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Faszination Delfin

Delfine
Neugierige Delfine | Bild: BR

Delfine - nicht erst seit "Flipper" fühlen wir uns den eleganten Meeressäugern verbunden. Der Legende nach sind sie Boten der Götter und Tiere, die Schiffbrüchige retten. Ein Tier mit einem scheinbar immerwährenden Lächeln, dem wir oft menschliche Verhaltensformen andichten. Doch nicht mit den Attributen, die ihnen der Mensch gegeben hat, haben sich Delfine in allen Weltmeeren verbreitet.

Aggressiver als man denkt

Delfine
Delfine haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten | Bild: BR

Ihr Erfolg beruht auf der Stärke und Vitalität eines Raubtieres, Schnelligkeit, Intelligenz und ausgeprägtem Sozialverhalten. Schon bei der Paarung wird deutlich, dass Kraft und Aggression eine große Rolle spielen. Es kann schon vorkommen, dass sich fast 50 Männchen sich um ein paarungsbereites Weibchen drängen. Paarungen können zu jeder Jahreszeit stattfinden und das Vorspiel kann Stunden dauern.
Mayaan Buchris ist einer der wenigen Menschen weltweit, der das Glück hatte, mehrmals Delfinpaarungen zu beobachten. Die 27 Jahre alte Israelin arbeitet seit acht Jahren mit Delfinen im Delfinzentrum Eilat am roten Meer. Und sie hat viel beobachtet, das nicht zum Klischee vom süßen, ewig lächelnden Delfin passt. "Gruppensex ist gar nicht so selten. Ich habe schon beobachtet, wie sich zwei Brüder mit der Schwester paaren oder die Mutter mit dem Sohn. Es hängt sehr stark von dem Charakter der Tiere und der Situation ab. Auch wie die Tiere vorgehen, hängt von ihrem Gegenüber ab. Ich kann mich erinnern: Zindy, ein dominantes Männchen, behandelt die Weibchen ganz unterschiedlich. Zu einer ist er sehr sanft. Zu einer anderen ist er brutal, für mich fast unvorstellbar aggressiv. Er schlägt sie bei der Paarung regelrecht."

Ausgeklügelte Jagdmethoden

Delfine passen ihre Strategien dem Lebensraum an. Je nach Region können sie völlig unterschiedlich Jagdmethoden anwenden. Am roten Meer im Flachwasser drehen die Tiere die Köpfe über dem Sand hin und her. Im Kopf sitzt ein Organ, die so genannte Melone. Es sendet Ultraschallwellen aus. Sogar tief im Sand versteckte Beutetiere können aufgespürt werden. Ihren perfekten Augen, mit denen die Tiere Unterwasser wie auch über der Wasseroberfläche sehen, entgeht auch im aufgewühlten Wasser fast nichts. Das Echolot funktioniert wie ein sechster Sinn. Forscher aus Hawaii haben diese Fähigkeit nun eingehender untersucht - und kamen zu einem wenig überraschenden Resultat: Mit ihrer Echo-Ortung können Delfine die Umwelt räumlich erkennen.

Wichtigster Sinn: Echo-Ortung

Delfin mit Beute im Maul
Die Tiere können Gegenstände orten | Bild: BR

Mit wissenschaftlichen Versuchen mit einem dressierten Großen Tümmler im Laborbecken der Universität Hawaii wollte der Tierforscher Brian Branstetter herausfinden, wie sich Delfine mit Hilfe der Echo-Ortung orientieren. "Die Echo-Ortung dient hauptsächlich zur Nahrungssuche", sagt Branstetter. "Aber auch sonst sind Delfine ständig damit beschäftigt, ihre Umgebung zu scannen." Dabei senden die Tiere mit ihrem Vorderkopf laute, hochfrequente Schallimpulse aus, die Experten bezeichnen sie als Clicks. "Werden diese Clicks von irgendetwas reflektiert, etwa von einem Fisch, fangen die Delfine die Echos auf und können daraus Informationen extrahieren", erläutert Branstetter. Mit Hilfe dieser Echo-Ortung kann ein Delfin seine Beute selbst dann finden, wenn er nichts sieht. Er kann buchstäblich im Trüben fischen - und auch im Dunkeln. Nur wie präzise die Echo-Ortung funktioniert, war bislang noch nicht bekannt. Und genau das wollten Branstetter und seine Kollegen mit ihren Versuchen herausfinden. "Das läuft ähnlich wie bei einem Sehtest", beschreibt der gelernte Psychologe. "Mit einem Unterschied: Wir decken die Augen des Delfins ab. Er muss sich also ausschließlich mit Hilfe seiner Echo-Ortung zurechtfinden." Auf einer Distanz von einem Meter kann ein Delfin Dinge bis auf einen Zentimeter genau orten - so das Ergebnis eines Versuchs von Brandstetter und seinem Team.

