutige Roman erzählt von der Suche eines jungen Menschen, der sich nicht ins Mann-Frau-Raster einordnen möchte. Dieser Roman, in dem sehr viel Spracharbeit steckt, ist nicht halb so zeitgeistkonform, wie er auf den ersten Blick scheinen mag. Wütend, einsichtsreich, berührend – einfach ein gutes Buch. 

Platz 6) Charlotte Link: "Einsame Nacht"

In ihrem neuen Roman lässt Charlotte Link einen Jugendlichen nach einer grausamen Folter in ein lebenslanges Wachkoma fallen. Mir erging’s beim Lesen dieser sterilen Krimikonfektionsware genauso.

Platz 5) Bonnie Garmus: "Eine Frage der Chemie" (Deutsch von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel)

Warum macht mir dieser feministische Unterhaltungsroman über eine Chemikerin, die von ihren Macho-Kollegen sexuell belästigt und ausgebootet wird, bis sie als Fernsehköchin Karriere macht, so gute Laune? Weil er pfiffig erzählt ist und etwas von dem gesamtgesellschaftlichen Fortschritt erahnen lässt, der in den letzten 50 Jahren erzielt wurde.

Platz 4) Volker Kutscher: "Transatlantik"

Wie Alexandre Dumas in "Der Graf von Monte Christo" gelingt es Volker Kutscher, uns die Grausamkeit der Macht und die Mechanismen ihrer perfiden Infamie spüren zu lassen. Und weil Kutscher in "Transatlantik" neben dem Nazi-Berlin auch noch das New York Mitte der 30er Jahre als Handlungsort atmosphäredicht etabliert, deshalb ist dieser neunte Roman um den in Deutschland für tot gehaltenen Gereon Rath und Charly Ritter, um Heroin, den Kampf ums Leben eines 16-Jährigen und den Absturz der "Hindenburg" ein spannender, gut konstruierter und gelungener historischer Thriller.

Platz 3) Colleen Hoover: "It starts with us – nur noch einmal und für immer" (Deutsch von Katarina Ganslandt und Anja Galić)

Häusliche Gewalt ist ein ernstes Thema, und die texanische Autorin tut in dieser Dreiecksgeschichte ihr Möglichstes, diesem Thema gerecht zu werden. Nur ist das Möglichste von Colleen Hoover nicht eben viel. Wenn Sie einen bewegenden Liebesroman lesen wollen, eine wirklich herzzerreißende Geschichte von großen und gebrochenen Menschen, die sich lieben und dennoch verfehlen, dann vergessen Sie diese geistlose amerikanische Plastikprosa und lesen Sie lieber den gerade unter dem Titel "Wir haben es nicht gut gemacht" erschienenen Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch!

Platz 2) Dörte Hansen: "Zur See"

Wie in ihren ersten beiden Romanen geht die Idyllenzerstörerin Dörte Hansen in "Zur See" an einen Ort, den viele für das Paradies halten, und portraitiert ihn als Hölle. Das macht sie im Fall der im Roman ungenannt bleibenden Nordseeinsel in "Zur See" ebenso gewitzt wie anrührend. Ein großer Wurf!

Platz 1) Sebastian Fitzek: Mimik

Dasselbe, einen großen Wurf, möchte ich auch der dumpfen Geil-auf-Gewalt-Prosa Sebastian Fitzek angedeihen lassen, der sich diesmal eine Expertin für Körpersprache und Mimik als Hauptfigur für sein Prosadesaster ausgedacht hat und Vierjährige mit dem Taschenmesser ihre Amok laufenden Erzieher abstechen lässt. Mein Urteil über dieses Machwerk dürfte sich an meinem Gesicht auch für Laien leicht ablesen lassen.

Stand: 21.11.2022 10:48 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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