SENDETERMIN So, 13.07.08 | 17:03 Uhr

Rettung aus dem Hochhaus

Viele alte Hochhäuser, die vor 1980 gebaut worden sind, haben beim Brandschutz ein Sicherheitsproblem. Es betrifft neben den eingesetzten Baumaterialien vor allem die Rettungswege.

Im Falle eines Brandes gefährdet nicht das Feuer selbst, sondern die Rauchgasentwicklung das Leben der im Haus eingeschlossenen Menschen. 95 Prozent aller im Feuer ums Leben gekommenen Menschen ersticken durch Rauch und Brandgase. Denn zwei bis drei Atemzüge der hochgiftigen Gase lassen einen Menschen umgehend bewusstlos werden. Kurze Zeit später tritt der Tod ein.

Gefahr Treppenhaus

Aufzugschächte und Treppenhaus füllen sich wegen des so genannten Kamineffekts mit Rauch und eignen sich deshalb kaum als Rettungsweg.

Prof. Wolfram Klingsch, Dozent für Brandschutz an der Universität Wuppertal, warnt vor der potentiellen Todesfalle "Althochhaus": "Stellen Sie sich als Szenario ein Hochhaus mit dieser mäßigen Qualität der Rettungswege vor. Dort kommt es zu einem größeren Brand. Da diese Hochhäuser auch keine Sprinkleranlagen und keine Rauchmelder haben wie die heutigen, muss man damit rechnen, dass ein heftiger Brand sich dort schnell entwickelt. Und dann ist der einzige Rettungsweg versperrt. Die Feuerwehr hat aber keine Möglichkeit, über die Leiter zu evakuieren. So entsteht eine wirklich gefährliche Situation. Wir kennen durchaus eine Reihe von Fällen, wo Personen im Treppenraum ums Leben gekommen sind, weil sie sich dort in Sicherheit bringen wollten, aber der Treppenraum verraucht war."

Bestandschutz statt Brandschutz

Die meisten älteren Gebäude haben Bestandsschutz, da sie unter früher geltenden Normen genehmigt worden sind.

Die Änderung der Brandschutzauflagen zwingt die Hochhausbesitzer und die Hausverwaltungen nicht automatisch zum Nachrüsten, erklärt Prof. Wolfram Klingsch: "Das ist eine Situation, die wir bundesweit flächendeckend haben. Jede unserer deutschen Großstädte hat Gebäude in diesem Alter mit diesen Risiken. So dass wir davon ausgehen, dass wir mehrere hundert solcher Objekte haben, wo ein Sicherheitsdefizit vorliegt."

Faltbarer Fluchtweg

Dabei gäbe es Rettungsmöglichkeiten zum Nachrüsten. Zum Beispiel im Finnlandhaus an der Hamburger Binnenalster. Es gehört zur Risikogruppe: gebaut 1966, rund 45 Meter hoch und hat nur ein Treppenhaus.

Doch in einer Kiste im neunten Stock verbirgt sich zusätzlich ein faltbarer Fluchtweg: Der sogenannte Personenrettungsschlauch. Ein Stoffrüssel aus feuerfestem Material, in den innen eine wendeltreppenartige Rutschbahn eingenäht ist. Das ganze System ist fest installiert, der Einstieg und die Halteseile mit dem Boden verschraubt.

Wendeltreppenartige Rutsche aus Stoff

Die Handhabung ist relativ einfach: Deckel und Vorderfront der Kiste entfernen, Fenster öffnen und das Ende des Schlauches samt Führungsseil über die Brüstung werfen. Durch das Eigengewicht wird der Rest des Stofftunnels aus der Kiste gezogen. Der Schlauch schlängelt sich senkrecht die Fassade hinunter. Innerhalb von einer halben Minute hängt er in Endposition. Der Ausstieg pendelt knapp über dem Boden. Oben im neunten Stock wird dann noch der Einstieg ausgeklappt. Ein kurzer waagerechter Stofftunnel, der wie ein Sprungbrett über die Fensterbank nach außen reicht. Dort geht es senkrecht in die wendeltreppenartige Rutsche des Personenrettungsschlauches.

Es sind 35 Meter bis zum Boden. Techniker Horst Hohensee hat auch schon höhere Häuser mit dem System ausgestattet. „In Deutschland haben wir die Genehmigung bis 60 Meter Höhe. Im Ausland dürfen wir sogar noch mehr. Die höchste Anlage, die ich mal eingebaut habe war 112 Meter hoch. Das war in Südamerika.“

Versuch 1: Rutscht er oder rutscht er nicht?

Bei Evakuierungsübungen trauen sich erfahrungsgemäß sechs von zehn Frauen und nur vier von zehn Männern, diesen Fluchtweg zu nutzen. Immerhin geht es senkrecht in die Tiefe und bei Übungen "erleichtert" auch kein flammendes Inferno die Entscheidung.

Professor Klingsch testet für [W] wie Wissen diese Rutsche. Um Haut und Kleider zu schützen, trägt er einen Overall. Im Ernstfall geht es auch ohne Schutzkleidung.

Der Professor klettert mit den Füßen voran in den Einstiegstunnel und verschwindet nach kurzem Zögern in der senkrechten Röhre. Über die wendeltreppenartige Rutschbahn im Inneren schraubt er sich Richtung Boden. Seine Schuhe musste er vorher ausziehen. Er hätte sonst mit den Gummisohlen im Stoffschlauch hängen bleiben können. Etwa 45 Sekunden später kommt er etwas außer Atem unten an. Denn die einzige Möglichkeit, im Schlauch zu bremsen besteht darin, die Beine anzuziehen und die Knie auseinander zu drücken. Das kostet Kraft.

