SENDETERMIN So., 19.04.09 | 17:03 Uhr | Das Erste

Nashornbaby aus dem Eis

Die Jagd nach dem Sperma

Nashorn-Mutter mit Baby
Das erste Nashornbaby aus dem Eis | Bild: SWR

Für die Erhaltung bedrohter Tierarten reichen konventionelle Schutzmaßnahmen oft nicht mehr aus. Berliner Wissenschaftler versuchen daher, Genressourcen für die Zukunft zu sichern, indem sie Wildtieren Sperma abzapfen und schonend tiefgefrieren. Aus dem Kälteschlaf erwacht lassen sich damit Nachkommen erzeugen.

Wissenschaftler des Leibnizinstituts für Zoo- und Wildtierforschung haben Nashornbullen in Südafrika mit dem Betäubungsgewehr narkotisieren lassen, um ihnen Sperma zu entnehmen. Schläft das Tier, wird ihm eine Sonde in den Darm geschoben. Sie reizt elektrisch die Prostata des Tieres, um den Ejakulationsreflex auszulösen. Danach lässt sich das Sperma durch Massage des Penis gewinnen und für das Tiefgefrieren vorbereiten. Diese Prozedur hat sich zwar schon in Zoos bewährt, wurde aber noch nie in freier Wildbahn durchgeführt.

Breitmaulnashörner zählen zu den zweitgrößten Landsäugetieren der Erde. Wenn sie ihre Muskeln spielen lassen, kann es gefährlich werden. Doch das Risiko nehmen die Berliner Tierärzte in Kauf. Ihre Mission hat Modellcharakter. Sie sehen darin eine Chance, die vom Aussterben bedrohten Verwandten der Rhinos zu retten, nämlich die Nördlichen Breitmaulnashörner. Davon gibt es nur noch wenige Exemplare in Zoos und möglicherweise noch vereinzelt wild lebende Tiere im Kongo oder im Sudan. Die Methode zum Artenschutz: Besamung von Weibchen mit Gefriersperma.

Kälteschlaf für Samenzellen

Voraussetzung für eine künstliche Befruchtung - auch noch Jahre nach der Spermaentnahme - ist eine spezielle Gefriermethode. Die Berliner Forscher haben sich einen besonderen Trick einfallen lassen: Eine Apparatur bewegt die Samenflüssigkeit beim Abkühlen. Dadurch wird erreicht, dass mehr als fünfzig Prozent der Spermazellen überleben. Sie werden in einem Tank mit flüssigem Stickstoff gelagert. Bei Minus 196 Grad Celsius bleibt die Qualität des Samens bis zu 3.000 Jahre erhalten.

Künstliche Befruchtung

Katheter wird eingeführt
Zeugung von Menschenhand | Bild: SWR

Eine Nashornkuh würde sich bei Bewusstsein nicht künstlich besamen lassen. Das geht nur unter Narkose. Monatelang wurde das Tier mit Vitaminen und Hormonen auf das Ereignis vorbereitet. Das Ultraschallbild zeigt: Die Dame ist empfängnisbereit.
Es folgt die schwierigste Phase des Eingriffs. Das aufgetaute Sperma muss mit Hilfe eines Katheters möglichst nahe an die reifen Eizellen herangebracht werden. Dann muss die Natur das ihre tun, damit daraus ein Baby entsteht.

Die Geburt

Das neugeborene Kalb
Das neugeborene Kalb | Bild: SWR

Ende 2008 hat das schon bei Muttertier Lulu geklappt. Sie bringt das erste Nashornbaby "aus dem Eis" zu Welt. Der Sohn bringt 45 Kilo auf die Waage. Die Berliner "Erzeuger" verfolgen die Geburt am Laptop, erleichtert und auch ein wenig stolz. Sie sind überzeugt, dass sie mit ihrer Methode auf dem richtigen Weg sind.

Hoffnung für das Nördliche Breitmaulnashorn

Auch das Südliche Breitmaulnashorn war vor hundert Jahren vom Aussterben bedroht. Der Bestand hat sich dank rigoroser Schutzmaßnahmen wieder erholt. Babys aus dem Eis bieten nun eine zusätzliche Möglichkeit, gefährdete Tierarten zu erhalten. Der Erfolg der Berliner Forscher macht Hoffnung, auch die fast ausgestorbenen nördlichen Verwandten dieser Dickhäuter in der Savanne anzusiedeln.

Adressen & Links

Die Homepage des Leibniz – Instituts für Zoo– und Wildtierforschung
www.izw-berlin.de

Informationen des WWF zum Breitmaulnashorn.
wwf-arten.wwf.de

Autoren: Hans J. von der Burchard / Ingo Rudloff

Stand: 11.05.2012 13:03 Uhr

Sendetermin

So., 19.04.09 | 17:03 Uhr
Das Erste

Sprungmarken zur Textstelle