SENDETERMIN So, 28.02.10 | 17:03 Uhr

Problem Tagebau: Auf Spurensuche in Nachterstedt

Ein Haus und drei Menschen verschwinden

Erdrutsch von Nachterstedt
Erdrutsch von Nachterstedt | Bild: MDR

Nachterstedt im Februar 2010. Das einstige Bergbau-Dorf zwischen Magdeburg und Halle versinkt im Schnee. Die weiße Pracht scheint auch die Trauer um das Unglück zu bedecken, das vor sieben Monaten den Ort heimsuchte: Am Samstag den 18. Juli 2009 verlieren die Nachterstedter buchstäblich den Boden unter ihren Füßen. Es ist morgens 4:40 Uhr. Urplötzlich bricht das Südwestufer des nur wenige hundert Meter entfernten Tagebau-Sees Concordia auf einer Länge von 350 Metern ein. Die Erdmassen reißen ein Haus und drei Menschen mit in die Tiefe. Die Region ist geschockt. Auf dem Concordia-See ruhten die Hoffnungen der Menschen hier. Seit 1999 wurde der ehemalige Tagebau mit Grundwasser geflutet. Es entstand der größte künstliche See im Harz-Vorland (Sachsen-Anhalt). Statt der Braunkohle sollten die Touristen die Wirtschaft Florieren lassen. Doch seit dem Unglück ist der See gesperrt.

Sieben Monate später

Blumen erinnern auch im Februar 2010 an das Unglück
Blumen erinnern auch im Februar 2010 an das Unglück | Bild: SWR

Sieben Monate nach dem Unglück macht sich das W wie Wissen-Team auf Spurensuche. Zum Unglücksort selbst werden wir nicht vorgelassen – noch immer droht Erdrutschgefahr. Die zuständige Behörde in Magdeburg, das Landesamt für Geologie und Bergwesen, hüllt sich in Schweigen. Wegen des noch laufenden Verfahrens der Staatsanwaltschaft gegen Unbekannt möchte man zurzeit keine Auskunft geben. Das ausführliche Gutachten, das der Behörde seit Ende 2009 vorliegt, bekommen wir nicht zur Einsicht. Lediglich eine Pressemitteilung des Gutachters gibt derzeit Auskunft über den Stand der Untersuchungen. Der Untergrund an der Unglücksstelle bestehe aus gleichkörnigen und lockeren Sanden, die in den zwanziger Jahren als Abraum aufgeschüttet wurden.

Es war nicht der erste Erdrutsch in Nachterstedt

Zeitungsbericht vom Grubenunglück 1939
Zeitungsbericht vom Grubenunglück 1939 | Bild: SWR

Unsere Recherchen führen uns nach Aschersleben. Etwa zwanzig Kilometer von Nachterstedt gelegen. Im dortigen Stadtarchiv stoßen wir auf erste Hinweise zu den möglichen Ursachen des Unglücks. Der Erdrutsch im vergangenen Jahr war nicht die erste Katastrophe im Tagebau Nachterstedt. 1939 wurden acht Bergleute vom sandigen Abraum des Tagebaus begraben. Die unverfestigten Sande waren ins Fließen geraten. Geologen kennen dieses Phänomen und nennen es Setzungsfließen. Zwanzig Jahre später, am 2. Februar 1959, gerät der Abraum wieder ins Fließen. Acht Millionen Kubikmeter Sand begraben einen Bergmann, zerstören zwei Absetzbagger und eine Lokomotive. Wieder wird Setzungsfließen als Ursache angegeben.

Ein aufschlussreiches Experiment

Wenige Minuten strömt Wasser von hinten in den Sand, bevor die Böschung einbricht
Im Experiment strömt wenige Minuten Wasser von hinten in den Sand, bevor die Böschung einbricht | Bild: SWR

Um mehr über das Phänomen Setzungsfließen zu erfahren, fahren wir nach Clausthal-Zellerfeld im Harz. Professor Hossein Tudeshki von der dortigen Technischen Universität erforscht seit Jahren derartige Fließprozesse. Was in Nachterstedt geschah, ist für ihn keineswegs rätselhaft. Für uns hat er ein Experiment aufgebaut, das die Situation am dortigen Tagebausee nachstellen soll.

In einem Aquarium ist auf der einen Seite eine Böschung aus Sand modelliert. Die andere Hälfte wird mit Wasser gefüllt. Sie soll den Tagebausee simulieren. "Die Einflussfaktoren", erklärt der Geologe, "sind zum einen die Struktur des Sandes und die Form der Sandkörner." Die lockere Lagerung des Sandes in dem Experiment entspräche dem Abraum des Nachterstedters Tagebaus. "Der dritte Einflussfaktor ist sicherlich das Wasser." Nun brauche man nur noch einen Auslöser, damit die Rutschung vonstatten gehen könne. Tudeshki nimmt hier - angeregt durch die Pressemitteilung des Gutachers - eine unterirdische Strömung an. Diese Strömung fließt von hinten in den Sand, also Richtung Wasser. Nach kurzer Zeit kommt Bewegung in den Sand der Böschung. Dann geht alles sehr schnell – es gibt kein Halten mehr. Die Böschung stürzt ein und fließt regelrecht in das Waser.

Genau so, glaubt Tudeshki, ist es in Nachterstedt abgelaufen. Sogar die Abbruchkante und die Risse im Sand erinnern an den Unglücksort. Tudeshkis Fazit: "Die Vorrausetzungen für ein Setzungsfließen, nach den vorliegenden Unterlagen waren gegeben. Ein Faktor war unklar. Nämlich der Zeitpunkt eines solchen Ereignisses, den konnte niemand vorhersehen." Aber irgendwann musste es einfach passieren.

Die wichtigsten Einflussfaktoren waren lange bekannt

Karte des Gebietes
In den 80-er Jahren stand noch der sogenannte Stützpfeiler | Bild: SWR

Der Blick auf die geologische Karte und in die Geschichte des Tagebaus macht die Situation klar: Der Untergrund südwestlich des Tagebausees besteht aus lockeren Abraumsanden. Jahrzehntelang sicherte ein Block gewachsenes Gestein den Abraum: der sogenannten Stützpfeiler. Der aber wurde in den Achtzigern abgebaut. Als Anfang 2000 der See geflutet wurde, war die Katastrophe vorprogrammiert. Eine Katastrophe mit Ansage sozusagen. Wer all dies hätte wissen müssen und daher die Verantwortung trägt – das zu klären dauert sicher länger als die Suche nach den wissenschaftlichen Ursachen.

Adressen & Links

Wissenschaftliche Arbeit über die Sande bei Nachterstedt (PDF):
sundoc.bibliothek.uni-halle.de

Kommentar und Video eines britischen Geologen über Erdrutsche beim
Tagebau:
daveslandslideblog.blogspot.com/2009/07/update-nachterstedt-landslide.html

Autor: Hilmar Liebsch (SWR)

Stand: 28.10.2014 13:13 Uhr

Sendetermin

So, 28.02.10 | 17:03 Uhr

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