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Mit dem Rad für den Klimaschutz

Michael Bilharz fährt auf den Herderplatz in Weimar
Mit dem Lastenrad, Anhänger und CO2-Tonne auf Überzeugungstour. | Bild: SWR

Jena im Sommer, an einem Samstagmorgen: Michael Bilharz und Andrea Kostrowski packen die Fahrräder für eine 100-tägige Radtour durch Deutschland. Das Ziel des Umweltwissenschaftlers ist es, bei der Weltklimakonferenz am 1. November in Glasgow ein Zeichen für mehr Klimaschutz zu setzen. Dafür haben Michael Bilharz und seine Mitstreiter*innen die Klimawette ins Leben gerufen: "Wir haben gesagt, wir gewinnen eine Millionen Menschen, die beim Klimaschutz noch eine Schippe drauflegen, die noch eine Tonne mehr CO2 einsparen und bringen das als Signal nach Glasgow, damit auch die Staaten bei ihren Klimaschutzzielen noch eine Schippe drauflegen. Noch einen Tick an Maßnahmen verschärfen, um die Chance zu haben, das Paris-Ziel überhaupt noch zu erreichen." Im Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 haben 197 Staaten in einem völkerrechtlich bindenden Vertrag beschlossen, den Klimawandel zu bremsen. Eines der Ziele: "Die Staaten setzen sich das globale Ziel, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf 'deutlich unter' zwei Grad Celsius zu begrenzen..."

Eine Million CO2-Sparer

Auf der Internetseite "Die Klimawette" können CO2-Sparwillige mit einer Spende von 25 Euro eine Tonne CO2 einsparen. Das Geld fließt in Klimaschutzprojekte, die die Spender selbst bestimmen können. Um dieses Projekt bekannt zu machen und um die eine Millionen CO2-Sparer zu gewinnen, besucht Bilharz auf seiner Sommertour rund 200 Städte und Gemeinden in ganz Deutschland. Dort trifft er sich mit Vertretern aus Bürgerschaft und Verwaltung und ringt ihnen die Wette ab, mit ihrer Stadt oder Gemeinde zusätzlich CO2 einzusparen.

Pro 1.000 Einwohner wären das 1,5 Tonnen. Eine Station: Weimar. Hier hat sich Michael Bilharz mit Vertretern der Stadt und Umweltschutzverbänden verabredet. Es geht darum, die gewaltige Zahl von einer Millionen CO2-Sparern auf die überschaubare Einheit Stadt herunterzubrechen. Für Weimar heißt das: Knapp 1.000 Menschen müssen bis November mitmachen, um das Ziel der Klimawette zu erreichen. Der Klimaschutzbeauftragte der Stadt Weimar Tobials Keppler nimmt die Wette an.

Michael Bilharz: Ein Überzeugungstäter

Michael Bilharz fährt mit dem Lastenrad auf einem Feldweg, eine Grafik zeigt seine Deutschlandroute
Mit der Klimawette auf Deutschlandtour. | Bild: SWR

Michael Bilharz beschäftigt sich wissenschaftlich mit nachhaltigen Konsum. Für die dreimonatige Reise durch Deutschland hat er sich von seinem Arbeitgeber – dem Umweltbundesamt - beurlauben lassen. Schon als Jugendlicher war er in Sachen Umweltschutz aktiv. Geboren 1972 in Kenzingen nahe Freiburg, gründet er mit 16 eine Umwelt AG. Dann folgt ein Studium in Regensburg. Seine Doktorarbeit schreibt er über Kernstrategien des nachhaltigen Komsums. Der Wissenschaftler beschreibt seine Motive so: "Die Umweltthematik ist eine Überlebensfrage. es geht um unsere Lebensgrundlage. Es geht um die Zukunft und als ich das verstanden hab als Jugendlicher, war mir klar, das ist mein Lebensthema. Da will ich einfach alles dazu beitragen, damit die Lösungen, die wir ja zu hauf haben  auch entsprechend umgesetzt werden, damit wir es schaffen uns und unseren Kindern eine lebenswerte Umwelt zu erhalten und zu ermöglichen."

