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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik

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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik | Video verfügbar bis 13.12.2025 | Bild: DasErste.de

Platz 10: Ferdinand von Schirach – "Gott"

"Wem gehört unser Leben?" fragt Ferdinand von Schirach. Ein wichtiges Thema, keine Frage. Und von Schirach gibt sich auch durchaus alle Mühe, das in gebotener Komplexität darzustellen. Aber mit Verlaub: das liest sich wie ein Dossier, nicht wie Gegenwartsdramatik auf der Höhe heutiger literarischer Möglichkeiten. Das ist nicht Dürrenmatt, David Mamet oder Yasmina Reza, das ist Schulfunk!

Platz 9: Volker Klüpfel und Michael Kobr – "Funkenmord"

Der elfte Fall um den Allgäuer Kommissar lässt Kluftinger so nervenzerfetzend spannende Dinge erleben wie beim Bahnfahren den Unterschied zwischen Kassel-Wilhelmshöhe und Kassel Hauptbahnhof herausfinden: fade Serienkost, einfach unerheblich.

Platz 8: Volker Kutscher – "Olympia"

Wie eigenständig, packend und – bitte um Entschuldigung für das schmutzige Wort – liebevoll ein Serienkrimi erzählt werden kann, beweist hingegen Volker Kutscher mit seinem achten Buch um Gereon Rath. 1936 während der Sommerolympiade frisst das massenmörderisches Nazi-Regime Kreide, um sich vor der Weltöffentlichkeit als guter Gastgeber zu präsentieren. Einige Morde im olympischen Dorf drohen die mühsam errichtete Fassade zum Einsturz zu bringen …

Platz 7: Delia Owens – "Der Gesang der Flusskrebse"

Dieser Roman um ein halb verwildertes Mädchen in North Carolina ist zwar als Krimi keine Offenbarung, aber seine dichten Naturschilderungen versöhnen damit und haben es zum Lieblingsbuch des deutschen Buchhandels gemacht. "Vielschichtiges Leben – wuselige Strandkrabben, schlammstakende Sumpfkrebse, Wasservögel, Fische, Garnelen, Austern, fette Hirsche und dicke Gänse – tummelte sich an Land oder im Wasser." Und dieses vielschichtige Leben tummelt sich auch in Owens Roman.

Platz 6: Jonas Jonasson – "Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte"

Rache ist süß: seit Dumas' "Der Graf von Monte Christo" ist dies ein bewährtes Erfolgsrezept in der Literatur. Jonas Jonasson erzählt von einem schwarzen Schweden in Kenia, einem Massai in Schweden und variiert das Rachethema in einer politisch überaus unkorrekten Achterbahnfahrt kurzweilig und amüsant.

Platz 5: Elke Heidenreich – "Männer in Kamelhaarmänteln"

In diesem Buch wäscht die 77-jährige Heidenreich zur Abwechslung mal keine schmutzige Wäsche, sondern erzählt autobiographische Geschichten rund um Kleidungsstücke, die in ihrem Leben eine Rolle gespielt haben. Sehr chic, steht ihr prima!

Platz 4: Ken Follett – "Kingsbridge"

Zu sagen, dass Sexszenen nicht die Stärke Ken Folletts in seinen Mittelalterschmökern sind, wäre eine Untertreibung: "Er küsste sie lasziv, steckte ihr die Zunge in den Mund, und eifrig erwiderte sie den Kuss. … Mit Entzücken und Verlangen betrachtete er ihren Körper. Er sah aus wie ein durstiger Wanderer, der einen Bergbach gefunden hat. Er stürzte sich auf sie, ohne Lederwams und Stoffhose auszuziehen. Es war schnell vorüber. Er rollte sich von ihr und war binnen Sekunden eingeschlafen." 1018 Seiten mit solchem Stumpfsinn lassen einen zwar binnen Sekunden einschlafen, sind aber leider gar nicht schnell vorüber.

Platz 3: Charlotte Link – "Ohne Schuld"

Das Spannendste in diesem Buch kommt ganz zum Schluss: Detective Sergeant Kate Linville und Detective Chief Inspector Caleb Hale halten Händchen. "Sie wagte es jetzt doch. Sie griff über den Tisch nach seiner Hand. Sie fühlte sich eiskalt und schwer an." Genau so mitreißend wie die Lovestory ist auch dieser pseudoenglische Krimi aus deutscher Feder.

Platz 2: Dirk Rossmann – "Der neunte Arm des Oktopus"

Dieser mit den Mitteln eines Milliardärs in die Bestsellerliste gepushte Science-Fiction-Thriller hat mich zu meiner eigenen Verblüffung durchaus amüsiert. Dirk Rossmann malt darin eine Zukunft aus, in der sich Vladimir Putin, Joe Biden und Xi Jinping 2022 auf einem Gipfel in Miami zu einer neuen Weltregierung zusammenraufen, um drei Prioritäten durchzusetzen: "Der energetische Verbrauch fossiler Brennstoffe wird drastisch eingeschränkt. Das Wachstum der Weltbevölkerung wird begrenzt. Die tropischen Regenwälder werden geschützt." Sicher, die literarischen Mittel dieser Dagobert-Duck-Prosa sind überschaubar. Aber sie liest sich überraschend anregend und verrät wie jede Science Fiction mehr über die Zeit und das Bewusstsein ihres Autors als über die Zukunft.

Platz 1: Sebastian Fitzek – "Der Heimweg"

Sebastian Fitzek führt wie gewohnt Schund in neue Dimensionen. So besudelt, angeekelt und verunreinigt habe ich mich nach der Lektüre eines Romans lange nicht mehr gefühlt. Gewalt gegen Frauen ist hier nicht Thema des Romans, Gewalt übt auch Fitzeks Sprache aus, die sich unablässig an den geschilderten Scheußlichkeiten aufgeilt: "Du hast die Wahl. Willst du mit dem Lötkolben ihre Augen oder ihre Vulva veredeln?" lässt Sebastian Fitzek seine Haupfigur fragen. Ich habe als Leser auch die Wahl. Sie fällt mir nicht schwer.

Stand: 13.12.2020 23:50 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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