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Wasser von allen Seiten – Wie Hamburg sich vor Überschwemmungen schützt

Der Fischmarkt mit der Fischauktionshalle steht während einer Sturmflut in Hamburg unter Wasser.
Der Fischmarkt mit der Fischauktionshalle steht während einer Sturmflut in Hamburg unter Wasser. | Bild: picture alliance/dpa / Daniel Bockwoldt

Hamburg – das betonen die Hamburger immer wieder gern – hat mehr Brücken als Venedig. Und auch wenn der Vergleich angesichts des Größenunterschieds der Städte tatsächlich wenig aussagekräftig ist, eines unterstreicht er: In und um Hamburg gibt es viel Wasser. Doch das sichert nicht nur den wirtschaftlichen Wohlstand und hohen Freizeitwert der Stadt, es macht auch zunehmend Probleme.

Von Sturm und Flut

Karte von Hamburg mit markierter Deichlinie
Die Hamburger Deiche sind zusammen mehr als 100 Kilometer lang | Bild: NDR

Die Elbe ist ein sogenanntes Tidegewässer. Obwohl Hamburg mehr als 100 Kilometer von der Nordsee entfernt liegt, gibt es auch im Hamburger Hafengebiet noch Ebbe und Flut. Bei Ebbe sinkt der Pegel auf 1,60 Meter unter Normalhöhennull, bei Flut steigt er auf 2,11 Meter über Normalnull. Das sind die Durchschnittswerte. Wenn Sturm das Wasser der Nordsee in die Elbmündung drückt, staut sich das Wasser auch in Hamburg zu weit beeindruckenderen Höhen auf – zu den gefürchteten Sturmfluten.

Die katastrophalste Sturmflut erlebte Hamburg im Februar 1962. Die Deiche im Stadtgebiet brachen an mehr als 60 Stellen. Etwa 6.000 Gebäude wurden zerstört, 20.000 Menschen waren plötzlich obdachlos, 315 verloren ihr Leben. Damit sich ein vergleichbares Unglück nicht erneut ereignet, wurde danach massiv in die Erhöhung und Verstärkung der Flutschutzanlagen der Stadt investiert. Eine Mammutaufgabe, denn Hamburgs verschlungene Deichlinie erstreckt sich insgesamt auf mehr als 100 Kilometer.
Wie sinnvoll und nötig diese Investition war, zeigt sich schon daran, dass es seit 1962 bereits neun Sturmfluten gab, die noch höher ausfielen als damals.

Hochwasserschutz: Wie hoch ist hoch genug?

Schutzwand am Baumwall in Hamburg.
Die neue Schutzwand am Baumwall hält Hochwasser bis 8,60 m stand. | Bild: NDR

Zuständig für den Hochwasserschutz in Hamburg ist der Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG). Dessen Mitarbeiter kümmern sich nicht nur um den Erhalt und die Wartung der bestehenden Deiche und Flutschutzanlagen, sie planen und berechnen auch nötige Anpassungen an sich verändernde Umweltbedingungen. Aktuell sind die Hamburger Hochwasserschutzmaßnahmen auf eine maximale Sturmfluthöhe von 7,30 Meter über N.N. am Pegel St. Pauli ausgelegt. Die höchste bisland tatsächlich eingetretene Flut lag bei 6,45 Meter.

Trotzdem gehen die Experten des LSBG davon aus, dass die Schutzhöhe von 7,30 Meter in Zukunft nicht mehr ausreichend sein wird: "Beim letzten Mal haben wir die Deiche erhöht, weil sie 1962 gebrochen waren", erklärt Gabriele Gönnert, Leiterin der Abteilung Hydrologie und Wasserwirtschaft beim LSBG, "danach hat man festgestellt, dass der Meeresspiegel steigt. Den mit einzukalkulieren ist vorsorgender Küstenschutz."

Im Auftrag der Stadt hat die Geographieprofessorin 2012 die künftig benötigte Schutzhöhe neu berechnet. Für die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts geht man in Hamburg nun von einem Maximalpegel von 8,10 Meter aus, 80 Zentimeter höher als bisher. Die Bauarbeiten für die neuen Schutzwände und Deiche haben bereits begonnen. Der erste fertig gestellte Bauabschnitt ist die Hochwasserschutzanlage Niederhafen, die sich vom Baumwall bis zu den Landungsbrücken erstreckt und das wichtigste Bollwerk der Hamburger Innenstadt gegen die Fluten der Elbe bildet. Die neue Schutzwand wurde vor die alte gebaut und ist bis zu 1,90 Meter höher.

Regenwasser: die Sintflut managen

Doch das Wasser aus Elbe und Nordsee ist nicht das einzige, das den Hamburgern Kopfzerbrechen bereitet: "Wir haben das Problem in der Stadt, dass immer mehr Flächen versiegelt werden", erklärt Julia Döring, Ingenieurin für Regenwasserwirtschaft, "gleichzeitig wissen wir, dass es durch den Klimawandel dazu kommen kann, dass es mehr Starkregenereignisse gibt. Also Ereignisse, bei denen viel Wasser herunter kommt in kurzer Zeit. Und dann können die Siele das Wasser nicht mehr aufnehmen, und es kann innerstädtisch zu Überflutungen kommen."