Aus einem weiteren Versuch folgert Branstetter, dass die Echo-Ortung dreidimensional statt, wie bislang vermutet, nur zweidimensional funktionieren muss: Mit seinen Clicks vermag der Delfin die räumliche Gestalt eines Beutefisches oder auch eines Angreifers ziemlich genau zu erkennen. Und diese Eigenschaft ist gerade in trüben und dunklen Gewässern überaus nützlich. "Einige der Beutefische sind ziemlich klein und schwimmen dicht beieinander in Schwärmen", sagt Branstetter. "Der Delfin braucht also ein gutes räumliches Erkennungsvermögen, um sich einen kleinen Fisch in einem großen Schwarm zu schnappen."

Jagd mit Luftblasen

Fischschwarm
Die Beute der Delfine | Bild: BR

Und das greift bei der Jagd auf Fische im offenen Meer. Den Nachteil der Meeressäuger, immer wieder Luft holen zu müssen, nutzen Delfine zum unschlagbaren Vorteil. Luftblasen werden zu einem Netz! Über akustische Kommandos organisieren sich die Delfine. Eine Gruppe stößt in der Tiefe "Blasenvorhänge" aus. Eingesperrt in diesem "Netz" drängen sich die Opfer immer enger zusammen. Jetzt braucht der Delfin nur noch auf Echolot "umschalten" und schon kann er einzelne Tiere schnappen.

Akustischer Fingerabdruck zur Erkennung

Zwei Delfine
Die Tiere erkennen sich an einem Pfeifton | Bild: BR

Wenn Mayaan die Tiere im Delfinzentrum in Eilat ruft, hat sie eine spezielle Pfeife: "Außerhalb des Wassers hören sie mich nicht. Ich habe ein Gerät mit einem speziellen Geräusch, mit dem ich sie unter Wasser rufe. Manchmal kommen sie, manchmal nicht"

Oft sind sie mit sich selbst beschäftigt. Mit Bewegungen und Luftblasen teilen sich die Tiere untereinander mit. Manche Tiere leben ihr ganzes Leben in einer Gruppe. Nur über Kommunikation ist gewährleistet, dass sich jedes Gruppenmitglied auf das andere verlassen kann. Auch mit Hilfe komplexer Pfeiftöne treten sie untereinander in Kontakt, um die sozialen Kontakte aufrechtzuerhalten. "Schon wenige Monate nach seiner Geburt lernt ein kleiner Delfin einen einzigartigen Pfeifton. Er ist sehr wichtig für das Individuum in der Gruppe – wie ein akustischer Fingerabdruck, der sich über ein ganzes Delfinleben nicht verändert – das Erkennungszeichen untereinander schlechthin. Für mich wäre das so, als würde ich ständig rufen: Ich bin Mayaan. Hier bin ich. Und alle wissen so, wer und wo ich bin."

Verspielte Tiere mit Charakter

Delfin
Intelligent und verspielt | Bild: BR

So hoch entwickelte, erfolgreiche Jäger sind nicht den ganzen Tag auf Nahrungssuche. Delfine haben Zeit zu spielen, zu genießen. Aber warum ein Tier Kontakt mit dem Menschen aufnimmt, hängt immer von ihm selbst ab – und von den Umständen, unter denen es lebt. Jedes Tier hat eine eigene Vorstellung, wann es was tun will. Wie es dazu kommt, dass sich ein Weibchen wie Nada – die Mayaan seit acht Jahren kennt - überhaupt berühren lässt, ist schwer zu durchschauen und bedarf viel Einfühlungsvermögen. "Kaum ist Radschja weg, kommt Nada wieder, um sich streicheln zu lassen. Wenn Radschja zurückkommt, verschwindet Nada. Das ist immer so. Sie mag ihn nicht. Radschja ist ihr kleiner Bruder und er ärgert sie immer. Das erträgt sie nicht."

Jeder Delfin hat einen eigenen Charakter – doch warum die Tiere wie reagieren, hat nur selten mit den Kategorien menschlichen Denkens zu tun. Ihrer Faszination auf den Menschen tut dies keinen Abbruch.

Adressen & Links

Wer mehr über Delfine wissen möchte, findet viele Informationen auf dieser Website:
www.wale-delphine.de/

Delfinzentrum Eilat, in dem die Biologin Mayaan Buchris arbeitet:
www.dolphinreef.co.il

Literatur

Mark Simmonds
Wale und Delphine der Welt
Delius Klasing Verlag, 2006
ISBN 3-7688-1766-0

Autor: Florian Guthknecht (BR)

Stand: 18.09.2015 14:04 Uhr

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So., 31.01.10 | 17:03 Uhr
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