Seit 2009 setzt er seine Arbeit In Dessau beim Umweltbundesamt fort. Dort entwickelt er den CO2-Rechner, mit dem jeder seinen persönlichen CO2-Fußabdruck berechnen kann, denn: "Nicht für jeden passt jede CO2-Spartippliste, sondern jeder hat unterschiedliche Vorraussetzung. Es gehe vor allem darum, seinen Beitrag zum Klimaschutz so effektiv wie möglich zu gestalten. Die Eine kann ihre Mobilität klimafreundlich verändern, der Andere seinen Konsum bewusster gestalten. Aber auch Politik und Wirtschaft müssen zu ihrer Verantwortung stehen, so der Umweltexperte: „Ich bin nicht für alles verantwortlich. Es gibt Maßnahmen, da kann ich als einzelner was tun. Es gibt Maßnahmen, da muss man deligieren. Die Politik muss die Kerosinbesteuerung einführen Sie muss den Ausbau der erneuerbaren Energien fördern. Das kann man nicht alles auf den einzelnen ablagern.“

Die Bremser der Klimawende

Zeichung: Haus mit Pool und Menschen.
Auch Konsum treibt den Klimawandel voran. | Bild: SWR

Michael Bilharz ist nicht naiv. Er weiß, dass sein Weg schwer ist. Gut drei Wochen nach dem Start der Tour ist der Sonnenschein weg und er ist zwischen Günzburg und Ulm unterwegs. An der viel befahrenen Straße wird eine der großen Bremsen bei der Klimawende klar. Der Individualverkehr. In der Zeit vor Corona stieg die Zahl der PKW und die jährliche Gesamtfahrleistung stetig an. Trotz besserer Technik sank der Verbrauch kaum spürbar. Zum Pkw Verkehr gesellt sich der kräftig zunehmende Lastverkehr – angetrieben durch eine globaliserte Wirtschaft, in der alles sofort verfügbar sein muss.

Auch beim Wohnen gibt es nach wie vor ein gigantsiches Potenzial. Hier geben die Deutschen etwa ein Viertel ihres Einkommens aus. Größter CO2-Produzent ist die Heizung mit 127 Mio Tonnen pro Jahr. Fast die Hälfte davon ließe sich einsparen, so Experten für energetische Gebäudesanierung. Der Haken dabei: Die energetische Modernisierung wird oft nicht fachgerecht durchgeführt, die Bewohner kommen mit der neuen Technik nicht klar oder leben einfach behaglicher. So bleibt die tatsächliche Einsparung hinter dem berechneten Potenzial im Schnitt etwa 30 Prozent zurück.

Die nächste Baustelle ist der Konsum: Wer viel konsumiert, der verursacht auch viel CO2. Daraus folgt, dass das Einsparpotenzial gerade bei den finanziell Starken besonders hoch ist. Dabei ist eine Bremse, dass gerade diejenigen, die besonders viel konsumieren auch besonders von der Förderung für klimafreundliche Technologien profitieren: Mal ist es gut 9.000 Euro für das neue Elektroauto, mal ist es ein günstiger Kredit für die Photovoltaik-Anlage. Gespartes Geld, das dann wieder in den klimafeindlichen Konsum fließen kann. Wer kein Eigenheim besitzt und sich kein neues Auto leisten kann, geht dagegen leer aus. Die wichtige Anschubförderung klimafreundlicher Technologien kann damit schnell wie die Subventionierung des guten Gewissens besser Verdienender ausgelegt werden.

Michael Bilharz kennt all diese Hindernisse bei der Umsetzung der Klimaziele. Doch einfach lamentieren und nichts tun ist nicht sein Ding: "Wenn ich die Forschungsergebnisse anschaue, dann ist es alles andere als lustig. Es ist auch frustrierend. Aber wenn ich beim Paddeln gegen den Strom aufhöre, dann geht es halt noch schneller zurück."

Autor: Hilmar Liebsch (SWR)

Stand: 09.09.2021 16:00 Uhr

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