SENDETERMIN So., 12.12.21 | 23:50 Uhr | Das Erste

Denis Scheck kommentiert die Top Ten Sachbuch

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Denis Scheck kommentiert die Top Ten Sachbuch | Video verfügbar bis 12.12.2026 | Bild: DasErste.de

10) Paul McCartney: "Lyrics"

Im Gespräch mit dem großen irischen Lyriker Paul Muldoon kommentiert Paul McCartney die Entstehungsumstände seiner eigenen Songs – und zu meiner nicht geringen Überraschung ergibt diese Auskunft über 154 Songs nicht nur eine Art Autobiografie, sondern gewährt tatsächlich faszinierende Einblick in eine produktive Dichterwerkstatt. Ich war verblüfft, wieviel Shakespeare und vor allem Lewis Carroll in Paul McCartneys Lyrics stecken.

9) Roland Kaiser und Sabine Eichhorst: "Sonnenseite"

Von Paul McCartney kommend, ist die Fallhöhe für Roland Kaiser besonders groß. Aber ich muß zugeben, dass diese Autobiografie handwerklich nicht schlecht gemacht ist und der Lebensweg von Ronald Keiler, der in Berlin als erstes uneheliches Kind einer Mutter mit sechs Kindern von sechs Männern zur Welt kam, erst im Lebensmittelhandel und dann als Autoverkäufer arbeitet, ehe er als Roland Kaiser die Schlagerwelt erobert, nicht weltbewegend, aber auch nicht uninteressant ist.

8) Dr. med Anne Fleck: "Energy!"

Meiner Lebenserfahrung nach führt eine neue Liebe weit verlässlicher aus der in diesem Buch diagnostizierten "Müdigkeitsfalle" als die Einschränkung auf eine Diät mit maximal 125 Gramm Fleisch zweimal die Woche, was Anne Fleck empfiehlt. Doch so vernünftig die Ratschläge im Großteil dieses Buchs auch sind, das Grundproblem ist, dass Anne Fleck mit der "Müdigkeitsfalle" oder dem "Energiemangel" eine Passe-par-tout-Diagnose schafft, die nichts anderes als ein Beschäftigungsprogramm für Mediziner darstellt.

7) Mai Thi Nguyen-Kim: "Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit"

Sind Tierversuche ethisch vertretbar? Ist Intelligenz erblich? Wie sicher sind Impfungen? Und wie wichtig ist gesellschaftlicher Konsens für die Handlungsfähigkeit von Staaten? Das sind spannende Fragen, die unsere Gesellschaft gleichwohl gerade spalten, und wie sie die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim klug und gelassen erörtert, macht dieses Buch trotz einiger stilistischer Nachlässigkeiten lesenswert.

6) Andreas Wolfers und Boris Herrmann: "Allein zwischen Himmel und Meer"

Wer sagt denn, dass man es bei der Vendee Globe, dem härtesten Segelrennen der Welt, nicht auch mal richtig krachen lassen kann: "Mein Abendessen zelebriere ich", schreibt Boris Herrmann über seine fast drei Monate auf hoher See. "Ich schneide kleine Ecken von einem italienischen Hartkäse ab und dünne Scheiben von einer Salami. Heute haben wir ja Silvester, kommen auch noch Schwarzbrot, Leberwurst und ein Schluck Wein dazu. Und für eine halbe Stunde werfe ich die Heizung an." Ein gutes Buch für Armchair traveller, also jene Menschen, die Weltreisen am liebsten vom Lehnstuhl aus unternehmen.

5) Dr. med Marianne Koch: "Alt werde ich später"

"Das Alter ist kein Kampf; das Alter ist ein Massaker", zitiert Marianne Koch einen berühmten Satz des US-amerikanischen Autors Philip Roth. Sie setzt die Forderung dagegen "Wir brauchen mehr Zugehörigkeit" und ruft auf zum Kampf "Gegen die große Traurigkeit". Mich hat dieses Buch überzeugt, weil es Sätze enthält wie: "Niemand kann Sie darauf vorbereiten, was es bedeutet, einen geliebten Menschen zu verlieren."

4) Elke Heidenreich: "Hier geht’s lang!"

Elke Heidenreich muss niemandem mehr beweisen, wie klug sie ist. In ihrem neuen Buch verzichtet sie deshalb auch ganz darauf.

3) Barack Obama und Bruce Springsteen: "Renegades"

So interessant die Konstellation dieser Gesprächspartner ist: weißer Popstar aus der Arbeiterklasse, schwarzer Politmessias, und so spannend mancher Gesprächsansatz,  so enttäuschend unterm Strich das Ergebnis: ein verschriftlichter Podcast ist einfach etwas anderes als ein durchkomponierter Text. "Renegades" ist ein Fanartikel; kein Buch.

2) Florian Illies: "Liebe in Zeiten des Hasses"

Florian Illies erzählt in einer furiosen Nummernrevue, wie zwischen 1929 und 1939 geliebt, gelebt, gesehnt und gelitten wurde. Am Beispiel der Amouren von Josephine Baker, Marlene Dietrich, Ruth Landshoff, Kurt Tucholsky, Klaus Mann, Gottfried Benn und Aberdutzend anderer illustriert er, wie Kälte, Gewalt und Hass auch in die Liebe einsickern. Ein Buch, das gleichermaßen als Bildungserlebnis wie als Schule des Gefühls begeistert.

1) Hape Kerkeling: "Pfoten vom Tisch!"

Formulierungen wie "Liebe Katzeneltern" oder "besorgter Katzenpapa" lösen offen gestanden literarischen Brechreiz in mir aus. Deshalb kann ich mit dieser äußerst luftig zusammengekleisterten Anekdotensammlung über die Katzen seines Lebens von einem der beliebtesten Fernsehstars Deutschlands wirklich nichts, aber so gar nichts anfangen.

Stand: 12.12.2021 23:50 Uhr

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