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Wiege der Menschheit: Begann die Entwicklung des Menschen in Europa?

PlayBilder von Orang-Utan, Gorilla und Schimpanse auf einer Zeitachse.
Wiege der Menschheit: Begann die Entwicklung des Menschen in Europa? | Video verfügbar bis 09.05.2025 | Bild: BR

Muss die Geschichte der frühen menschlichen Evolution neu geschrieben werden? Seit Jahrzehnten galt als ausgemacht: Afrika ist die Wiege der Menschheit. Zahlreiche Fossilien unserer Vorfahren schienen das zweifelsfrei zu belegen. Die deutsche Paläontologin Madelaine Böhme hat nun aber Fossilien entdeckt, die auch andere Schlüsse zulassen.

Griechenland vor sieben Millionen Jahren

Seit Jahren erforscht Böhme die Naturgeschichte Griechenlands. Heute herrscht dort ein mediterranes Klima, doch vor sieben Millionen Jahren war die Landschaft ganz anders, savannenartig. Es war deutlich wärmer – vier bis fünf Grad und viel feuchter. Mehrere Elefantenarten lebten dort, ebenso Nashörner und Giraffen – also Tiere, wie man sie heute aus Afrika kennt.  Diese Welt ist versunken, hat aber Spuren hinterlassen.

Sensationsfund: Unterkiefer eines ausgestorbenen Menschenaffen

Ein Mann gibt einem anderen Mann einen Gesteinsbrocken.
Bruno von Freyberg findet 1944 in der Nähe von Athen bedeutende Fossilien.  | Bild: BR

Im Jahre 1944 macht der deutsche Geologe Bruno von Freyberg in Athen eine interessante Entdeckung. Seit drei Jahren ist die Stadt von den Deutschen besetzt, und während er die Bauarbeiten für neue Bunker und Geschützstellungen überwacht, stoßen die Arbeiter im Abraum auf etwas Ungewöhnliches: In einem Gesteinsblock steckt ein Stück uralter Knochen, der Teil eines Unterkiefers.

Von Freyberg ist fasziniert. Es ist nur eines von vielen Fossilien, die ans Licht kommen. Der Geologe ist paläontologisch geschult und erkennt sofort, dass der Kiefer ein außergewöhnlicher Fund ist. Er weist seine Arbeiter an, möglichst viele der Knochen zu bergen und sichert damit die Funde für die Wissenschaft. 1949 beschreibt er die Fossilien in einem Fachaufsatz, darunter auch den vermeintlichen Unterkiefer eines Affen. Erst 1972 stellt sich heraus, dass von Freyberg die Überreste eines ausgestorbenen Menschenaffen entdeckt hat, der fortan "Graecopithecus freybergi" genannt wird.

Die frühe Entwicklung des Menschen

In der frühen menschlichen Entwicklungsgeschichte trennt sich der Zweig der Orang-Utans schon vor rund 14 Millionen Jahren ab, vor rund 10 Millionen Jahren dann die evolutionäre Linie der Gorillas. Erst vor sieben bis acht Millionen Jahren schlagen die Schimpansen einen eigenen entwicklungsgeschichtlichen Weg ein. Sie sind die engsten tierischen Verwandten des Menschen. Das heißt: Erst mit der Abtrennung der Schimpansenlinie beginnt endgültig die Entwicklungsgeschichte des Menschen. Doch wo auf dieser Zeitachse lässt sich der Unterkiefer von Graecopithecus einordnen? In Afrika wurden seit den 1920er-Jahren zahlreiche bedeutende Fossilien früher menschlicher Vorfahren entdeckt. Daher galt lange Zeit: Die frühe Menschwerdung kann nur eine rein afrikanische Geschichte sein.

Die Wiederentdeckung des Unterkiefers

Bilder von Orang-Utan, Gorilla und Schimpanse auf einer Zeitachse.
Wo auf dieser Entwicklungslinie fügt sich Graecopithecus freybergi ein? | Bild: BR

Dass die vielleicht viel früher und sogar in Europa begann – für diese These könnte der Kiefer ein wichtiges Indiz sein. Der ist aber verschollen. Madeleine Böhme startet eine akribische Recherche – und findet einen Beteiligten von damals, den Geologen Dr. Siegbert Schüffler, der Bruno von Freyberg noch persönlich kannte. Schüffler war ehemals verantwortlich für die geologische Sammlung der Universität Erlangen. Als diese zum Teil aufgelöst wurde, hatte von Freyberg ihm gesagt, dass das Fossil aus Athen das wertvollste Stück der Sammlung sei. Und so wurde es in einem Safe in einer Tupperdose aufbewahrt – bis Madelaine Böhme es nach Jahrzehnten aufspürte. 

An der Universität Tübingen untersucht sie das Fossil mit neuesten Methoden. Hochauflösende Bilder im Computertomographen zeigen jedes Detail. Entscheidend dabei sind die Zahnwurzeln. Typisch für menschliche Zahnwurzeln: Sie sind fast bis zum Ende verschmolzen. Ein Schimpansenzahn hat dagegen zwei völlig getrennte Wurzelzweige. Bei Graecopithecus wird sichtbar, dass die Wurzeln teilweise verschmolzen sind. Das wirkt auf den ersten Blick zwar wie eine Kleinigkeit, ist für die Forschung aber ein wichtiges Indiz dafür, dass Graecopithecus zur menschlichen Entwicklungslinie gehört. Aber ist er auch älter als alle bisher entdeckten afrikanischen Vormenschen?

Weitere Fossilien machen eine Datierung möglich

Paläontologin Madelaine Böhme hält verschiedene Zahnwurzeln in die Kamera.
Mensch oder Affe? Zahnwurzeln geben wichtige Hinweise. | Bild: BR

Um das Alter eines Fossils zu definieren, braucht es Sediment aus der Zeit. Doch das findet sich selten. Madelaine Böhme hat aber Glück. In den Katakomben der Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg lagern die Fossilien, die Bruno von Freyberg 1944 in Athen gesammelt hatte – darunter auch ein Giraffenknochen, in dem sich Sediment angesammelt hat, das datiert werden kann. Es zeigt sich: Der Unterkiefer ist 7,175 Millionen Jahre alt. Er ist damit älter als alle bisher entdeckten afrikanischen Vormenschen.

Eine Sensation, die weltweit für Aufsehen sorgt. Denn der Unterkiefer ist ein Indiz dafür, dass die Entwicklung des Menschen nicht in Afrika, sondern in Europa begonnen haben könnte.

Autor: Daniel Schwenk (BR)

Lesetipp
Wie wir Menschen wurden – eine kriminalistische Spurensuche nach den Ursprüngen der Menschheit
Prof. Madelaine Böhme, Rüdiger Braun und Florian Breier
Heyne Verlag, 2019
ISBN 978-3453207189
336 Seiten
22 €

Stand: 09.05.2020 16:54 Uhr

Sendetermin

Sa., 09.05.20 | 16:00 Uhr
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Südwestrundfunk
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