Das Urteil des Experten: "Ja, sicherlich im Ernstfall eine mögliche Alternative. Man sieht einen Einstieg, aber man sieht die Tiefe nicht und dadurch ist eventuell eine psychologische Besorgnis nicht gegeben. Das Tempo kann man sehr gut selbst regulieren. Eigentlich kein Problem."

Einmal Spiderman spielen

Das nächste Rettungssystem ist einfacher zu montieren und es passt in einen kleinen Rucksack. Dafür braucht der Benutzer allerdings etwas mehr Mut. Denn die Sache hat einen Haken - und an dem soll der Professor gleich hängen. Eine stabile Öse aus Edelstahl wird an der Außenseite des Gebäudes montiert. Prof. Klingsch ist zunächst skeptisch: "Und das soll halten?" Die Antwort des Technikers: "1600 kg Tüv geprüft!".

Die Befestigung für das Rettungssystem muss von Fachleuten installiert werden. Für die Benutzung dagegen ist kein Fachwissen nötig, wohl aber ein Spezialoverall mit aufgenähten Gurten. Im Gegensatz zu Sicherungsgeschirr, wie man es aus dem Bergsport oder von Fensterputzern kennt, kommt der Benutzer nicht mit den Gurten durcheinander. Denn die sind ja an der richtigen Stelle am Overall bereits aufgenäht. Solche Overalls und das nötige Abseil-Zubehör müssen auf den Etagen immer griffbereit liegen.

Versuch 2: Abseilen an der Hauswand

Das Herzstück des Systems ist eine automatische Abseilanlage. Zwei Fliehkraftbremsen in einem Metallgehäuse sorgen dafür, dass das Seil nur langsam durchläuft. Ein Ende hängt bis zum Boden. Am anderen Ende klinkt sich Professor Klingsch ein. Wenn er das Seil mit seinem Körpergewicht belastet, wird es mit 0,6 Metern pro Sekunde abwärts gehen. Bedenkzeit gibt es keine.

Professor Klingsch wirkt angespannt, als er im 10. Stock über die Brüstung klettert. Doch er tut es. Zunächst pendelt er hin und her und hat Mühe, nicht gegen hervorstehende Absätze in der Fassade zu stoßen. Doch langsam bekommt er Übung. Die Reise zum Erdboden wird ruhiger.

Mit dem Abseilsystem lassen sich im Pendelverkehr viele Personen retten. Denn während der Professor Richtung Boden unterwegs ist, wird das andere Seilende nach oben gezogen. Dort kann sich gleich der Nächste einhaken. Mittlerweile rüsten auch einige Baufirmen ihre Kräne mit diesem System aus, damit der Kranführer bei Verletzungen oder Schwächeanfällen nicht die Leiter herunterklettern muss. Eine Hilfsperson oben ist nicht nötig. Das Abseilen erledigt die Seilbremse automatisch. Das System ermöglicht Evakuierungen aus einer Höhe von bis zu 300 Metern.

Und Prof. Wolfram Klingsch meint dazu: "Eine sehr interessante Alternative. Was man sicherlich üben sollte, ist das einmal anzulegen und sich abzuseilen. Denn das größte Problem ist das Übersteigen der Brüstung. Danach ist es eigentlich halb so schlimm."

Gegen den Rauch anblasen

Die dritte Rettungsmöglichkeit erfordert keinen Mut – dafür aber eine spezielle Anlage, mit der das Hochhaus ausgerüstet werden muss: Schlägt ein Rauchmelder Alarm, startet ein kräftiges Gebläse und erzeugt im Treppenhaus einen Überdruck. Durch die Türritzen wird die Luft in die Wohnungen gepresst. Dadurch werden auch Rauchgase zurück in Richtung Brandherd gedrängt. Der Qualm hat keine Chance, gegen den Luftstrom ins Treppenhaus zu dringen. Rauch, der bereits im Treppenhaus ist, wird durch Luken im Dach herausgepresst. Dadurch bleibt das Treppenhaus als Fluchtweg frei und die Feuerwehr kann ihrerseits schnell zum Brandherd vorrücken. Allerdings kosten solche Systeme nach Angaben des Brandschutzexperten bis zu 100.000 Euro und mehr.

Brandschutzexperte Prof. Wolfram Klingsch urteilt über diese System: "Das ist eine sehr wirkungsvolle Technik, die gar nicht so aufwändig ist und die sich auch nachträglich in alten Hochhäusern installieren lässt. Meistens jedenfalls."

Dringende Nachbesserung

Es gibt also Rettungsmöglichkeiten, doch keine Gesetze, die Hausbesitzer zum Nachrüsten zwingen. Prof. Klingsch: "Das ist eine Frage der Kosten. Das Problem ist, dass man behördlich nicht die richtige Handhabe hat, etwas zu fordern. Diese Gebäude haben Bestandschutz, das heißt, deren Zustand war mal genehmigt. Die Vorschriften haben sich geändert. Das bedingt nicht zwangsläufig eine Nachbesserung. Hier ist die Eigenverantwortung der Besitzer gefordert, etwas für die Sicherheit zu tun."

Der Brandschutzexperte fürchtet, dass erst eine Katastrophe passieren muss, damit sich das ändert. Er ist überzeugt davon, dass das nur eine Frage der Zeit ist.

Autor: Björn Platz

Stand: 30.07.2015 11:42 Uhr

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