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Mit dem Zeppelin über den Nordpol

Wie viel Eis schwimmt im nördlichen Polarmeer? Eine nicht nur für Klimaforscher drängende Frage, denn der Zustand der Polkappen beeinflusst das globale Klima.

Ein deutscher Polarforscher und ein französischer Abenteurer wollen das herausfinden. Ihr Plan: Sie fliegen mit einem Luftschiff quer über die nördliche Polarkappe von Europa nach Alaska.

Vorbereitungen im arktischen Eis

Der entscheidende Test fand im April 2007 am Nordpol statt. Im Barneo-Camp, knapp 10ß0 Kilometer vom Nordpol entfernt bereiten sich der deutsche Geophysiker Christian Haas vom Alfred- Wegener- Institut und der französische Abenteurer Jean-Louis Etienne auf ihre ungewöhnliche Reise, die Total-Pole-Airship-Expedition, vor.

Haas ist überzeugt: "Es wird zwar sehr hart werden, mit dem Luftschiff die Arktis zu überqueren, aber ich glaube, wir werden erfolgreich sein am Ende." Auch der Expeditionsleiter Jean-Louis Etienne ist begeistert: "Es ist das ideale Projekt, um die Dicke des Eises über den gesamten Ozean zu bestimmen." Zuerst bereiten die Forscher den entscheidenden Test für Ihre Messausrüstung zur Messung der Eisdicke vor. Wird die von Christian Haas selbst entwickelte Messsonde unter den harten Bedingungen der Arktis funktionieren?

Messkampagne: Per Luftschiff über den Nordpol

Landkarte des Nordpols
Dies Route wollen die Forscher mit dem Luftschiff samt Messsonde fliegen. | Bild: SWR-Grafik

Im April 2008 wollen die Forscher mit einem Luftschiff und einer Flugsonde zum geographischen Nordpol aufbrechen. Dort fliegen sie Messschleifen, um entlang ihrer Route die Eisdicke zu messen. Für diese Mission eignet sich ein Luftschiff am Besten. Jean-Louis Etienne: "Das Luftschiff hat einen sehr geringen Spritverbrauch und kann so unabhängig sehr große Entfernungen zurücklegen. Und auch die Flughöhe, die Flexibilität und die Geschwindigkeit sind ideal für die Messungen."

Doch der polarerprobte Abenteurer kennt auch die drohenden Gefahren der Arktis und die Tücken eines Luftschiffs. "Wenn Sie eine feuchte Zone mit einer kalten Hülle durchqueren, dann schlägt sich Eis auf dem Luftschiff nieder, das kann auch Flugzeuge treffen. Plötzlich wird das Luftschiff zu schwer, das ist das Hauptrisiko", schätzt Jean-Louis Etienne.

Auf den Spuren von Roald Amundsen

Mit der geplanten Expedition treten die Forscher in große historische Fußstapfen.1926 erreichten Roald Amundsen und Umberto Nobile als erste Menschen nachweislich den Nordpol – mit dem Lufschiff "Norge". Für den Abenteurer Jean-Louis Etienne sind die historischen Polfahrer Helden: "Es ist absolut beeindruckend, was die geleistet haben. Ich finde, dafür braucht man eine Unmenge Mut und ich hätte gerne nur einen kleinen Teil davon."

Schmilzt das Eis am Nordpol?

Messsonde, Christian Haas und Hubschrauber im Hintergrund (Fotograf: Stéphane Compoint)
Vor dem Abflug: Christian Haas hat die Messsonde für den Testflug vorbereitet.

Doch auch Ihr eigenes Projekt verlangt den Beteiligten alles ab. Christan Haas ist der wissenschaftliche Leiter der Total-Pole-Airship Expedition. Er will herausfinden, wie groß die gesamte Eismasse im Nordpolarmeer ist. Wenn ihm das gelingt, kann er in Zukunft genau beobachten, wie stark der Klimawandel den Pol schmelzen lässt. Für die Messung tüftelte er jahrelang an einer passenden Sonde. Zum Test hängt Christian Haas die Sonde an einen Hubschrauber.

Messung in die Tiefen des Eises

Mit Hilfe elektromagnetischer Wellen kann die Sonde tief in das Eis hineinblicken, während Satellitenbilder nur die Oberfläche zeigen. „Nur wenn man die Eisdicke kennt, kann man Aussagen darüber machen, ob sich das Volumen geändert hat und kann verstehen, was die Ursache für den Rückgang der eisbedeckten Fläche ist“, erklärt der Polarforscher.

Die Stärke der Eisdecke schwankt von einem Meter fünfzig bis zu dreißig Meter. Dort, wo das Eis zusammen gepresst wird, entstehen dicke Eisrücken.

Christian Haas ist gespannt, ob die Messdaten seiner Sonde mit der tatsächlichen Stärke der Eisdecke übereinstimmen: "Wir haben in diesem Jahr Taucher und dieses ferngesteuerte Unterwasserfahrzeug dabei, die es erstmalig ermöglichen, die wahre Dicke von Presseisrücken zu messen, so dass wir unsere Dickenmessung mit dem 'em-bird' mit diesen Unterwassermessungen vergleichen können."

Abtauchen zum Nachmessen

Zwei Taucher unter einer Eisscholle (Fotograf: Stéphane Compoint)
Die Forscher tauchen ein in eine bizarre Unterwasser-Landschaft aus Wasser und Eis.

Bei minus zwei Grad kühlt das Wasser die Taucher rasch aus, trotz ihrer dicken Neoprenanzüge. Dafür erwartet sie unter der Eisdecke eine bizarre Landschaft mit glasklarem Wasser. Dann folgt der Tauchroboter. Vierzig Minuten halten es die Taucher im eisigen Wasser aus – während der Roboter weiter misst. Meter für Meter tastet er mit seinem Laser-Entfernungsmesser die Eisformationen genau ab.

Alles scheint zu klappen. Die Wissenschaftler oben in der Zentrale steuern den Tauchroboter und folgen gebannt den Bildern seiner Kamera. Am nächsten Morgen zieht es die Forscher erneut ins Zelt des Tauchteams. Aus den Messungen ihres Roboters berechnen sie jetzt ein genaues dreidimensionales Profil der Unterseite der Eisdecke - alle sind begeistert. Auch von oben vermessen sie das Eis. Durch die Verbindung der Daten von oben und unten, können sie exakt die Eisdicke bestimmen.

Bewährungsprobe bestanden?

Der Test war erfolgreich. Bis auf wenige Zentimeter stimmen die Messwerte der Sonde im dünnen Eis mit den Daten des Tauchroboters überein. Nur bei sehr dickem Eis liefert sie etwas zu niedrige Werte. Jetzt steht der Luftschiff-Expedition im kommenden Jahr nichts mehr im Weg. Läuft alles nach Plan, schweben die Polarforscher im nächsten Frühjahr über die Eiswüste des Nordpols.

Autor: Dirk Beppler

Stand: 16.02.2015 11:37 Uhr

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