Siele, so nennt man in Hamburg die Abwasserkanäle. Und Julia Döring arbeitet für Hamburg Wasser, das kommunale Wasserver- und -entsorgungsunternehmen der Stadt. Dörings Aufgabe als Ingenieurin ist das Regenwasser-Management. Denn tatsächlich kam es in den vergangenen Jahren im Stadtgebiet immer wieder zu Überschwemmungen nach ungewöhnlich starken Niederschlägen.

Moderne Lösungen für alte Probleme

Grafik mit zwei Silenetzen im Untergrund.
Ein zweites Sielnetz nimmt Überlaufmengen aus dem alten auf. | Bild: NDR

Hamburgs Kanalisation ist die älteste Kontinentaleuropas. Viele Abwasserkanäle im Innenstadtbereich stammen noch aus dem 19. Jahrhundert und sind Mischwassersiele. Haushaltsabwasser und Regen landen dort im selben Rohr. Das Problem: Bei zu großen Regenmengen kommen die Sielrohre an ihre Kapazitätsgrenzen und entleeren sich in einer Art Notventilation in die umliegenden Flüsse, Bäche und Kanäle. Ungeklärt, inklusive Kot und anderer in den Toiletten entsorgter Abfälle.

Um das zu verhindern, baute man ein zweites Sielnetz unterhalb des alten, das die Extramengen aufnimmt und abtransportiert. Funktioniert hervorragend, ist aber als Standardlösung viel zu teuer. Die Gesamtkosten der Gewässerschutzmaßnahmen beliefen sich auf rund 685 Mio. Euro.

Das Wasser im Quartier halten

Rückhaltebecken und Sickerflächen in einem Neubaugebiet.
Neubaugebiete werden mit Rückhaltebecken und Sickerflächen geplant. | Bild: NDR

Der entscheidende Faktor für ein kostengünstiges und trotzdem wirksames Regenwasser-Management ist, möglichst wenig Wasser überhaupt erst in die Abwasserkanäle gelangen zu lassen. "Wir haben überall in der Stadt kleine Poren, in denen wir Wasser zurückhalten können", sagt Julia Döring. "Man nutzt Gräben und Mulden, um das Regenwasser vor Ort zurückzuhalten, so wie es im natürlichen Wasserhaushalt auch wäre."
Bei der Erschließung von Neubaugebieten beispielsweise werden Regenrückhaltebecken und unbebaute Versickerungsflächen gleich mit eingeplant. Überschüssiges Wasser kann dort für einige Zeit "zwischengelagert" werden, bis es verdunstet oder im Boden versickert.

Auch Dachbegrünung kann einen erheblichen Beitrag zum Wassermanagement leisten. Schon ein einfaches Gründach kann nach Untersuchungen der HafenCity-Universität Hamburg bis zu 50 Prozent der Niederschlagsmenge eines Starkregens aufnehmen und zurückhalten, moderne Retentionsdächer sogar bis zu 95 Prozent.

Eine Fläche, zweifacher Nutzen

Grafik: Gabionen unter einer Laufbahn.
Unter dem Billstedter Sportplatz können bis zu 500.000 Liter Regenwasser zwischengespeichert werden. | Bild: NDR

Eine weitere Herangehensweise, die auch für bestehende Siedlungen umsetzbar ist, ist die Schaffung multifunktionaler Flächen. Etwa Parks, Spielplätze oder Schulhöfe, die bei Starkregenereignissen kurzfristig als Flutwasserspeicher genutzt werden. Ein besonders pfiffiges Beispiel hat man im Stadteil Billstedt umgesetzt, in dem es regelmäßig zu Straßenüberschwemmungen gekommen war. Bei der Renovierung des dortigen Hein-Klink-Stadions verbaute man unter dem vorderen Teil des Sportplatzes Wasserspeicher. "Wenn hier im Stadtteil ein richtig starker Regen runterkommt, dann wird das Wasser aus dem Regenwassersiel hier unter die Sportplatzoberfläche geleitet", erläutert Julia Döring. "Das sind bis zu 500.000 Liter, die so zwischengespeichert werden können."

Aus sogenannten Rigolen kann das gespeicherte Wasser dann im Laufe einiger Tage nach und nach im Boden versickern. Sollte der Regen so kräftig ausfallen, dass die Kapazität der Rigolen nicht ausreicht, wird das Wasser nach oben gedrückt und das Stadion selbst für ein paar Tage zum Auffang- und Verdunstungsbecken. Eine kurzzeitige Einschränkung für die Sportler, aber selbst Hamburger gehen bei heftigem "Schietwetter" eher nicht auf den Sportplatz.

Autor: Thomas Wagner (NDR)

Stand: 26.03.2021 15:06 Uhr

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