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Wer arm ist, muss turnen

Kunstturnen ist in China eine traditionelle und sehr beliebte Sportart. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Athleten aus dem Land der Mitte zahlreiche Gold-, Silber- und Bronzemedaillen bei internationalen Wettkämpfen gewonnen.

Entsprechend hoch sind die Erwartungen an den Turnernachwuchs.

Talentschmieden sollen Medaillen-Gewinner hervorbringen

Nach dem Ende des Mao-Regimes und mit der langsamen Öffnung in den achtziger Jahren stellte China fest, dass Medaillen bei Großereignissen gut fürs Ansehen sind. Das größte Land der Welt begann, in den Hochleistungssport zu investieren und entwickelte ein umfassendes Fördersystem. Teil dieses Systems sind Sportinternate, in denen als talentiert geltende Kinder leben, zur Schule gehen und vor allem: turnen.

Turnen für Familie und Vaterland

Auch Kinder im Vorschulalter besuchen die Internate. Der Ernst des Lebens beginnt hier früh. Alles, was zählt, ist Leistung. Ob im Mal-, Rechen- oder Turnunterricht: Die Kinder müssen immer versuchen, besser zu sein als ihre Mitschüler: ein Wettbewerb von klein auf in allen Lebensbereichen. Nur wer Leistung zeigt, wird belohnt. Schwächen dagegen werden nicht akzeptiert.

Die Kinder bekommen nicht nur Druck von ihren Trainern, sondern oftmals auch von ihren Familien. Der Staat belohnt erfolgreiche Sportler – auch finanziell. Ein talentiertes Turnkind in der Familie verspricht sozialen Aufstieg.

Schmerzhafter Drill bestimmt den Alltag

Drei Mädchen hängen am Reck
Tian, Deng und Wang dürfen das Reck nicht loslassen. | Bild: NDR/Shanghai Double Montage Production Company

Schon im Alter von fünf Jahren müssen die Kinder härtestes Kraft- und Ausdauertraining absolvieren. Eine typische Übung ist minutenlanger Handstand. Dabei sollen die Kinder oftmals noch laut zählen: trotz den Tränen, die fließen. Auch Klappmesser an der Sprossenwand gehört zum üblichen Pensum.

Sportmediziner und Orthopäden warnen grundsätzlich davor, die Muskeln zu überbeanspruchen. Denn wenn diese im Rahmen eines Ausdauertrainings ermüden, kommt es automatisch zu einer Überbelastung von Bändern, Sehnen und Gelenkkapseln, was wiederum zu bleibenden Gelenkschäden führen kann.

Biegsamer Kinderkörper

Damit der Turnernachwuchs gelenkig wird, machen die Kinder jeden Tag Dehnungsübungen für die Beine, Arme und den Rücken. Oftmals hilft der Trainer mit vollem Körpereinsatz nach, um den Oberkörper noch weiter nach vorn oder in die andere Richtung – nämlich ins Hohlkreuz - zu drücken. Auch hier besteht laut Experten die Gefahr, dass die Muskulatur derartige "Stresssituationen für den Knochen" nicht kompensieren und abdämpfen kann. Die mögliche Folge: Ermüdungsbrüche im Wirbelsäulenbereich.

Hohes Risiko bei geringen Erfolgsaussichten

Chinas Turnkinder laufen Gefahr, ihre Gesundheit zu ruinieren. Früher oder später stellt sich nämlich bei den meisten von ihnen heraus, dass sie doch nicht die richtige Statur haben, fürs Turnen zu dick oder einfach nicht talentiert genug sind. Dann müssen sie das Sportinternat verlassen. Die Träume ihrer Trainer und Eltern sind zerplatzt. Statt Medaillen bleiben den Kindern unter Umständen nur körperliche Schäden.

Turnen mit Augenmaß und Trainingsplan

Sport im Kindesalter sollte laut Medizinern vor allem dazu dienen, das Koordinationsvermögen der Nachwuchsturner zu fördern. Es gilt, Bewegungsmuster möglichst früh zu erlernen, nicht aber Kraft- und Ausdauertraining zu absolvieren. Letzteres ist erst im Alter von etwa zwölf Jahren sinnvoll. Grundsätzlich gilt: Fördern ja! Fordern nein!

Drill in der Gruppe ist grundsätzlich problematisch: Nicht jedem hilft jede Übung. Manchen schadet sie sogar. Wer erfolgreich und gesund trainieren will, der benötigt einen strukturierten, auf ihn individuell abgestimmten Trainingsplan.

Autorin: Maud Schwarz

Stand: 30.01.2014 09:28 Uhr

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